Media Coverage 2006

Leben im Zwiespalt: Das neue Selbstbewusstsein der jüdischen Deutschen 

Place: Berlin

Mehr als sechzig Jahre nach der Shoah: Das neue Selbstbewusstsein der jüdischen Deutschen

Wer im Sommer 2002 am Berliner Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße entlangging, dem musste ein riesiges, von der Fassade herabhängendes Tuch auffallen, mit den Worten »Berliner Juden für Israel«. Dieses Poster war angebracht worden als Reaktion auf antiisraelische Ausfälle, in denen damals bekanntlich über »Israels Vernichtungskrieg« und andere angebliche Parallelen Israels zu Nazideutschland sinniert wurde. Jahrzehnte nach Kriegsende blieb es undenkbar, dass sich Juden in Berlin als »Berliner Juden«, als »deutsche Juden« oder »jüdische Deutsche« bezeichnen würden. Der ethnische Bruch zwischen beiden Gruppen war zu tief, Juden wohnten nur zeitweise und mit gepackten Koffern hier, als Verweiler.

Wenn heute Juden von sich öffentlich als »Berliner Juden« oder gar »jüdischen Deutschen« sprechen und eine junge deutsche Rabbinerin, Elisa Klapheck, in ihrer Autobiografie von ihrer tiefen Bindung an deutsche Kultur spricht, so zeigt dies eine fundamentale Wandlung in der jüdischen Gemeinschaft. [...]

[Die] radikale Ablehnung eines Lebens in Deutschland und die Identifikation mit Israel drückt die Gefühle vieler Juden in der Nachkriegszeit aus, ob sie nun aus Deutschland kamen oder aus Osteuropa. Der Zentralrat schrieb damals, sie seien »Zeugen des beispiellosen ›Stirb und Werde‹ unseres Volkes«, und so galt ihr »erster Gruß zum Jahreswechsel den verantwortlichen Männern unserer Regierung im Heiligen Land, der verehrungswürdigen Gestalt des Staatspräsidenten Professor Weizmann und dem von dynamischer Schaffenskraft erfüllten Ministerpräsidenten Ben Gurion«. Dieselben Grüße ermahnen alle Juden, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen.

Dementsprechend feiert eine Veranstaltung der »Juden in Berlin« im Mai 1948 den neuen Staat; sie schloss mit dem »gemeinsamen Sang der Hatikwa«, wobei diesen Juden »zum ersten Mal nach der Gründung des Staates Israel die Gelegenheit gegeben war, sich zu ihrem Staate und ihrem Volke öffentlich zu bekennen«. In keinem anderen Land – Kanada, den USA oder Frankreich – ist damals jüdischerseits von der israelischen als »unserer Regierung« gesprochen worden. [...]

In den achtziger Jahren wurde das deutsche Judentum aufgewertet

Von 1945 bis zur Zeit nach dem Sechstagekrieg werden die Wege gebahnt, auf denen jüdisches Leben in Deutschland sich weiter entwickeln konnte. Den ersten Aufbruch gibt es zur Zeit der Studentenbewegung, die in ambivalenter Form auch junge Juden mobilisierte. Zuvor schien ein normales, würdiges jüdisches Leben in Deutschland nicht einmal denkbar, doch nun wird eine vorsichtige, skeptische Öffnung zur deutschen Gesellschaft angedeutet. Ein Buch wie Lea Fleischmanns Dies ist nicht mein Land. Eine Jüdin verlässt die Bundesrepublik zeigt diese Öffnung gegenüber Deutschland, weil die Alternative, in Deutschland zu leben, ja durchaus in Betracht gezogen wird. In früheren Jahren war das »Gehen oder Bleiben« nicht einmal eine Frage.

Nach 1968 wird immer deutlicher, dass die jüngere Generation die Auswanderung nach Israel nicht mehr als allein selig machenden Lebensentwurf betrachtet. In den achtziger Jahren erleben wir dann eine zögerliche Aufwertung des historischen deutschen Judentums. Nun wurde auch die jüdische Genealogie weiter umgeschrieben: Man entfernte sich von Ben Gurion und Chaim Weizmann und richtete den Blick auf Moses Mendelssohn und Glikl von Hameln als »genuine« Ahnen. [...]

Gleichzeitig kommt hier ins Spiel, was man »diasporische Ambivalenz« nennen könnte und das vor allem während des zweiten Golfkrieges sichtbar wurde. Die Befürwortung des Krieges und der Vorwurf des Antiamerikanismus seitens jüdischer Sprecher in Deutschland kontrastierte mit der überwältigenden Antikriegsstimmung der Deutschen – und auch vieler Juden.

Für die jüdische Prokriegsposition innerhalb eines breiteren, nach amerikanischem Muster sich neokonservativ gebenden Milieus gibt es mehrere Gründe. Zunächst spiegelte sich in der Haltung vieler deutsche Juden die starke Tendenz in Israel, das Regime Saddam Husseins als existenzielle Bedrohung zu empfinden – mit gutem Grund. Nicht minder wichtig ist jedoch, dass viele Juden in Deutschland eine besondere Affinität zu den Vereinigten Staaten empfinden, was sich aus der Rolle Amerikas als Garant jüdischer Belange im Nachkriegsdeutschland erklären lässt.

Ambivalenz heißt auch: Einerseits bestehen seit der Schoah begründete Vorbehalte fort; andererseits existiert ein hohes Maß an Loyalität gegenüber Deutschland. Diese Loyalität wird von jüdischen Repräsentanten gerade im Ausland demonstriert. Das Bekenntnis zum diasporischen Leben in Deutschland wird auch im Staatsvertrag deutlich, den Berlin mit dem Zentralrat geschlossen und am 27. Januar 2003 unterzeichnet hat. In einem Interview hat Paul Spiegel es unlängst so zusammengefasst: »Heute denke ich daran, wie Deutschland aussah, als ich als Siebenjähriger von der Flucht vor den Nazis zurückkam, und welch schönes Land es heute ist.«

Ausgerechnet die Partei von Ignatz Bubis duldete antisemitische Töne

Unleugbar bleibt bei alledem der unterschätzte, hartnäckige, Neonazismus – und auch die sich seit Jahrzehnten manifestierenden antijüdischen Ausfälle, bis in die Spitzen der deutschen Gesellschaft – vom Bürgermeister in Korschenbroich über Martin Walser bis zu den Bundestagsabgeordneten Fellner und Hohmann. Nichts ist dafür bezeichnender als die von der FDP wahltaktisch tolerierten Töne Jürgen Möllemanns – ausgerechnet der Partei, für die sich Ignatz Bubis lange engagiert hatte und die ihm damit als Dank noch posthum eine Ohrfeige verabreichte.

Doch auch Bubis darf nicht nur von seinen pessimistischen letzten Monaten her gesehen werden; sein langjähriger Optimismus über jüdisches Leben in Deutschland muss ebenfalls gewürdigt werden; gewürdigt werden muss auch die heute gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus weitgehend immunisierte öffentliche Meinung. [...]

Der Autor lehrt Soziologie an der Universität Toronto. Von ihm erschien zuletzt: »A Jewish Family in Germany Today. An Intimate Portrait« (Duke University Press, 2005)
by von Y. Michal Bodemann, Die Zeit, January 26, 2006
Prof. Michal Bodemann of the University of Toronto is a long-standing partner of the Goethe-Institut Toronto.

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