Canadian War Museum: Helden, die nicht Opfer sind
Ort: Ottawa
Ereignis: Während seiner Munk-Goethe Writers Residency, organisiert durch das Goethe-Institut Toronto, schrieb Thomas Medicus Beiträge zu War Museum-Debatte.
[...] Das CWM ist nicht bloß Geschichtsmuseum. Es ist, wie häufig bei Kriegsmuseen, auch nationaler Weihe- und Gedenkort. „Erziehen, Bewahren, Erinnern“, lautet der museumspädagogische Auftrag. Die militärische Vergangenheit Kanadas dürfte nie vergessen werden, heißt es patriotisch auf der Website. [...]
Im multikulturellen Kanada geht es dem Museum auch um mentales „nation building“, auch deshalb wurde das Museum jüngst Zielscheibe heftiger öffentlicher Angriffe. Streitpunkte war eine Texttafel, die die Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges, an der auch die Canadian Royal Air Force (CRAF) beteiligt war, kritisch würdigte. Zu erwähnen, dass in Kanada sei Kriegsende immer wieder kontrovers über die „Strategischen Bomber Offensiven“ diskutiert wurde, war das geringste Vergehen. Schlimmer wog die Meinung der Ausstellungsmacher, die Luftangriffe seien ein inhumaner, obendrein nutzloser Akt gewesen.
„Das Ergebnis der massenhaften Bombenangriffe auf Deutschland waren große Zerstörung und der Verlust von Menschenleben“, lautete der durchaus sachliche Text. „Erfolg wie moralische Berechtigung der Angriffe bleiben stark umstritten“, hieß es weiter: „Ziel der Bomber Kommandos war es, die Moral der Zivilbevölkerung zu erschüttern und Deutschland durch die Zerstörung seiner Städte und Industrieanlagen zur Kapitulation zu zwingen. Obwohl das Bomberkommando wie auch amerikanische Angriffe 600 000 deutsche Ziviltote und mehr als fünf Millionen Obdachlose hinterließen, führten die Angriffe nur zu geringfügigen deutschen Produktionsrückgängen am Ende des Krieges.“ Der insgesamt kaum mehr als zwanzig Zeilen lange Text rief in den vergangenen Wochen, wie es in den Medien hieß, einen landesweiten „Feuersturm“ der Empörung hervor. Kanada erlebt seine bislang heftigste Luftkriegsdebatte. [...]
Die Veteranen wollten den Einsatz ihres Lebens gewürdigt wissen, nicht Opfer, sondern Helden sehen. [...]
In der Zeitung The Globe and Mail stießen die beiden Hauptkontrahenten aufeinander. Paul Manson, pensionierter General, ehemaliger Regierungsbeamter im Verteidigungsministerium und Mitbegründer des CWM, kritisierte, der Text sei „bestenfalls politisch korrekt, schlechtestenfalls Geschichtsrevisionismus“. Gegen diese Polemik verwahrte sich Randall Hansen. Der 37-jährige Professor für Politikwissenschaften an der Universität Toronto bereitet gerade die Veröffentlichung einer Forschungsarbeit über die Bombardierungen vor. Hansens furiose Attacke erklärte den Bombenkrieg rundweg zum Misserfolg, moralisch, aber auch strategisch. [...]
Auf die Drohungen der Veteranenverbände hin wurde der Wortlaut der fraglichen Tafel geändert und ergänzt. Seither fehlt die Zahl der Zivilopfer, ein Video zeigt die Bombardierung aus der Perspektive der Kampfflugzeuge, aber keine Opfer. [...]
Ob Hansens Forschungen die patriotische Korrektheit Kanadas beeinflussen, vielleicht sogar die deutsche Luftkriegsdiskussion wiederbeleben wird, steht bis zur Veröffentlichung seines Buches dahin. [...]
Ereignis: Während seiner Munk-Goethe Writers Residency, organisiert durch das Goethe-Institut Toronto, schrieb Thomas Medicus Beiträge zu War Museum-Debatte.
[...] Das CWM ist nicht bloß Geschichtsmuseum. Es ist, wie häufig bei Kriegsmuseen, auch nationaler Weihe- und Gedenkort. „Erziehen, Bewahren, Erinnern“, lautet der museumspädagogische Auftrag. Die militärische Vergangenheit Kanadas dürfte nie vergessen werden, heißt es patriotisch auf der Website. [...]
Im multikulturellen Kanada geht es dem Museum auch um mentales „nation building“, auch deshalb wurde das Museum jüngst Zielscheibe heftiger öffentlicher Angriffe. Streitpunkte war eine Texttafel, die die Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges, an der auch die Canadian Royal Air Force (CRAF) beteiligt war, kritisch würdigte. Zu erwähnen, dass in Kanada sei Kriegsende immer wieder kontrovers über die „Strategischen Bomber Offensiven“ diskutiert wurde, war das geringste Vergehen. Schlimmer wog die Meinung der Ausstellungsmacher, die Luftangriffe seien ein inhumaner, obendrein nutzloser Akt gewesen.
„Das Ergebnis der massenhaften Bombenangriffe auf Deutschland waren große Zerstörung und der Verlust von Menschenleben“, lautete der durchaus sachliche Text. „Erfolg wie moralische Berechtigung der Angriffe bleiben stark umstritten“, hieß es weiter: „Ziel der Bomber Kommandos war es, die Moral der Zivilbevölkerung zu erschüttern und Deutschland durch die Zerstörung seiner Städte und Industrieanlagen zur Kapitulation zu zwingen. Obwohl das Bomberkommando wie auch amerikanische Angriffe 600 000 deutsche Ziviltote und mehr als fünf Millionen Obdachlose hinterließen, führten die Angriffe nur zu geringfügigen deutschen Produktionsrückgängen am Ende des Krieges.“ Der insgesamt kaum mehr als zwanzig Zeilen lange Text rief in den vergangenen Wochen, wie es in den Medien hieß, einen landesweiten „Feuersturm“ der Empörung hervor. Kanada erlebt seine bislang heftigste Luftkriegsdebatte. [...]
Die Veteranen wollten den Einsatz ihres Lebens gewürdigt wissen, nicht Opfer, sondern Helden sehen. [...]
In der Zeitung The Globe and Mail stießen die beiden Hauptkontrahenten aufeinander. Paul Manson, pensionierter General, ehemaliger Regierungsbeamter im Verteidigungsministerium und Mitbegründer des CWM, kritisierte, der Text sei „bestenfalls politisch korrekt, schlechtestenfalls Geschichtsrevisionismus“. Gegen diese Polemik verwahrte sich Randall Hansen. Der 37-jährige Professor für Politikwissenschaften an der Universität Toronto bereitet gerade die Veröffentlichung einer Forschungsarbeit über die Bombardierungen vor. Hansens furiose Attacke erklärte den Bombenkrieg rundweg zum Misserfolg, moralisch, aber auch strategisch. [...]
Auf die Drohungen der Veteranenverbände hin wurde der Wortlaut der fraglichen Tafel geändert und ergänzt. Seither fehlt die Zahl der Zivilopfer, ein Video zeigt die Bombardierung aus der Perspektive der Kampfflugzeuge, aber keine Opfer. [...]
Ob Hansens Forschungen die patriotische Korrektheit Kanadas beeinflussen, vielleicht sogar die deutsche Luftkriegsdiskussion wiederbeleben wird, steht bis zur Veröffentlichung seines Buches dahin. [...]
von Thomas Medicus, Süddeutsche Zeitung, 23.03.2007



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