Skulptur in Deutschland

Johann Wolfgang von Goethe erklärte im Jahr 1817 dem „Verein der deutschen Bildhauer“: „Der Hauptzweck aller Skulptur ist, dass die Würde des Menschen innerhalb der menschlichen Gestalt dargestellt werde." Damit fasste er zusammen, was die Skulptur vieler Jahrhunderte veranschaulichte: Der Mensch als Gegenstand der Bildhauerkunst. Goethes Lehre wirkt bis in unsere Zeit hinein, jedoch im Laufe der Jahre von unterschiedlichen Strömungen beeinflusst.
Die Skulptur der Vorkriegszeit in Deutschland war in der Formensprache durch die Strömungen des Surrealismus, Kubismus und Expressionismus geprägt. Dieser Facettenreichtum in der Kunst wurde in den 30er und 40er Jahren in Deutschland durch den Nationalsozialistischen Realismus gewaltsam verdrängt. Bedeutende deutsche Bildhauer wie Ernst Barlach (1870-1938) und Ewald Mataré (1887-1965) wurden verfolgt und an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert, die von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst" tituliert wurde. Während Barlach sich auf die Darstellung von menschlichen Figuren konzentrierte, bestand ein wesentlicher Teil der künstlerischen Arbeit Matarés in der Darstellung von Tieren. Mataré und Barlach ist gemeinsam, dass ihr Werk nicht von der Hektik des Tages geprägt ist, sondern bewusst die Nähe des Beständigen sucht, sowohl in der Natur als auch im Dasein des Menschen. Die Darstellung des Menschen blieb figurativ, dem Menschenbild treu, die Skulptur vollrund und schwer. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Mataré auch religiösen Themen und entwarf die Bronzetüren für das Süd-Portal des Kölner Doms und die Türen der Weltfriedenskirche in Hiroshima.
Gestaltung des Raums
Die Nachkriegskunst der 50er und 60er Jahre sorgte für große Umwälzungen in der traditionellen Bildhauerkunst. Die vollrunde, in sich ruhende Volumen-Skulptur sollte durch die leichte lineare Raum-Skulptur ersetzt werden. Balance und Gewichtslosigkeit sowie die Geometrie als Mittel einer architektonischen Konstruktion waren die Prämissen einer neuen künstlerischen Entwicklung. Die Skulptur existierte nicht mehr für sich selbst, sondern war die Gestaltung des Raumes. Zu den bedeutendsten Bildhauern der linearen Raum-Skulptur in Deutschland gehörte Norbert Kricke (1922-1984). Kricke unterhielt engste Kontakte zu den Künstlern der Düsseldorfer Gruppe Zero und zur Gruppe des Pariser Nouveau Réalisme. In den ausgehenden 50er und frühen 60er Jahren bildete sich in Düsseldorf eine Szene in Deutschland, die wieder Anschluss an internationale Entwicklungen suchte und aktiv und innovativ daran teilnahm. Das Rheinland wurde zu einem Kunstzentrum, das sich mit Metropolen wie Paris, New York oder Mailand messen konnte. Norbert Kricke konstruierte seine Skulpturen nicht nach festgelegten Plan, sondern nahm die Bewegung des Drahtes auf, um sie durch Biegen und Knicken in eine andere Richtung zu leiten. Nicht Figur und Masse war sein Anliegen, sondern Bewegung und Raum. Die traditionellen Bildhauermaterialen Bronze und Stein wurden durch neue Stoffe wie Metall, Glas, Zement, Licht, Latex und Fiberglas ersetzt, wenn der plastische Ausdruck dies erforderte.
Einen besonderen Stellenwert in der Entwicklung der internationalen Kunst der 60er Jahre in Deutschland nahm auch die Hamburger Künstlerin Eva Hesse (1936-1970) ein. Mit ihren raumgreifenden Skulpturen der Jahre 1966-1970 und der Verwendung der neuen und ungewöhnlichen Materialien Latex und Fiberglas gelang Eva Hesse der künstlerische Durchbruch in der New Yorker Kunstwelt. Durch ein Atelier-Stipendium in Kettwig an der Ruhr knüpfte Eva Hesse Kontakte zu den international bekannten deutschen Bildhauern Hans Haacke, Karl-Heinz Hering und Joseph Beuys.
Filz und Fett
Das Werk des Düsseldorfer Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) war geprägt durch seine Theorie der „Sozialen Plastik“. Dieser Begriff, der in den 70er und 80er Jahren in Deutschland die Kunstlandschaft prägte, führte zu einer Erweiterung des traditionellen Kunstbegriffs. Die Kunst wurde als ein ganzheitlicher Erkenntnisprozess betrachtet, an dem jeder Mensch beteiligt sein konnte, ohne festgefügte Gestaltungsprinzipien beachten zu müssen. Zu Beuys plastischen Arbeiten gehörten Objekte und Installationen, hergestellt mit seinen typischen Materialien Filz und Fett, aber auch Aktionen, die politische Veränderungen hervorrufen und veraltete Denkstrukturen aufbrechen sollten.
Neben der „Sozialen Plastik“ ist die Monumental-Skulptur ein Charakteristikum der 70er und 80er Jahre, deren kolossale Körper als Ergänzung und Herausforderung zur Großstadt- Architektur wirkten. Stellvertretend hierfür steht die Bildhauerin Brigitte Matschinsky-Denninghoff (Jahrgang 1923) mit ihren organisch geschwungenen, abstrakten Formen aus Chromnickelstahl. Auch für den Bildhauer Hans Kock (Jahrgang 1920) war die moderne Großstadt eine Herausforderung. Die riesigen Architektur-Volumina forderten vom Künstler eine Erzeugung von Zwischengebilden, die Monumental-Skulpturen, als korrespondierende Vorstufen zu den Übergrößen, den Monumental-Bauten. Ziel war es, neue Skulpturen aus dem Spiel der freien, meist abstrakten Formen zu schaffen, die neben der Architektur gleichberechtigt bestehen konnten.
Spiel mit den Möglichkeiten
Die Zeit der 90er Jahre bis in die Gegenwart ist von vielseitiger Formensprache, Ironie und Raffinesse geprägt, sowohl aus dem Repertoire der traditionellen Bildhauerei schöpfend als auch aus der raumgreifenden Skulptur und der Installationen. International angesehene und auf der Documenta in Kassel vertretene Künstler wie Thomas Schütte (Jahrgang 1954), Stephan Balkenhol (Jahrgang 1957) und Bogomir Ecker (Jahrgang 1950) repräsentieren eine neue Künstler-Generation in Deutschland, die die Skulptur ganz individuell und allürenfrei interpretiert.
Als Kunst im öffentlichen Raum schuf Bogomir Ecker eine 14-teilige Skulptur aus rotlackiertem Stahlblech in Ohrmuschelform. Die Installation der roten Ohren an 14 Buchen im Jenisch Park in Hamburg war in seiner Unaufdringlichkeit eine poetische Inszenierung.
Stephan Balkenhol, der bei Ulrich Rückriem (Jahrgang 1938) Bildhauerei studiert hat, gehört zu den renommierten Vertretern der figurativen Bildhauerkunst in Deutschland. Wenn Balkenol die über zwei Meter großen Figuren aus Eichenholz haut und sie in Farbe fasst, schafft er Gestalten von stoischer Ruhe. Den Kopf erhoben, den Blick gedankenversunken in die Ferne schweifend, thronen sie in Lübeck auf dem Dach der Musikkongresshalle.
Für den Deutschen Bundestag in Berlin hat Franka Hörnschemeyer (Jahrgang 1958) eine Raumkonstruktion entworfen, die im nördlichen Hof des Paul-Löbe-Hauses zu sehen ist. Einem Heckenlabyrinth gleich ist ein verschachteltes Eisengitter entstanden. Das begehbare Gitterwerk eröffnet dem Betrachter zahlreiche Perspektiven und ein lineares Formenspektrum.
Der archaisch – abstrakten Darstellung der menschlichen Figur widmet sich Klaus Hack (Jahrgang 1966), der an der Hochschule der Bildenden Künste Berlin bei Rolf Szymanski und Lothar Fischer studierte. Klaus Hack sägt und stemmt die Formen Stück für Stück aus dem Holzstamm und tüncht die rohe Holzfigur. In fast stoischer Akribie gelingt es ihm, aus dem Holzblock ein filigranes Kleid zu formen. So demonstrieren die Arbeiten von Klaus Hack, die u. a. in der Kunsthalle Mannheim zu sehen sind, technische Finesse, Detailliebe sowie ausgeglichene Proportionen.
Nicht mit massiven Volumina, sondern leicht wirkenden Hohlkörpern setzt sich Rolf Bergmeier (Jahrgang 1957) in einer ganz eigenen Naturrezeption auseinander. Die netzartigen Objekte „Öl auf Holz“, die aus zusammengefügten und mit Öl bemalten Baumästen ein organisches Ganzes bilden, entwickeln eine eigene Dynamik und formieren sich zu autonomen Naturschöpfungen von sakraler Leichtigkeit. Die Aktualität der Arbeiten von Rolf Bergmeier, der an der Hochschule der Bilden Künste in Hamburg studierte, verdeutlicht die Aufnahme in die Sammlung Junger Kunst von Lafrenz und Reinking im Neuen Museum Weserburg in Bremen ab April 2004.
Inspirationsquelle Actionfilm
Inspiriert aus Alltagsdesign, Medien und Comics wird Thomas Scheibitz (Jahrgang 1968), der die Motive aus dem gewohnten Kontext herausnimmt und als große Figuren im Raum platziert. Die bildnerische (De-)Konstruktion vermeintlich bekannter Symbole und Zeichen evoziert gleichsam die Frage nach dem Ursprung der Form und ihrer Bedeutungsvielfalt in Landschaft und Architektur. Thomas Scheibitz, der als Meisterschüler von Professor Kerbach an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte, wurde international durch die Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2005 bekannt.
Das Erfassen der menschlichen Figur in Bewegung ist eine besondere Herausforderung, die der Künstlerin Viviane Gernaert (Jahrgang 1976) gelingt. Ihre Motive findet Viviane Gernaert in Actionfilmen. Blitzschnelle Sequenzen aus Schieß- und Verfolgungsszenen setzt die Künstlerin plastisch um, indem sie die Szenen visuell einfriert und so die Bewegungsabläufe der Protagonisten darstellt. Die eigentlich von Schrecken und Gewalt gekennzeichneten Szenen verwandelt Viviane Gernaert durch eine ästhetisierende Formensprache, die den in Schichten von schneeweißem Leinen auf Styropor gehüllten Figuren einen reinen, puristischen Charakter verleihen. Während der Film dem Betrachter eine Rezeptionsdauer vorgibt, ihn der Zeit enteignet, sind die Skulpturen und Installationen Viviane Gernaerts zeitlos im Raum. Bewegung, Zeit und Raum sind die Kriterien, die das Werk der Künstlerin ausmachen, die 2006 einen Förderpreis vom Freundeskreis der Hochschule für Bildende Künste Hamburg erhielt.
Der Skulptur in Stein, Stahl und Bronze widmet sich Jörg Plickat (Jahrgang 1954), der in Hamburg und Bredenbek/ Schleswig-Holstein lebt und an der Muthesius Schule in Kiel studierte. Das Geistige in Plickats Skulpturen besteht in der Wirkung der Zusammenhänge zwischen den Elementen, d.h. allein im Schaffen von Beziehungen zwischen Volumen, Material, Position, Licht und Schatten. Kennzeichnend ist seine geometrisch-reduzierte Formensprache, die weltweit verstanden wird, deren Vereinfachung Intimität und Monumentalität vereint – wie auch in der 25 Tonnen schweren Skulptur aus chinesischem Marmor, die nach einem zweijährigen Auswahlverfahren für den Olympiapark in Peking, dem Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008, prämiert wurde.
Auf dem Kunstmarkt gehört die Skulptur zu den Favoriten der nächsten Jahre. Die Nachfrage nach solider Qualität, ob aus dem Segment der deutschen Nachkriegsperiode oder der Gegenwartskunst, steigt weiter. Als Indikator reflektiert sie den Stellenwert der Skulptur in Deutschland im internationalen Kunstgeschehen.
ist Kunsthistorikerin und Expertin für Skulptur und Kunstgewerbe
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Mai 2004
Aktualisiert im Juni 2008
Links zum Thema
- Brigitte Matschinsky-Denninghoff: Aufgelöstes Massiv, 1957 (Foto)


- Klaus Hack

- Thomas Scheibitz


- Über Viviane Gernaert


- Jörg Plickat


- Norbert Kricke

- Das Joseph Beuys-Archiv auf Stiftung Museum Schloß Moyland

- Kulturpreis der Stadt Kiel

- Thomas Schütte

- artnet.com über Bogomir Ecker (mit Fotos)

- Franka Hörnschemeyer: Raumkonstruktion für den Deutschen Bundestag (mit Fotos)

- Homepage Rolf Bergmeier

- Kunsthalle Mannheim

- Neues Museum Weserburg Bremen


- Hamburger Kunsthalle


- Sprengel Museum Hannover


- Museum Ludwig Köln

- Kunst-Sammlung NRW/ Düsseldorf

- artnet: Marktanalysen und Auktionsergebnisse









