Toleranz ist eine Zumutung.Jürgen Habermas zeigt, worin sie besteht.

Innerhalb moderner pluralistischer Gesellschaften leben Menschen unterschiedlicher Herkunftskulturen und Religionen Tür an Tür, stoßen täglich verschiedene, teilweise sich widersprechende Werte und Lebensentwürfe aufeinander. Die Frage, wie in solchen Gesellschaften ein friedfertiges Miteinander möglich ist, lässt den Ruf nach (mehr) Toleranz lauter werden.
Doch Toleranz, so der Philosoph und Sozialtheoretiker Jürgen Habermas, ist eine „Zumutung“. An verschiedenen Orten, etwa in seinem Vortrag Wann müssen wir tolerant sein? Über die Konkurrenz von Weltbildern, Werten und Theorien (2002) oder in dem neuesten Sammelband Zwischen Naturalismus und Religion (2005) hat er gezeigt, worin diese Zumutung besteht.
Toleranz und Vorurteile
Unter Toleranz, sagt Habermas, verstehen wir gemeinhin die Duldung abweichender Überzeugungen. Der Begriff enthält somit ein Moment der Ablehnung, denn tatsächlich können wir uns nur solchen Überzeugungen gegenüber tolerant zeigen, die wir aus guten, subjektiven Gründen abgelehnt haben.„Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit, denn Indifferenz gegenüber fremden Überzeugungen und Praktiken oder gar die Wertschätzung des Anderen und seiner Andersheit würden Toleranz gegenstandslos machen.“ Gleichzeitig müssen die Gründe, warum man eine bestimmte Haltung ablehnt, öffentlich als legitim gelten dürfen. „Von Toleranz darf nur dann die Rede sein, wenn die Beteiligten ihre Ablehnung auf eine vernünftigerweise fortbestehende Nicht-Übereinstimmung stützen können“. Längst nicht jede Ablehnung ist vernünftig und muss toleriert werden. „Dem Rassisten oder Chauvinisten begegnen wir ja nicht mit dem Ruf nach mehr Toleranz, sondern mit der Aufforderung, seine Vorurteile zu überwinden.“
Kognitive Ablehnung ohne praktische Folgen
Die der Toleranz inhärente Ablehnung ist somit radikal. Toleranz hat dort ihren Ort, wo Grundüberzeugungen aufeinander treffen, die nicht verhandelbar sind und wo keine Einigung erwartet werden kann. Was einer toleranten Person nun zugemutet wird, ist nicht der unauflösbare Widerspruch zwischen den konkurrierenden Überzeugungen; dieser muss hingenommen werden. "Es geht vielmehr um die neutralisierende Einhegung gewisser praktischer Folgerungen aus dem interpersonal unaufgelösten Widerspruch". Das heißt, die Zumutung besteht darin, dass aus der Kollision konkurrierender Ansichten keine Taten folgen dürfen.Konfliktpotenzial: Der Vorrang des Guten vor dem Gerechten
Mit der Forderung, die Widersprüche konkurrierender Weltbilder einfach dahin gestellt sein zu lassen, tut sich leichter, wer mit "schmalem metaphysischem Gepäck" reist. Problematisch wird es für denjenigen, der sein Ethos, also seine persönliche moralische Gesinnung, aus einer Religion ableitet. Denn jede Religion beansprucht, eine Lebensform im Ganzen zu strukturieren. Dabei orientiert sie sich an einer unfehlbaren Heilslehre, in der festgeschrieben steht, was gut ist und was schlecht. Eine Religion gibt also vor, wie ein gutes Leben zu führen ist. Es besteht ein Vorrang des Guten vor dem Gerechten. Für jemanden, der sein persönliches Ethos nun aus universale Geltung beanspruchenden Glaubenswahrheiten gewinnt, ist die Bürde der Toleranz besonders schwer zu tragen. Denn sobald die eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben von allgemeinverbindlichen Modellen des Guten oder des Heils bestimmt werden, entsteht eine Perspektive, aus der andere Lebensweisen nicht nur als anders, sondern als verfehlt erscheinen. Das Ethos des Anderen erscheint nicht als eine Frage der Wertschätzung, sondern als eine von Wahrheit oder Unwahrheit. Daraus erklärt sich das Konfliktpotenzial, das im Streit der Religionen angelegt ist.Friedliches Nebeneinander: Der Vorrang des Gerechten vor dem Guten
Nach oben dargestelltem Modell bedeutet religiöse Toleranz nicht, dass der Anhänger einer Religion die eigenen Wahrheitsansprüche und Gewissheiten relativieren oder gar aufgeben soll. Toleranz heißt nach obigem Modell vielmehr, dass die eigenen Wahrheitsansprüche und Gewissheiten in ihrer praktischen Wirksamkeit eingeschränkt werden müssen. Die Zumutung besteht darin, dass die von der eigenen Religion vorgeschriebene Lebensweise nur unter der Bedingung realisiert werden darf, dass allen Anderen die gleichen Rechte zugestanden werden. Es besteht ein Vorrang des Gerechten vor dem Guten, der sich positiv in der intersubjektiven und überkonfessionellen Anerkennung von Regeln des liberalen Zusammenlebens manifestiert, wie sie in Demokratie und Menschenrechten als normativen Grundlagen des Verfassungsstaates gegeben sind. Für den einzelnen Gläubigen bedeutet das also, dass er sein eigenes Ethos nur innerhalb der Grenzen der staatsbürgerlichen Gleichheitsnormen verwirklichen kann. Unabhängig von dessen religiösen Überzeugungen erkennt er den Anderen als gleichberechtigten Mitbürger an.Pluralistische Gesellschaften
Der entwickelte Toleranz-Begriff bleibt nicht auf den Bereich der Religion beschränkt, sondern kann zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden überhaupt verallgemeinert werden. Innerhalb heutiger pluralistischer Gesellschaften, in denen die Traditionen verschiedener Sprach- und Kulturgemeinschaften aufeinander treffen, ist Toleranz immer dort nötig, "wo Lebensformen Beurteilungen nicht allein unter dem Gesichtspunkt der existentiellen Relevanz herausfordern, sondern auch unter den Geltungsaspekten von Wahrheit und Richtigkeit" (J. Habermas).
| Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005. 371 S., € 24,80; ISBN: 3518584480
Jürgen Habermas: Wann müssen wir tolerant sein? Über die Konkurrenz von Weltbildern, Werten und Theorien, Festvortrag zum Leibniztag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 29. Juni 2002, abrufbar im Internet unter: http://www.bbaw.de/schein/habermas.html |
Antonia Loick arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Köln
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August 2005, aktualisiert April 2006








