Mali

Lesen: Eine Grundvorraussetzung für die Bildung

Lesen ergänzt die Bildungs- und Alphabetisierungspolitik, indem es den täglichen Zugang zum Wissen ermöglicht.

Habiba Coulibaly besucht die 11. Klasse des Gymnasiums Mamadou Sarr in der Gemeinde Commune IV im Distrikt Bamako. Die 17-Jährige ist bekannt dafür, dass sie regelmäßig in den Lesesaal der Nationalbibliothek geht, die nur ein paar hundert Meter von ihrer Schule entfernt ist. Ein Jahr vor ihrem letzten Schuljahr hat ihr Französischlehrer ihr eingeschärft, dass sie sich jetzt schon aufs Abitur vorbereiten muss. Diese Vorbereitung findet über die Beherrschung der französischen Sprache und somit über das Lesen statt. Also beschloss sie, zusammen mit einigen ihrer Mitschülerinnen, einen großen Teil ihrer Freizeit dem Lesen zu widmen. Die Mädchen lesen am liebsten afrikanische Romane. Sind viele Schülerinnen begeisterte Leserinnen? Lesen Gymnasiasten im Allgemeinen gern? Sind die Lesesäle gut besucht? Wie sieht es damit im Landesinneren aus? Wird in der Stadt oder auf dem Land mehr gelesen? Gibt es Initiativen, um zum Lesen anzuregen? Wie steht es mit der Zweisprachigkeit? Welche Bemühungen gibt es, um die Alphabetisierung in Mali zu fördern?

Laut der UNICEF betrug die Schulbesuchsquote 2012 71,6 %. Davon erreichen 35,9 % die Sekundarstufe II (gymnasiale Oberstufe, Fachoberschule). Schätzungen der UNESCO zufolge soll die Alphabetisierungsrate in Mali dieses Jahr 37,31 % erreichen. Diese Zahl bezieht sich auf Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren. Sie müssen lesen und schreiben können und in der Lage sein, „einen kurzen, einfachen Tatsachenbericht mit Bezug zu ihrem alltäglichen Leben“ zu verstehen. „Für ein Entwicklungsland wie unseres eine recht vielversprechende Zahl potenzieller Leser, deren Muttersprache nicht Französisch ist“, meint der Lehrer, Autor und Verleger Samba Niaré. Er hat die Entwicklung der Schulbesuchs- und Alphabetisierungsquoten in unserem Land genau verfolgt und ist heute der Leiter des 2006 gegründeten Verlags EDIS. Für ihn ist es eine Tatsache, dass die Malier nicht viel lesen. Er stellt außerdem fest, dass nicht genügend Bücher verfügbar sind, was dies möglicherweise erklärt.

Der Zugang zu Texten und die Beherrschung des Lesens sind eine Grundvoraussetzung für die Bildung, die gesellschaftliche Entwicklung und die Ausübung der Demokratie. Die Leseförderung – das heißt, der Zugang zu Literatur, zu Zeitungen und zu Informationen allgemein – sei für Entwicklungsländer somit enorm wichtig, insbesondere für ein Land wie Mali, erklärt Fatogoman Diakité, der Landeschef der Centres de Lecture et d’Animation Culturelle (CLAC). Das Lesen ergänzt die Bildungs- und Alphabetisierungspolitik, indem es den täglichen Zugang zum Wissen ermöglicht. Doch das Buch bleibt für den Großteil der französischsprachigen Entwicklungsländer ein seltenes und schwer zugängliches Gut.

Bereits 1986 startete die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF) das Programm der Centres de Lecture et d’Animation Culturelle (CLAC), um auch die Bevölkerung auf dem Land zu erreichen. Dieses Programm ermöglichte bis heute die Gründung von 225 CLAC in 18 Ländern in Afrika, dem Indischen Ozean, der Karibik und dem Nahen Osten. Die Kosten für die Einrichtung dieser Zentren werden zwischen dem jeweiligen Land, der jeweiligen Körperschaft und der OIF aufgeteilt. Der Staat stellt vorab einen Antrag bei der OIF, integriert die Leseförderung und das Programm CLAC in seine Kulturpolitik, stellt ein Budget zur Verfügung und bezahlt das Personal (nationale Koordination der CLAC). 2007 stellte Mali bei der OIF einen Antrag für den Aufbau eines Netzwerks von Centres de Lecture et d’Animation Culturelle. Die OIF genehmigte den Antrag. Das Kultusministerium wurde mit der Einrichtung eines Netzwerks von 13 CLAC im ganzen Land beauftragt. Die Bibliotheken, aus denen dieses Netzwerk besteht, befinden sich in den ländlichen Gemeinden Bafoulabé, Yélimané, Banamba, Niéna, Kignan, Yanfolila, Yorosso, Koro und Ménaka sowie den städtischen Gemeinden Djenné, Ségou, Kati und Kidal. Sie wurden 2011 fertiggestellt. Die CLAC wurden mit insgesamt 27.158 Büchern (durchschnittlich 2.089 Bücher pro Zentrum) und 617 Spielen (durchschnittlich 47 Spiele pro Zentrum) ausgestattet. Zusätzlich zu Büchern und Spielen haben die 13 CLAC seit Juli 2011 neun nationale und internationale Zeitungen abonniert, nämlich L’Essor (wöchentlich), Les Echos (wöchentlich), La Bonne Lecture (monatlich), Kabako (wöchentlich), Jeune Afrique (wöchentlich), Amina (monatlich), Onze Mondial (monatlich), Planète Jeunes (monatlich) und Planète Enfants (monatlich). Diese Zeitungen werden zweimal im Monat in die CLAC geschickt.

ERGEBNISSE DES JAHRES 2013

Die CLAC von Ménaka und Kidal, die bei der Besetzung des Nordens von Mali 2012 geplündert wurden, werden hier nicht berücksichtigt.

Die Zentren verzeichneten insgesamt 196.045 Besucher, davon 88.570 Frauen/Mädchen (45,17 %) und 107.475 Männer/Jungen (54,83 %). Im Durchschnitt wurde jedes CLAC im Lauf des Jahres von 17.822 Personen besucht. 5.284 Personen sind bei den 11 CLAC angemeldet, davon sind 3.205 jünger als 18 Jahre (60,65 %) und 2.079 älter als 18 Jahre (39,35 %). Die Gesamtzahl der ausgeliehenen Bücher beträgt 58.355, davon 28.940 Jugendbücher (49,60 %) und 29.415 Bücher für Erwachsene (50,40 %). Die Gesamtzahl der ausgeliehenen Spiele beträgt 11.635, also im Durchschnitt 1.057 Ausleihen pro Zentrum. Die Spiele wurden von 29.199 Personen gespielt (also im Durchschnitt 2.654 Personen pro Zentrum). Die OIF beliefert jedes CLAC mit 2.200 Büchern, Landkarten, wissenschaftlichen Schaubildern, einem zerlegbaren menschlichen Rumpf und Plastikskeletten, nationalen und internationalen Zeitungen, zehn Lern- und Gesellschaftsspielen, Spielzeug sowie Büromaterial zur Organisation der Bibliotheken wie Bibliotheksausweisen, Ausleihformularen, Registern, Fälligkeitsverzeichnissen und Ausdrucken der Statistiken.

In den letzten Jahren entstanden weitere Initiativen wie zum Beispiel die gemeinnützige Organisation Association pour la Lecture, l’Éducation et le Développement (ALED), die 1997 mithilfe der Organisation Canadienne pour l’Éducation au Service du Développement (CODE) gegründet wurde. Sie fördert die Alphabetisierung, indem sie in den Schulen isolierter, armer Dörfer Lesesäle einrichtet und betreut. Sie ist bekannt für ihre Erfahrungen mit dem Aufbau von Bibliotheken und ihren Beitrag zum Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen.

Zudem wurden jedes Jahr drei bis vier Schul- und Gemeindebibliotheken gegründet. Der Zugang zu Lesematerial ist ausschlaggebend für ein höheres Bildungsniveau. Die Eröffnungen von Bibliotheken verbessern die Verfügbarkeit von Büchern und fördern die Lust zu lesen. Jede Bibliothekseröffnung wird von einem Ansturm der Schüler auf die Bücher begleitet.

Die Organisation von Lesewochen ist vor allem für die Grundschulen ein wichtiger Bestandteil der Leseförderung. Während der Lesewochen besuchen die Schüler aller Schulen die Stände der teilnehmenden Buchhändler und die Bücher können so näher an die Leser herangebracht werden.

Bei Wettbewerben und Lesespielen, wenn Tausende Schüler sich in Vor-, Mittel- und Endrunden verschiedenen Aufgaben stellen, entstehen starke Emotionen. Zu diesen Wettbewerben treten auch Lehrer und ganze Schulen gegeneinander an. So entwickelt sich ein gesunder Kampfgeist unter den Schülern, und ihre Begeisterung für das Lesen wird angeregt. Eine der Disziplinen, um bei den Lesespielen und -wettkämpfen den Sieger zu bestimmen, wenn mehrere Kandidaten die gleiche Punktzahl haben, ist das schnelle Finden von Wörtern im Wörterbuch. Dabei üben die Schüler das französische Alphabet, erweitern ihren Wortschatz und machen sich mit dem Gebrauch eines Wörterbuchs vertraut. Während der Lesewoche wird neben den Ständen der Buchhändler eine Leseecke eingerichtet, in der vor Ort gelesen werden kann. Jeden Tag strömen Schüler dorthin, um selbstständig und voller Begeisterung zu lesen. Andere halten unter der Leitung eines Betreuers ein Referat oder stellen Bücher vor. Schließlich gibt es noch das Projekt „2 L / Pour une culture de la lecture en famille au Mali“ (Für eine Lesekultur in malischen Familien), das EDIS in Zusammenarbeit mit anderen Verlagen wie Jamana, Balani’S, Cauris und Savane verte entwickelt hat. Das Buch hat eine große Bedeutung und verfolgt ein neues Konzept.

Die Mehrsprachigkeit wird seit der Unabhängigkeit unseres Landes unterstützt. Die Behörden haben beschlossen, 13 Landessprachen zu fördern, die jeweils über ein eigenes Alphabet verfügen. Die Académie Malienne des Langues (ACALAM) ist dafür verantwortlich, die nationale Politik zur Förderung dieser Sprachen umzusetzen. Seit 1976 gibt es ein Programm zur praxisgerechten Alphabetisierung in den Landessprachen, um Erwachsenen das Lesen und Schreiben in den verschiedenen Sprachen beizubringen. Dieses Programm wurde anfangs von der UNESCO unterstützt und ermöglichte die Gründung von Zeitungen in den drei gebräuchlichsten Sprachen, nämlich Bamanankan, Fulfuldé und Soninké. Diese drei Zeitungen werden von den regionalen Redaktionen der Agence Malienne de Presse et de Publicité (AMAP) herausgegeben.

Youssouf DOUMBIA Journalistin

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