Westafrika

Leseförderung in der westafrikanischen Subregion

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Das Lesen als Quelle des Lebens

Wenn man vom Lesen spricht, so geht es in erster Linie um das Buch. Wer vom Buch spricht, spricht vom Schriftsteller; wer vom Schriftsteller spricht, spricht von Veröffentlichungen, Bibliotheken und Buchhandlungen. So setzt sich die Buchkette zusammen.

Das Buch, „eine kleine Sache‟, aber doch sehr wichtig, da es allen, die dazu bereit sind sich auf ein Abenteuer einzulassen, die Tore zu einer Welt voller Wunder öffnet. Das Lesen führt zu unglaublichen Begegnungen, bildet und informiert. Es trägt viel zur Bestätigung des Menschen, zur Harmonisierung der Gesellschaft bei. Jacques Paletier du Mans, eine bedeutende Figur der französischen Literatur des 16. Jahrhunderts in Frankreich erklärte: „Wer sich nicht bildet, dem geht es nicht gut. Ruhe ohne intellektuelle Bildung ist der Tod, die Grabstätte eines Lebenden‟ . Auf unsere Frage: „Warum lesen?‟, kommt uns die These von Jacques Paletier du Mans als stichhaltige Antwort zu Hilfe. Es wird im gleichen Sinne darauf hingewiesen, dass das Leben ohne intellektuelle Tätigkeit dem Tod gleichkommt. Das Lesen kann uns vom Leben ablenken, aber meistens steht es an der Schwelle des geistigen Lebens als Möglichkeit einer Erweckung oder eines Erwachens. Lesen verwandelt so den Menschen in ein vollendetes Wesen. Wenn man weiß, dass Bildung der entscheidende Faktor der Weiterentwicklung ist, dann sollten sich die Kräfte der westafrikanischen Subregion für die Buch- und Leseförderung einsetzen. Die Buch- und Leseförderung besteht auch darin, die Ausbildung der Verleger, Buchhändler und Bibliothekare zu unterstützen. So haben z.B. in der Côte d’Ivoire Verlage mit hohem Bekanntheitsgrad, wie das Centre d’Édition et de Diffusion Africain (CEDA) und die Nouvelles Éditions Ivoriennes (NEI), die inzwischen ein einziger Verlag geworden sind, NEI-CEDA, heutzutage an öffentlicher Aufmerksamkeit eingebüßt. Seit mehr als dreißig Jahren haben diese Verlage den Wunsch junger Leute, die eine Karriere als Schriftsteller anstreben, unterdrückt und viele Erwachsene, die ihren Traum weiterverfolgen wollen, entmutigt. Aus dieser Situation ist eine Vielzahl von Verlagen entstanden, denen es an Professionalität mangelt.

Förderstrukturen

Was die Professionalität betrifft, tut sich Westafrika besonders schwer. Es gibt nicht genügend Bücher und nicht genügend Förderung. Ist die Buchförderung Teil der Entwicklungsprojekte der politischen Behörden, oder sind andere Strukturen für den Vertrieb literarischer Werke vorgesehen? Die Realität ist eher deprimierend. Ähnlich wie die verschiedenen Förderstrukturen agiert auch die Buchmesse in Abidjan (Salon International du Livre d’Abidjan - SILA). Herausgeber/innen, Schriftsteller/innen, Bibliothekar/innen, und Buchhändler/innen aus den westafrikanischen Ländern treffen sich bei diesem Forum bei dem sich auch Verlegerverbände und Schriftstellerverbände und die Fédération des Associations de l’Afrique de l’Ouest (FADEAO) aktiv betätigen. Hier kann ebenfalls der Literaturpreis „Prix Ivoire d’expression francophone“ genannt werden. Aber können diese Initiativen als wirksam gelten, wenn sie keine positiven Auswirkungen auf die Entwicklung der Leseförderung haben? Den meisten Schulen der Subregion fehlt es an Bibliotheken. In manchen Fällen gibt es eine Art Bücherregal, welches Bibliothek genannt wird, obwohl dort gar keine Bücher aufgestellt sind!

In Benin setzen sich die « Éditions Plurielles » (eine Struktur für die Veröffentlichung und den Vertrieb von Literatur) für die Entdeckung und die Förderung von heimischen Talenten ein, was den Bereich Schreiben und die Förderung der nationalen und subregionalen Kulturarbeit angeht. Dass qualitativ hochwertig gelesen wird, ist das Ziel der Verlagspolitik. In den Büchern sollen Denken, Geschichte, Kultur, Wissen und Volksbräuche festgehalten werden, die von Generation zu Generation mündlich überliefert worden sind. Zu diesem Zweck haben die „Éditions Plurielles“ den Wettbewerb « Plumes dorées » (Goldene Feder) in die Wege geleitet, aquivalent zu ähnlichen, anderen Wettbewerben. Diese Initiative soll bei der Leserschaft in Benin das Interesse für Buch und Lesen aufleben lassen. In der westafrikanischen Region gibt es ähnliche Wettbewerbe und Strukturen. Das Problem besteht darin, dass diese Initiativen der Bevölkerung nichts wirklich Konkretes bietet. Seit der Unabhängigkeit bis heute (1960-2014), ist ein Fortschritt in der Alphabetisierung und der Freude am Lesen kaum zu verzeichnen.

Nationale Kinderbuchtage

Ein Beispiel für ein frühes Ansetzen von Leseförderung findet sich bei den Nationalen Kinderbuchtagen in der Côte d’Ivoire. Den Zugang der Kinder zum Buch zu fördern und zu erleichtern, bei ihnen eine Sensibilität für die Welt der Worte zu entwickeln, das ist das besondere Anliegen dieser Tage, die organisiert werden von der Nationalbibliothek der Côte d’Ivoire mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Frankophonie und weiteren Partnern. Wechselnde Themen wie: „Ich möchte mit meinem Buch aufwachsen‟ und „Nie ohne mein Buch‟, sollen die frühe Leidenschaft am Lesen wecken. Das Zielpublikum dieser Initiative sind Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis 18 Jahren. Die Nationalen Kinderbuchtage führen Partner von großer Bandbreite zusammen, wie zum Beispiel Schriftsteller/innen, Illustratoren/innen, Herausgeber/innen, Buchhändler/innen, Bibliotheken, Schulen mit französischen und ivorischen Programmen, sowie Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut und das Institut-Francais.

Um die Entwicklung und die Förderung des Lesens in öffentlichen Bibliotheken wirksam zu unterstützen, besitzt die Nationalbibliothek der Côte d’Ivoire eine eigene Kinderbibliothek, mit einem literarischen und audiovisuellen Bereich. Der literarische Bereich beinhaltet eine Märchenecke, und einen Leseraum, zudem werden Filmvorführungen durchgeführt.

Es wird ein ganz besonderes Augenmerk darauf gerichtet, dass sämtliche angebotenen Aktivitäten bei Kindern Lust und Freude am Lesen hervorrufen sollen. Dazu gehören auch das Vorlesen von Geschichten und die Gewöhnung an stilles bzw. individuelles Lesen. Es besteht zudem die Möglichkeit, sich mit Forschungslektüre vertraut zu machen, über ein Werk zu diskutieren, sowie mündliche oder schriftliche Berichte zu verfassen. Durch Schreibwerkstätten, sowie selbstständige Recherche Aufgaben werden Kinder und Jugendlich an Literatur herangeführt. Die Aktivitäten richten sich jeweils an verschiedene Altersgruppen, um so gezielt Freude am Lesen und Schreiben zu vermitteln. Aber wie kann man Kinder dazu bringen sich ein Buch anzueignen und gleichzeitig den Wunsch hervorrufen, dass sie es auch lesen? Die Antwort liegt im Buch, in seiner grafischen und semantischen Gestaltung. Hier rückt das Angebot der Aktivitäten um das Buch in den Vordergrund, man kann so die Neugierde durch die Vielfalt des Buches wecken: Fragen stellen, Objekte oder Bilder anordnen, die mit der Geschichte korrespondieren, den Titel oder eine Abbildung ausschneiden, um damit ein Puzzle zu machen, etc.

  • Darstellung der Geschichte: Die Geschichte sollte dynamisch durch eine sehr lebendige Erzählweise dargestellt werden. Dabei sollten alle für die Geschichte wichtigen Figuren imitiert werden. Die Stimme der Figuren, die Geräusche sowie alle Bewegungen sollten pantomimisch dargestellt werden. In dieser Phase ist es sinnvoll, das Publikum in die Szene mit einzubeziehen. Die dritte Möglichkeit besteht darin, die Geschichte mit Hilfe von Zeichnungen umzuformen, die Kinder selbst die Geschichte spielen oder interpretieren zu lassen. Man kann kleine Objekte basteln, um die Verständlichkeit der erzählten Situation zu erhöhen. Um sich besser auf die Reaktion des Publikums, im Einklang mit den Kindern, einzustellen, kann man die Kinder in drei Altersgruppen aufteilen.

  • Die Vorschulstufe: Bei dieser Gruppe muss man berücksichtigen, dass ein Großteil der Kinder das Lesen noch nicht gelernt hat. Es handelt sich um die ganz Kleinen, die im Vorschulalter oder in der ersten Grundschulklasse sind. Sie entdecken den Reichtum der Lektüre. Diese Altersgruppe befindet sich noch nicht in den Strukturen des Schulsystems, welches durch Prüfungen, wie Klassenarbeiten und Wettbewerbe gekennzeichnet ist. Es ist wahr, dass diese ganz Kleinen noch nicht lesen können, aber sie sind anhand der entdeckten Bilder in der Lage, Geschichten zu erfinden und zu konstruieren. Die Lektüre ist für sie gleichbedeutend mit Begegnung, Entdeckung, Spiel und mysteriösen Abenteuern. Auch lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf. Was das betrifft, kann ein Kind, während dieser Form der Lektüre, nur die eigene Stimme hören. Es eignet sich die Bilder an und wird automatisch zum Autor des ausgedachten Textes.
  • Die Grundschulstufe (2. und 3. Klasse) Dies ist wirklich die Kategorie der neuen Leser, deren Fähigkeit zu lesen noch etwas unsicher ist. Aber sie sind begeistert und entschlossen. Sie wissen dass sie ihre ersten Schritte in Richtung autonomes oder stilles Lesen machen. Unter den Aufgaben, die man hauptsächlich von ihnen verlangt, sind das Nacherzählen und das Erfinden eines Schlusses einer Geschichte. In diesen Veranstaltungen werden Märchen wie auch Gedichte vorgestellt, die von grafischen Reproduktionen und anderem Bildmaterial unterstützt werden.

  • Zur vierten Kategorie zählen die Kinder im Alter der vierten Grundschulklasse und der fünften Klasse . In dieser Stufe beginnen sie ihre Lektüre abwechslungsreicher zu gestalten und setzen sich in den geeigneten Leseraum. Sie lesen unter anderem Fortsetzungsgeschichten und nehmen auch selbstständige Recherche-Arbeiten vor. So wird z.B. in der Côte d’Ivoire mit der Kinderbibliothek (bibliothèque enfantine), die Technik des Lesenlernens für Kinder praktiziert, um damit im Vorfeld gegen Leseschwierigkeiten anzugehen.

Die Mehrsprachigkeit: ein Hemmnis für die Lektüre?

Es heißt, dass sich die Frage der Didaktik der Mehrsprachigkeit, in Afrika im Allgemeinen und in Westafrika im Besonderen, in ganz anderer Weise stellt, als die, die oft zum Kernpunkt einer Debatte in den europäischen Ländern wird. Die Abwesenheit der Erstsprachen der Lernenden in den Bildungssystemen bringt oft eine Einsprachigkeit mit sich, da die Schule eine europäische Sprache praktiziert, französisch oder englisch, entsprechend der früheren kolonialen Zugehörigkeit.

So lässt der Aufbau der Mehrsprachigkeit in Schulen im ersten Moment die Herausbildung der afrikanischen Erstsprachen vermuten. Aber diese Sprachen haben Schwierigkeiten sich tatsächlich zu entfalten und den Status einer Sprache, samt offizieller Rechtschreibung und ordentlicher Anwendung von Wortschatz und Grammatik, zu erlangen.

Trotzdem bleibt ihr schriftlicher Gebrauch auf Bereiche oder den Sozialraum, wie die Alphabetisierung für Erwachsene im ländlichen Raum, beschränkt. Es gilt noch ein anderes Anliegen zu klären: die Wahl der Schreibweise. Das lateinische Alphabet, von dem viele afrikanische Sprachen Gebrauch machen, funktioniert über andere Schreibweisen. L’Ajami ist eine gängige Art, die arabische Schrift für eine andere Sprache als Arabisch zu benutzen. Wie zum Beispiel die Sprache Hausa, die zu dieser Kategorie gehört und die in Nigeria, im Niger und in anderen westafrikanischen Ländern gesprochen wird. In anderen Gebieten, kann man auf regionaler Ebene den lebhaften Gebrauch einer Originalschrift feststellen, wie das N’Ko Schriftsystem für die Manding Sprachen in Guinea und in Mali. In diesem Land kann man drei Stufen von Literatur unterscheiden:

Sprachen, die erst seit kurzer Zeit geschrieben werden, aber in denen sehr wenig oder gar kein Korpus vorkommt, wie das eindrückliche Beispiel der Sprache Bozo erläutert, die von den relativ weit verstreuten Fischervölkern, entlang des Flusses Niger, gesprochen wird. Sprachen, die erst vor kurzem in eine Schrift übertragen wurden und von denen einige schriftliche Beispiele zur sozialen Verwendung aufgeführt sind (Broschüren für Gesundheit, Landwirtschaft, Märchensammlungen): hier sollte man die Sprache Senyara erwähnen, die in der Region Sikasso gut vertreten ist. Und zuletzt Sprachen in denen die schriftlich-soziale Nutzung relativ weit gefächert ist sowie andere funktionelle Schriften, zu denen die niedergeschriebenen mündlichen Erzählungen gehören: das ist der Fall der Bambara Sprache (Bamanankan). Im Senegal ist die meist gesprochene Sprache Wolof oder Ouolof. Das ist die Sprache der Wolofs oder Ouolofs. Es ist auch die Muttersprache von 36 Prozent der Bevölkerung. Sie dient als Verkehrssprache in fast dem ganzen Land. Fast 90 Prozent der Senegalesen sprechen und verstehen sie. Im Schriftliche wird sie aber kaum abgebildet. Andererseits beginnt der Französisch-Unterricht im Alter von sechs oder sieben Jahren.

Diese Situation ist leider in allen westafrikanischen Ländern ähnlich. Sollte die Subregion die Nachhaltigkeit anstreben und sich zur wahren Souveränität entschließen, so muss sie ihre Mängel in Sachen Buch- und Leseförderung korrigieren. Nur durch Demokratisierung dieses Bereiches wird sie den Wohlstand erreichen können. Anders gesagt, die Alphabetisierungsrate der Erwachsenen im Allgemeinen ist ausbaufähig und beträgt folgenden Werte in den Ländern: Benin 40 %, Côte d’Ivoire 49 %, Burkina Faso 36 %, Ghana 64 %, Guinea 29 %, Mali 23 %, Senegal 42 %. Auf dass der politische Wille dies tatkräftig unterstütze. Westafrika kann es besser machen.

'« Ne se porte pas bien qui vit sans étudier. Le repos sans culture intellectuelle, c’est la mort, le tombeau d’un vivant »
²Le niveau Cours élémentaire (CE)
³Les classes du Cours moyen (CM)

AZO VAUGUY

Übersetzung : Katharina Bader

    Lesen in Deutschland

    Lesen in Deutschland sammelt und dokumentiert online verfügbare Informationen zum Thema Leseförderung, bereitet diese zielgruppenorientiert auf und bietet für Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieher, Bibliothekare und Experten sowie an ehrenamtlicher Arbeit Interessierte Anregungen und Unterstüzung.

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    Europäische Plattform zum Thema Leseförderung mit zahlreichen Artikeln zu Leseförderungs- aktivitäten, Fortbildungs- und Evaluationsprogrammen. [Gefördert im Rahmen des EU-Programms "Lebenslanges Lernen]