Am Anfang ist der Raum – wie man in Deutschland Bühnenbildner werden kann
Ob historisch oder neutral, minimalistisch oder opulent: Das Bühnenbild ist für eine Theateraufführung wesentlich. Der Bühnenbildner macht – in Zusammenarbeit mit dem Regisseur – die ästhetische Setzung, stellt über den Raum eine Stückinterpretation her. Hebt sich der Theatervorhang, entsteht ein erstes Bild. Doch wie wird man eigentlich Bühnenbildner?
„Für das Theater kann man“, so Peter Brook, „jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen.“ Allerdings: zum Bühnenbildner führt nicht nur diese Erkenntnis. Eine jahrelange Ausbildung gehört oft dazu. Die meisten Bühnenbildner haben ihr Fach an einer Kunstakademie studiert. Rund fünf Jahre dauert es bis zum Diplom. Vor dem Studium ist eine Hospitanz ratsam, manchmal sogar Pflicht. Außerdem braucht man eine Mappe mit eigenen künstlerischen Arbeiten, deren Anforderungen je nach Akademie und Hochschule stark variieren.
Die Arbeiten, so beschreibt die Akademie der Bildenden Künste in München, müssen „nicht zwingend theatraler Natur sein“. Evi Bauer, künstlerische Mitarbeiterin in der Klasse für Bühnenbild und Kostüm von Katrin Brack, ergänzt: „Wichtig ist, dass man die Entwicklung von räumlichen Ideen sehen kann.“ Andere Vorgaben macht Martin Zehetgruber, Professor für Bühnenbild an der Kunstakademie Stuttgart: „In eine Bewerbungsmappe sollten bis zu 20 Arbeitsproben aus den Bereichen: Aktzeichnungen, Architekturzeichnungen, innen- und Außenansichten, Details, malerische beziehungsweise freie Arbeiten, Inhaltlich-räumliche Skizzen zu einem Stück oder einer einzelnen Szene, Modellfotografien, zeichnerischen Skizzen zum Raum, Kostümskizzen.“
Hat man es mit seiner Mappe in die engere Auswahl geschafft, erfolgt eine mündliche und praktische Aufnahmeprüfung. Die finale Entscheidung ist hart: An der Akademie in München, an der Katrin Brack die Professur für Bühnenbild und Kostüm inne hat, bewerben sich im Schnitt 120 bis 150 junge Menschen, nur drei bis sechs werden zum Studium zugelassen. In Stuttgart ist die Konkurrenz bei 35 bis 40 Bewerbern nicht ganz so groß, doch auch dort werden nur drei bis vier Studenten pro Wintersemester aufgenommen.
Im Praxistest: Der Entwurf erobert die Studiobühne
Im ersten Teil des Studiums ist die Erarbeitung einer künstlerischen Sensibilität zentral. Verschiedene bildnerische Ausdrucksmittel werden ausprobiert. Da wird etwa der Zusammenhang von Licht und Raum untersucht, räumliche Übungen mit Objekten und erste Raumkonzeptionen werden erarbeitet. Das ist Grundlagenvermittlung. Einige Hochschulen gestalten diese Anfangssemester absichtlich offen. Wie etwa die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie definiert die ersten beiden Semester als „Klasse für allgemeine künstlerische Ausbildung, in der die Studenten die Möglichkeit haben, die vielfältigen Lehrangebote der Akademie zu nutzen.“ Erst nach dem Grundstudium wechseln sie in die Fachklasse für Bühnenbild.
Doch egal, ob in München, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart oder Dresden: Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt auf interdisziplinärem Arbeiten und in der Nähe zur Theaterpraxis. So folgen im Hauptstudium meist Werkstattwochen und Kooperationen mit Regie-, Schauspiel- und Gesangsstudenten, mit Filmhochschulen und ansässigen Theatern, um – im geschützten Rahmen – möglichst realitätsnahe Inszenierungen zu erschaffen. Dabei werden die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten in der direkten Auseinandersetzung mit den Arbeitspartnern auf die Probe gestellt. Doch dieser Praxistest überprüft nicht nur die gestalterischen Fähigkeiten, sondern trainiert auch die Kommunikation innerhalb eines Regieteams. In Vorbereitung auf die Umsetzung eigener Bühnen- und Kostümentwürfe steht an vielen Hochschulen ein Theaterpraktikum auf dem Lehrplan. So ist für die Stuttgarter Studierenden im siebten Semester eine Assistenz oder Hospitanz Pflicht.
Theorie muss sein
Die Theorie schläft derweil nicht. Parallel zu den künstlerischen und kommunikativen Auseinandersetzungen finden Lehrveranstaltungen in den Bereichen Theaterwissenschaft, Philosophie, Stilkunde, Kunstgeschichte und Kurse im technischen Zeichnen statt. Es gibt Unterricht in CAD (Computer-aided Design) und Dramaturgie, Lichtworkshops und Kostümseminare. Literarische und musikalische Vorlagen werden bearbeitet und kritisch hinterfragt. Die Studenten lernen alle wichtigen Abläufe einer Produktion vom Entwurf über die technische Realisierung bis zur endgültigen inszenatorischen Umsetzung kennen.
Am Ende des Studiums steht die Abschlussarbeit. Da wird eine Gestaltungskonzeption für eine fiktive oder praktische Inszenierung erarbeitet – von der ersten Konzeption, dem ersten Gedanken bis zur Umsetzbarkeit. So realitäts- und praxisnah wie möglich. Verlässt der Student die Akademie, verfügt er über ein Diplom und über eine Mappe, in der seine Semesterprojekte dokumentiert sind. Nun ist er auf sich allein gestellt: Entweder er bekommt als Assistent einen Zweijahresvertrag an einem Theater, er findet ein klassisches Regie-Bühnenbildner-Team oder er stürzt sich in die freie Szene.
Nebenschauplätze und Quereinsteiger
Zusätzlich zu den Akademiestudiengängen gibt es weiter gefasste Studiengänge wie den der Szenografie (Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und Hochschule Hannover). Das Fach umfasst die experimentelle Raumgestaltung von der Theaterbühne bis hin zum medienorientierten Arbeiten beim Film und Fernsehen. Sehr umstritten sind kompakt angelegte Aufbaustudiengänge, sogenannte Theaterschnellkurse, wie etwa der Masterstudiengang Bühnenbild, der an der Technischen Universität Berlin angeboten wird.
Darüber hinaus gibt es nach wie vor Autodidakten und Quereinsteiger. „Bühnenbildner ist keine geschützte Berufsbezeichnung“, erläutert Evi Bauer von der Akademie der bildenden Künste in München. Meist sind es Architekten, oft freie Künstler, manchmal Designer, die – wie derzeit zum Beispiel Jonathan Meese und John Bock – die Genres durchmischen. In den 1920er-Jahren haben Erwin Piscator und George Grosz gemeinsam Theater gemacht. Auch Pablo Picasso entwarf Bühnenbilder und Kostüme. Von der Kunst auf die Bühne – meistens geht es dann aber doch konventioneller zu: von der Schulbank zur Bühnenkunst.
BÜHNENBILD
Universität der Künste Berlin
Prof. Hartmut Meyer
Bühnenbild
http://udk.mint.de/buehnenbild.0.html
Kunsthochschule Berlin-Weißensee
Prof. Stefan Hagemeier
Bühnen- und Kostümbild
http://www.kh-berlin.de/index.php5?groupID=14&Action=showGroup
Akademie der Bildenden Künste München
Prof. Katrin Brack
Bühnenbild und Kostüm
http://buehnenbildkostuem.blogspot.de/
Hochschule für Bildende Künste Dresden
Prof Marc Deggeller/Prof. Barbara Ehnes
Bühnen- und Kostümbild
http://www.hfbk-dresden.de/studium/studiengaenge/fakultaet-2/buehnen-und-kostuembild.html
Kunstakademie Düsseldorf
Prof. Johannes Schütz
Bühnenbild
http://www.kunstakademie-duesseldorf.de
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Prof. Martin Zehetgruber
Bühnen- und Kostümbild
http://www.abk-stuttgart.de/frames.php?flash=false&language=de
Hochschule für bildende Künste Hamburg
Prof. Raimund Bauer
Studienschwerpunkt Bühnenraum
http://www.hfbk-hamburg.de/de/studium/studienschwerpunkte/buehnenraum/
SZENOGRAFIE
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
Prof. Wilfried Kühn
Ausstellungsdesign und Szenografie
http://www.hfg-karlsruhe.de/fachbereiche/ausstellungsdesign-und-szenografie
Hochschule Hannover – University of Applied Sciences and Art
Prof. Colin Walker/Szenografie
Prof. Maren Christensen/ Kostüm
Szenografie – Kostüm
http://www.szenografie-kostuem.de
MASTERSTUDIENGANG
Technische Universität Berlin
Masterstudiengang Bühnenbild/Szenischer Raum
http://www.tu-buehnenbild.de
ist freie Theaterkritikerin unter anderem für Tagesspiegel, Theater heute, Stuttgarter Zeitung und nachtkritik.de. Als Redakteurin arbeitet sie für das arte-Magazin und LFI-Leica Fotografie International. Seit 2011 ist sie Jurymitglied der Hamburger Kulturbehörde im Förderbereich Sprech-, Musiktheater & Performance.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012
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