Philosophie und Religion

Deutscher, Jude, Philosoph – Karl Löwith

Cover des Buches „Von Hegel zu Nietzsche“, Ausgabe von 1953; © KohlhammerKarl Löwith; © Lorenz ViereckeKarl Löwith zählt zu den produktivsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts – und zu den unbekanntesten. Mehr als 300 Titel umfasst seine Werkbiografie, darunter befinden sich auch veritable, für das Studium der Philosophie unverzichtbare „Klassiker“. Allein, gelesen werden sie heute leider wohl nur noch von Spezialisten.

Geboren wurde Karl Löwith am 9. Januar 1897 in München. Sein Vater war ein bekannter Kunstmaler – und konfessionsloser Jude. Dieser Umstand spielte für den jungen Löwith anfänglich freilich nicht die geringste Rolle: Sein Vaterland war Deutschland; und für dieses Deutschland zog er 1914 als Freiwilliger in den Krieg. Er tat mehr, als man von ihm verlangte, wurde bereits 1915 schwer verwundet und geriet schließlich in italienische Gefangenschaft.

Flucht, Exil, Rückkehr

Cover des Buches „Meaning in History“; © University of Chicago Press

Nach Deutschland zurückgekehrt, fing Löwith in München ein Biologie- und Philosophiestudium an. Die Unruhen der Münchener Räterepublik vertrieben den „unpolitischen“ Studenten, als den Löwith sich in einer lesenswerten, 1940 geschriebenen Autobiografie Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 selbst bezeichnete, nach Freiburg und in die Arme des nur acht Jahre älteren Martin Heidegger, bei dem er sich 1928 habilitierte.

Seiner politischen Ahnungslosigkeit und bürgerlichen Existenz als Privatdozent bereitete die Machtergreifung der Nazis ein gewaltsames Ende: 1934 mussten Löwith und seine Frau Deutschland verlassen. Sie flüchteten erst nach Italien, dann nach Japan und schließlich in die USA, wo Löwith an einem theologischen Seminar in Hartford, Connecticut, und ab 1949 an der New School for Social Research in New York unterrichtete. In der Emigration entstanden seine beiden wichtigsten Werke: 1941 Von Hegel zu Nietzsche und 1949 Meaning in History (deutsche Ausgabe 1953: Weltgeschichte und Heilsgeschehen).

18 Jahre nach seiner Vertreibung kehrte Löwith nach Deutschland zurück, einem Ruf der Universität Heidelberg folgend, an der er bis zu seiner Emeritierung als Professor lehrte. Der Nietzschekenner und Spezialist für die europäische Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts starb am 24. Mai 1973.

Von Hegel zu Nietzsche

Cover des Buches „Von Hegel zu Nietzsche“, Ausgabe von 1953; © KohlhammerLöwith hat keine Lehre hinterlassen, keine Schule gestiftet. Sein eigenes Denken gewinnt Gestalt einzig in der Auseinandersetzung mit der – fragwürdig gewordenen – philosophischen Tradition und in der produktiven Aneignung des sich aller Fragwürdigkeit zum Trotz Bewährenden. Es wird geprägt von der doppelten Erfahrung des Zusammenbruchs der bürgerlichen Zivilisation, kulminierend in zwei Weltkriegen, und des Zerfallsprozesses der Hegelschen Philosophie, gipfelnd in der Heraufkunft des modernen Nihilismus.

In seinem Werk Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts rekonstruiert Löwith am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die Stationen dieses Zerfallsprozesses, die von Marx und den Junghegelianern über Kierkegaard zu Nietzsche führen, sprich: vom dekretierten „Ende der Philosophie“ und ihrer Verwandlung in eine Theorie der revolutionären Gesellschaftsveränderung über den radikalen Existenzialismus hin zu einer nicht minder radikalen Philosophie der ewigen Wiederkehr und des Willens zur Macht, der sämtliche metaphysischen Hinterwelten endgültig zur Fabel werden.

Löwiths Interesse ist nicht bloß philosophisch motiviert. Es gilt nicht nur den spezifischen Formen der „Umbildung und Verkehrung der Hegelschen Philosophie des absoluten Geistes in Marxismus und Existenzialismus“, nicht nur den Modalitäten der „Verwandlung des europäischen Humanismus … in den deutschen Nihilismus“ (Leo Strauss), sondern der „tödlichen Konsequenz“ dieser philosophiegeschichtlichen Entwicklung, in der er einen Schlüssel für das Verständnis der eigenen inhumanen Gegenwart sieht.

Weltgeschichte und Heilsgeschehen

Cover des Buches „Heidegger – Denker in dürftiger Zeit“, Ausgabe von 1953; © S. FischerEine Sensibilität für die gesellschaftlichen und politischen Folgen geistesgeschichtlicher Entwicklungen zeichnet auch Löwiths zweites bedeutendes Buch Weltgeschichte und Heilsgeschehen aus, das den (in der Regel uneingestandenen) „theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie“ nachspürt. Es liefert – wiederum als Verfallsgeschichte, diesmal des kosmotheologischen Bewusstseins inszeniert – eine luzide „Metakritik des … historischen Bewusstseins“ (Jürgen Habermas), die die Rückkehr zur antiken, sprich: nicht-historischen, sondern „natürlichen“ Weltauffassung vorbereiten helfen soll.

Die moderne, auf ein innerweltliches Ziel hin ausgerichtete und von der Idee einer sukzessiven Annäherung an dieses Ziel besessene Geschichtsphilosophie – so Löwiths nicht unumstrittene These – ist abhängig von der Theologie, beziehungsweise von der theologischen Auffassung der Geschichte als eines Heilsgeschehens. Sie entspringt dem biblischen Glauben an eine Erfüllung und endet mit der „Säkularisierung ihres eschatologischen Vorbilds“. Von Löwiths Kritik des historischen Bewusstseins bleibt selbst sein Lehrer Heidegger nicht ausgenommen, dem er an anderer Stelle (Heidegger – Denker in dürftiger Zeit, 1953) vorwirft, den christlichen Horizont heilsgeschichtlicher Erwartung nie verlassen zu haben. Heideggers fundamentalontologische Erneuerung der Philosophie unterscheide endliches „In-der-Welt-sein“ vom „eigentlichen Sein“ und rechne mit der Möglichkeit eines „weltgeschichtlichen Augenblicks“, in dem sich dieses eigentliche Sein – sei es auch in der Gestalt eines Führers – zu erkennen gibt.

Philosophie als Weltweisheit

Gegenüber solchem Messianismus beharrt Löwith auf der Notwendigkeit und der Möglichkeit einer authentischen Philosophie. Die Geschichte, zumal wenn sie als Zeitgeschichte daherkommt, liefere keine Orientierung. Das vermag allein die Philosophie, freilich nur eine, die sich vom Fortschrittsdenken des neuzeitlichen Historismus wie vom Pathos der Eigentlichkeit emanzipiert hat und das Ganze von Welt und Mensch, Natur und Geschichte in den Blick nimmt.

Der Krise der Moderne will Löwith, mit anderen Worten, nicht mit philosophischem, theologischem oder politischem Dezisionismus begegnen, sondern mit der Restitution der Philosophie als Weltweisheit bzw. einer – allerdings skeptisch gebrochenen – Rückkehr zur kosmologischen Weltansicht der Griechen. Inwieweit eines solchen Programm heute tatsächlich noch durchführbar ist, mag dahingestellt sein. Dass Löwiths Texte nicht nur lesenswert, sondern nach wie vor aktuell und für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit philosophischer „Moderne“ und „Postmoderne“ unverzichtbar sind, steht außer Zweifel.

Bernd Mayerhofer
lehrt Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik München

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

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