Philosophie und Religion

Peter Sloterdijk – Porträt eines Mahners

Peter Sloterdijk; © Lorenz ViereckePeter Sloterdijk; © Lorenz ViereckeVerbrauchst du nicht zu viel Energie? Bist du nicht hinter dem schnellen Geld her? Belügst du nicht ständig deine Mitmenschen? – „Du musst dein Leben ändern!“ Im März 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, die im September 2008 begonnen hatte, veröffentlichte Peter Sloterdijk, einer der bekanntesten und umstrittensten deutschen Philosophen, ein Buch mit dieser zeitgemäßen Aufforderung im Titel – und stieß auf große Resonanz.

In dem Buch entwickelt Sloterdijk seine Lehre vom Menschen, der kein von Natur aus festgelegtes Wesen besitzt, wie es die großen Religionen postulieren. Vielmehr erzeugt er sich selbst, wie es Nietzsche und die Existentialisten vermuten. Diese Tätigkeit will allerdings gelernt sein. Das heißt, sie muss geübt werden.

Der Mensch gilt Sloterdijk als Übender, denn er schafft sich selbst durch seine Tätigkeit – eine Einsicht, die allerdings bereits der junge Karl Marx 1844 vertrat. Sloterdijk weitet indes gegenüber Marx die Übungszone aus: nicht nur Arbeiter, auch Models, Fühlende oder Kommunizierende, sie alle trainieren sich zu Höchstleistungen. Jedenfalls denkt Sloterdijk an dieser Stelle nicht traditionell.

Was hat das mit der Finanzkrise von 2008 zu tun? Nun: Wenn sich die Menschen als Übende und als Selbsterschaffende begreifen, werden sie natürlich für ihr Leben verantwortlich. Auf die globalen Krisen, von den Finanzen bis zur Umwelt, müssen (und können!) die Zeitgenossen durch die Änderung ihres Lebens antworten. Damit treten diese Krisen an die Stelle von Göttern und Gurus, die in früheren Zeiten die Menschen mit ähnlich enormen Anforderungen konfrontierten.

Um eine gemeinsame Überlebensperspektive zu ermöglichen, fordert Sloterdijk den Aufbau eines globalen Immunsystems, was er Ko-Immunismus nennt. Auf Zwang will er dabei indes nicht setzen, sondern setzt seine Hoffnung ähnlich wie der Liberalismus auf die moralische Einsichtsfähigkeit der Menschen, die sie zugleich in die Pflicht nimmt.

Moderator und Provokateur

1947 in Karlsruhe geboren ist Peter Sloterdijk seit 1992 an der dortigen Hochschule für Gestaltung Professor für Ästhetik und Philosophie. Er bewegt sicht damit eher am Rande der Universitätsphilosophie, die er indes sowohl medial – er moderiert im Zweiten Deutschen Fernsehen Das philosophische Quartett –, als auch stilistisch überschreitet: er bevorzugt eine essayistische Schreibweise mit einer Vielzahl literarischer Metaphern.

1999 löste er mit seiner „Elmauer Rede“ über Regeln für den Menschenpark einen Skandal und eine wochenlange Debatte in den Feuilletons aus. Denn er forderte angesichts der Fortschritte der Genetik „einen Codex der Anthropotechniken“, der damals weniger ethisch als technisch orientiert schien. Mittlerweile versteht er unter Anthropotechniken jedoch jene Übungsformen, mit denen der einzelne sein Leben ändern soll.

Kritik der zynischen Vernunft

Einem breiteren Publikum wurde Sloterdijk 1983 bekannt mit seinem zweibändigen Werk Kritik der zynischen Vernunft, einem der meistverkauften philosophischen Bücher der letzten Jahrzehnte. Das gelang, weil er sich gegen einen – damals freilich schon im Niedergang befindlichen – ideologiekritischen Zeitgeist stellte, ohne auf eine dezidierte Kritik an der Konsum- und Mediengesellschaft zu verzichten. Sowohl die kritische Theorie der Frankfurter Schule als auch die ökonomische Vernunft des Kapitalismus, so seine These, verkehren die Intentionen der Aufklärung und verfallen dadurch dem Zynismus.

Sloterdijk bediente damit eine wertkonservative Kritik am Zerfall ethischer Werte. Zudem schloss er an Nietzsche und Heidegger an, die im intellektuellen Klima der Postachtundsechzigerjahre in Deutschland noch etwas verpönt waren. Insofern lässt er sich mit den französischen „neuen Philosophen“ wie André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy vergleichen, die, medial sehr präsent, die linke Sozialphilosophie attackierten. Dagegen verbindet Sloterdijk wenig mit der zur gleichen Zeit entstandenen postmodernen Philosophie, die weder seinen Alarmismus noch seine Diagnose vom Wertezerfall teilt.

Wenn sich Sloterdijk andererseits auf die antiken Kyniker beruft, die mit Ironie und Gelächter auf die Machtansprüche der Vernunft reagierten, so deutet sich hier bereits sein anthropologisches Interesse an, das sich heute als roter Faden in seinem umfänglichen Gesamtwerk identifizieren lässt. Und es blitzt auch bereits eine Vorstellung von den Übungsformen oder „Anthropotechniken“ auf, die Sloterdijk aus eben diesem roten Faden in seinen jüngsten Werken entwickelt.

Scheintod im Denken

In seinem rund zweieinhalbtausend Seiten umfassenden, dreibändigen Hauptwerk Sphären (1998–2004) fragt Sloterdijk nach der anthropologischen Bedeutung des Raumes. Das Sein, der Begriff, um den sich Heideggers Philosophie dreht, und den man mit Leben, Welt und Wirklichkeit umschreiben kann, sieht Sloterdijk nämlich abhängig vom Raum: Das menschliche Leben konstituiert sich an bestimmten Orten und unter bestimmten räumlichen Bedingungen. Welche Rolle, fragt Sloterdijk etwa, spielt der Uterus für die räumliche Urgeschichte des Bewusstseins? Andererseits fragt er nach dem Wandel des Raumverständnisses seit den frühesten Kulturen bis zur Einsicht, dass die Menschen auf einem Himmelkörper leben.

Neben der Anthropologie thematisiert Sloterdijk ausführlich die Globalisierung und ihre Folgen für das Verständnis vom Menschen. In seinem 2010 erschienenen Buch Scheintod im Denken identifiziert er die Wissenschaft und die Philosophie als Übungsplätze, auf denen wir lernen, Leben und Welt zu gestalten und – zu ändern. Auf beiden Feldern ist es erlaubt, sich gelegentlich ausschließlich dem inneren Monolog zu widmen, so dass man für Außenstehende abwesend erscheint. Doch dadurch entzieht man sich dem lärmenden „Tanz auf der Titanic“, um Ideen zu entwickeln, wie man später auf dem Eisberg leben könnte, sollte er noch nicht geschmolzen sein.

Ausgewählte Werke:
Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik,
Suhrkamp Verlag 2009, ISBN 978-3518419953; Scheintod im Denken: Von Philosophie und Wissenschaft als Übung, Suhrkamp Verlag (edition unseld) 2010, ISBN 978-3518260289; „Kritik der zynischen Vernunft“, Suhrkamp Verlag 1987, ISBN 978-3518112977; Sphären I-III. Eine Trilogie. Suhrkamp Verlag 2004, ISBN 978-3518414941.

Hans-Martin Schönherr-Mann
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema