Jakob Arjouni: “Ein Schriftsteller sollte sich von jeder Macht fernhalten“
Place: Alberta
Event: Interview with Jakob Arjouni during his visit to Wordfest Calgary.
Der deutsche Schriftsteller Jakob Arjouni, der als einer der besten Krimi-Autoren Europas gilt, hat kürzlich Kanada besucht und in Vancouver, Calgary und Toronto aus seine Büchern gelesen. In einem Interview mit dem Albertaner spricht Arjouni über seine Werke, die Rolle des Schriftstellers in der modernen Industriegesellschaft und warum er gern Krimis schreibt.
Albertaner: Herr Arjouni, Sie waren auf Einladung des Goethe-Instituts vom 9. bis 24. Oktober in Kanada und haben u.a. am 12. Internationalen Schriftstellerfest “WordFest 2007“ in Calgary teilgenommen. Sie haben dort aus Ihrer Detektiv-Serie “Kayankaya“ vorgelesen. (…) Wie ist Ihre Lesung aufgenommen worden, und was für einen Eindruck hat das kanadische Publikum auf Sie gemacht?
Arjouni: Ich hatte das Gefühl, den Leuten hat es Spaß gemacht, obwohl – oder vielleicht gerade – weil ich auf Englisch gelesen habe. (…)
Albertaner: Sie gelten als einer der originellsten und engagiertesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Ihre Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und Romane begeistern ein breites Publikum. Die Auflagenzahl Ihrer Bücher übersteigt eine Million. Warum haben Sie sich auf Krimis spezialisiert? Was fasziniert Sie an diesem Genre?
Arjouni: Ich habe mich nicht auf Krimis spezialisiert. Mich interessieren Krimis nicht mehr oder weniger als andere Bücher. Oder anders gesagt: Es gibt großartige Romane, die als Krimis daherkommen, und es gibt großartige Romane, die keine Krimis sind, und es gibt überall viel Mist. Ich habe eine kleine Serie um die Figur Kayankaya geschrieben, weil ich den Krimirahmen richtig fand. Meine anderen Bücher sind keine Krimis.
Albertaner: Ihre Werke haben meist zeitgenössische Probleme zum Thema. Der Protagonist Ihrer Krimis, der deutsch-türkische Detektiv Kemal Kayankaya, lebt in Ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main. Wie würden Sie Ihren Romanhelden einem Leser vorstellen, der Ihre Romane noch nicht gelesen hat? Was ist an diesem Detektiv ungewöhnlich?
Arjouni: Das weiß ich nicht. Vielleicht ist er gar nicht ungewöhnlich. Für mich ist er recht gewöhnlich. Ein Frankfurter türkischer Herkunft, auf den viele andere Frankfurter nicht türkischer Herkunft ihre Sehnsüchte oder Ängste bezüglich der „Türken“ – was immer das sein soll – projizieren. Oder anders gesagt: Der Albtraum jedes Rassisten ist ja, wenn er erkennen muss, dass der, den er für minderwertig hält, genauso ist wie er selber – also muss er ihn zu etwas Besonderem machen. Aber grundsätzlich: Ich denke nicht, dass Schriftsteller versuchen sollten, ihre Werke vorzustellen oder zu interpretieren. Lesen Sie zwei Seiten, und wenn’s Ihnen gefällt, lesen Sie zwei weitere Seiten.
(…) Albertaner: Viele deutsche Schriftsteller, wie die Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass, haben sich politisch engagiert. Wie sehen Sie die Rolle des Schriftstellers in der modernen Industriegesellschaft?
Arjouni: Ein Schriftsteller sollte wie alle anderen seine Arbeit gut machen, und Geschichten oder Erzählungen spielen immer auch auf einem gesellschaftlichen Hintergrund. Darüber hinaus sollte er wie alle anderen interessiert daran sein, unter welchen gesellschaftlichen und geschichtlichen Umständen er lebt – einfach deshalb weil die gesellschaftlichen und geschichtlichen Umstände einen großen Teil seines Privatlebens, also seines Lebens definieren. Abgesehen davon denke ich, ein Schriftsteller sollte sich so weit wie möglich von jeder Macht fernhalten, sei die Macht nun eine linke oder rechte. Eigentlich sollte er sich von jeder Gruppenbewegung und ganz sicher von jeder Mehrheit fernhalten.
(…) Albertaner: Es sieht so aus als wenn junge Menschen nicht mehr so viele Bücher lesen, sondern nur noch “Harry Potter“ und immer mehr Zeit in der Scheinwelt des Internets verbringen. Wie können wir diese traurige Entwicklung umkehren?
Arjouni: Bessere Bücher schreiben, bessere Bücher empfehlen.
Event: Interview with Jakob Arjouni during his visit to Wordfest Calgary.
Der deutsche Schriftsteller Jakob Arjouni, der als einer der besten Krimi-Autoren Europas gilt, hat kürzlich Kanada besucht und in Vancouver, Calgary und Toronto aus seine Büchern gelesen. In einem Interview mit dem Albertaner spricht Arjouni über seine Werke, die Rolle des Schriftstellers in der modernen Industriegesellschaft und warum er gern Krimis schreibt.
Albertaner: Herr Arjouni, Sie waren auf Einladung des Goethe-Instituts vom 9. bis 24. Oktober in Kanada und haben u.a. am 12. Internationalen Schriftstellerfest “WordFest 2007“ in Calgary teilgenommen. Sie haben dort aus Ihrer Detektiv-Serie “Kayankaya“ vorgelesen. (…) Wie ist Ihre Lesung aufgenommen worden, und was für einen Eindruck hat das kanadische Publikum auf Sie gemacht?
Arjouni: Ich hatte das Gefühl, den Leuten hat es Spaß gemacht, obwohl – oder vielleicht gerade – weil ich auf Englisch gelesen habe. (…)
Albertaner: Sie gelten als einer der originellsten und engagiertesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Ihre Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und Romane begeistern ein breites Publikum. Die Auflagenzahl Ihrer Bücher übersteigt eine Million. Warum haben Sie sich auf Krimis spezialisiert? Was fasziniert Sie an diesem Genre?
Arjouni: Ich habe mich nicht auf Krimis spezialisiert. Mich interessieren Krimis nicht mehr oder weniger als andere Bücher. Oder anders gesagt: Es gibt großartige Romane, die als Krimis daherkommen, und es gibt großartige Romane, die keine Krimis sind, und es gibt überall viel Mist. Ich habe eine kleine Serie um die Figur Kayankaya geschrieben, weil ich den Krimirahmen richtig fand. Meine anderen Bücher sind keine Krimis.
Albertaner: Ihre Werke haben meist zeitgenössische Probleme zum Thema. Der Protagonist Ihrer Krimis, der deutsch-türkische Detektiv Kemal Kayankaya, lebt in Ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main. Wie würden Sie Ihren Romanhelden einem Leser vorstellen, der Ihre Romane noch nicht gelesen hat? Was ist an diesem Detektiv ungewöhnlich?
Arjouni: Das weiß ich nicht. Vielleicht ist er gar nicht ungewöhnlich. Für mich ist er recht gewöhnlich. Ein Frankfurter türkischer Herkunft, auf den viele andere Frankfurter nicht türkischer Herkunft ihre Sehnsüchte oder Ängste bezüglich der „Türken“ – was immer das sein soll – projizieren. Oder anders gesagt: Der Albtraum jedes Rassisten ist ja, wenn er erkennen muss, dass der, den er für minderwertig hält, genauso ist wie er selber – also muss er ihn zu etwas Besonderem machen. Aber grundsätzlich: Ich denke nicht, dass Schriftsteller versuchen sollten, ihre Werke vorzustellen oder zu interpretieren. Lesen Sie zwei Seiten, und wenn’s Ihnen gefällt, lesen Sie zwei weitere Seiten.
(…) Albertaner: Viele deutsche Schriftsteller, wie die Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass, haben sich politisch engagiert. Wie sehen Sie die Rolle des Schriftstellers in der modernen Industriegesellschaft?
Arjouni: Ein Schriftsteller sollte wie alle anderen seine Arbeit gut machen, und Geschichten oder Erzählungen spielen immer auch auf einem gesellschaftlichen Hintergrund. Darüber hinaus sollte er wie alle anderen interessiert daran sein, unter welchen gesellschaftlichen und geschichtlichen Umständen er lebt – einfach deshalb weil die gesellschaftlichen und geschichtlichen Umstände einen großen Teil seines Privatlebens, also seines Lebens definieren. Abgesehen davon denke ich, ein Schriftsteller sollte sich so weit wie möglich von jeder Macht fernhalten, sei die Macht nun eine linke oder rechte. Eigentlich sollte er sich von jeder Gruppenbewegung und ganz sicher von jeder Mehrheit fernhalten.
(…) Albertaner: Es sieht so aus als wenn junge Menschen nicht mehr so viele Bücher lesen, sondern nur noch “Harry Potter“ und immer mehr Zeit in der Scheinwelt des Internets verbringen. Wie können wir diese traurige Entwicklung umkehren?
Arjouni: Bessere Bücher schreiben, bessere Bücher empfehlen.
by Arnim Joop, Albertaner, 1 December 2007



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