Margarethe von Trotta über ihren Film „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“

Nach Kinofilmen wie „Rosenstraße“ (2003) und zuletzt „Ich bin die Andere“ (2006), sowie einem Frankfurter „Tatort“ (2007), bringt Margarethe von Trotta nun das Leben und Wirken der Benediktinerin, Visionärin, Komponistin und Heilkundigen Hildegard von Bingen (1098–1179) auf die Leinwand.
Frau von Trotta, wie kamen Sie an den historischen Stoff um die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert lebte?
Nicht immer wähle ich meine Filmstoffe ganz bewusst aus, es geschieht sehr oft, dass mir ein Stoff oder ein Mensch in der Gegenwart oder aus der Vergangenheit begegnet und mich gefangen nimmt. Doch dann vergisst man ihn wieder, oder man verliert sich. In der Liebe geht es ja auch oft so: Da gibt es Begegnungen eines Augenblicks, und nach zwanzig Jahren trifft man sich wieder und merkt erst dann, dass dieses Treffen schicksalhaft war, und erst dann wird es zu einer echten Beziehung. So ähnlich ist das bei Hildegard von Bingen gewesen.
Ein Vorbild mit Mut
Wann war demnach das erste Mal, bei dem Sie auf Hildegard von Bingen aufmerksam wurden? Wo liegt, wenn es sie denn gab, die Initialzündung?
Das war in den frühen Achtzigerjahren. Damals suchten viele Frauen nach Vorbildern in der Geschichte, die ja zumeist von Männern gemacht und von Männern geschrieben wurde. Frauen hatten wenig Platz darin, aber es gab sie, sie mussten nur wieder „belebt“ werden. Hildegard war eine von ihnen. Sie war uns sehr fern, eine Äbtissin des Mittelalters, eine tief Gläubige, aber eben doch auch eine Frau mit dem Willen, sich mit all ihren Talenten durchzusetzen.
Das verlangte viel Mut, und wir brauchten Vorbilder mit Mut, denn den hatten wir nicht immer. Ich habe mich also schon damals mit Hildegard beschäftigt, viele ihrer Schriften gelesen, über ihre Heilkunst und ihre Visionen, sogar die erste Szene des Films schon geschrieben. Doch dann kamen die Zweifel: Wer will den Film sehen, und wer wird bereit sein, ihn zu finanzieren? Und kurz darauf erhielt ich das Angebot, einen Film über Rosa Luxemburg zu machen, eine ebenso mutige und hochbegabte Frau, nur eben in der Zeit uns näher und dadurch vertrauter. Auch sie eine Gläubige, nur dass sie nicht an Gott glaubte, sondern an den Sozialismus.
Ein Interesse scheint heute nach wie vor da zu sein: Es gibt nicht nur die populären Kräuterrezepte und Dinkelkekse, sondern auch diverse Bücher über sie, Biografien, alte wie neue, und auch ein gewichtiger Kulturpreis ist nach ihr benannt.
Diesmal kam mein Produzent, Markus Zimmer von Tele München, mit dem ich schon zwei Filme gedreht habe, auf mich zu. Er wusste, dass ich mich früher für Hildegard interessiert hatte, und er war es eigentlich, der glaubte, die Zeit für einen solchen Stoff sei gekommen. Sicherlich auch, weil der Film Die große Stille so viel Zuspruch und Aufmerksamkeit gefunden hatte. Aber natürlich hätte ich mich nach so langer Zeit, die seit meiner ersten „Begegnung“ mit ihr vergangen war, auch abwenden können, und die Wiederbegegnung, von der ich zuvor sprach, nicht mehr als für mich wichtige erkennen können. Ich hatte jedoch in der Zwischenzeit immer wieder ihre Musik, ihre Gesänge gehört, und – ich will jetzt nicht zu mystisch werden – sie haben mich bewegt und angerührt. Das heißt ihre „Stimme“ war nie verklungen.
Worin liegt der Bezug dieses mittelalterlichen Stoffs um diese historisch authentische Figur zu unserer heutigen Zeit? Ist es auch das neuerliche Aufkommen von Religiosität in all ihren Formen?
Warum macht man so einen Film? Doch nicht nur, um sich in der Vergangenheit zu verlieren, sondern man muss ja darin auch immer etwas finden, was einen heute beschäftigen kann, was heute aufregend sein kann. Ich möchte die Person natürlich auf gewisse Weise aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen. Und ganz ähnlich wie etwa bei „Rosa Luxemburg“ suche ich mir das heraus, was mich interessiert. Ich mache schon eine Auswahl von dem, was für mich heute noch vorbildlich ist, oder widersprüchlich, oder bewegend.
Glaube und Demut
Oft geht es in Ihren Arbeiten um das Ausbrechen aus Normen und Systemen. Könnte man dies auch auf die etwas rebellisch-revolutionäre Hildegard von Bingen übertragen?
Auf jeden Fall. Einerseits war sie von der Welt abgeschlossen und, in einem Doppelkloster verborgen, von einem Abt abhängig. Wie es der Zeit entsprach, in der Glauben und Wissen noch eins waren: gläubig und demütig. Sie betont auch immer wieder, dass sie nur eine schwache Frau ist. Andererseits hat sie, mit „weiblicher“ List, gegen den Willen des Abts und seiner Mönche ein eigenes Kloster gegründet. Das heißt zunächst hat sie es klug verstanden, vom Papst als Seherin anerkannt zu werden, und danach behauptet, das „lebendige Licht“, also die Stimme Gottes, habe ihr den Auftrag gegeben, dieses Kloster zu bauen. Und wo? Am Rhein, in der Nähe von Mainz, dem wichtigen Sitz des Erzbischofs. Sie geht sozusagen von der Provinz in die Welt, in die Mitte des Geschehens.
Wer war oder ist Hildegard von Bingen wirklich für Sie? Auch eine emanzipierte Frau, in gewisser Form? Eine moderne Frau, gewissermaßen?
Sie war eine Frau, die ein erstaunlich funktionierendes Unterbewusstsein hatte, ohne dass sie es wusste. Sie glaubte, ihren Auftrag von Gott zu erhalten – der Abt dagegen bezichtigt sie, dass ihr die Idee, sein Kloster zu verlassen, vom Teufel eingeflüstert wurde! In einer Zeit, in der es Frauen nicht gestattet war, noch weniger einer Nonne, ihre Stimme in der Welt zu erheben, hat ihr Unterbewusstsein ihr den Weg gezeigt, sich zu äußern, sich bekannt zu machen, sich zu bilden und alle ihre Talente einzusetzen, und auch zu lieben. Zuletzt sagt sie, dass ihr ihre Stimme befohlen hat, die junge Nonne Richardis zu lieben! Und in der Hinsicht ähnelt sie wiederum Rosa Luxemburg. Auch sie hörte eine Stimme, die Stimme der Geschichte, auch sie wollte alle ihre Gaben ausleben und einsetzen.
Es ist dies Ihre mittlerweile fünfte Zusammenarbeit mit Barbara Sukowa. Was macht Ihre Arbeit gerade mit dieser Schauspielerin im Speziellen aus?
Ohne Barbara Sukowa hätte ich den Film nicht machen wollen. Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass ich mir sicher war, sie würde jeden Kitsch zu vermeiden wissen. Es ist ein Film, der auf einem Drahtseil angesiedelt ist, und sie ist eine großartige Seiltänzerin.
führte das Gespräch. Er ist freier Publizist, Buchautor und Deutschland-Korrespondent der Filmfestspiele von Cannes. Zu seinen Buchpublikationen zählen unter anderem: „Volker Schlöndorff und seine Filme“ (Heyne Verlag, München 1998), „Margarethe von Trotta – Filmen, um zu überleben“ (Henschel Verlag, Berlin 2000), „Rosenstraße – Die Geschichte. Die Hintergründe. Die Regisseurin“ (Nicolai Verlag, Berlin 2003), „Romy Schneider – Leben, Werk, Wirkung“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008).
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Mai 2009
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