Bildende Kunst

L’œil public – 20 Jahre Fotografen-Agentur Ostkreuz

Keine andere von Fotografen selbst organisierte Agentur in Deutschland ist so angesehen und erfolgreich wie Ostkreuz in Berlin. Mit ebenso scharfsichtigen wie einfühlsamen Reportagen, ambitionierten Bildbänden und Ausstellungen zum Status Quo der Weltgesellschaft konnte sich die Agentur als „öffentliches Auge“ etablieren. Ein Rückblick auf die 20-jährige Geschichte und die Zukunftsaussichten des Fotografenkollektivs.


Logo Ostkreuz: Agentur der Fotografen | Foto: Ostkreuz Man kann es kaum glauben: Die Idee zur Gründung der Fotoagentur Ostkreuz entstand ausgerechnet im Élysée-Palast in Paris nach dem Mauerfall. Präsident Mitterand hatte im Frühjahr 1990 an die 200 ehemalige DDR-Künstler eingeladen. Darunter sieben der späteren Gründungsmitglieder der Agentur. Und weil diese angesichts des ungewohnt rauschhaften Gefeiertwerdens einerseits und der ungewissen Zukunft im freien Markt andererseits ziemlich zwiespältigen Gefühlen ausgesetzt waren, wollte man Eigeninitiative demonstrieren. Geschäftsführer Werner Mahler erinnert sich noch, als ob es gestern gewesen wäre: „Wir beschworen uns: Los, lasst uns das mit der Agentur probieren. Wir tanzen auf einem Seil, rechts und links ist der Abgrund, aber wir tanzen wunderbar.“

Ziel sei es es gewesen, in einem neuen wirtschaftlichen System als souveräne Fotografen nicht nur weiterhin mit Fotografie Geld zu verdienen, sondern auch auf einer theoretischen Ebene über Fotografie reden zu können. Und die Idee hat eingeschlagen. Heute, nach 20 Jahren, ist Ostkreuz die renommierteste, unabhängig von Fotografen geführte Agentur.

Fotografie im Postfuhramt

„Ostkreuz: Agentur der Fotografen“ – so die ganz korrekte Bezeichnung – zählt heute 18 Mitglieder, konnte zahlreiche Preise für ihre Reportagefotografie einheimsen und hat neben einer Reihe von Ausstellungen auch qualitätvolle Bildbände wie etwa den atmosphärischen Streifzug durch 24 h Berlin (2009) herausgebracht.

Unlängst konnte das Ostkreuz-Kollektiv wieder eine von der Kritik rundweg positiv aufgenommene Ausstellung auf die Beine stellen. „Die Stadt – Vom Werden und Vergehen“ hieß die in alle Richtungen der Welt driftende Schau aus Foto-Reportagen und -Essays in der C/O Galerie im Berliner Postfuhramt. Hier, in den zu den Verwerfungen und Fiktionen der heutigen Stadtlandschaften entstandenen Fotozyklen wurde symptomatisch sichtbar, was die insgeheime Programmatik der Agentur ausmacht. Mit einem auf die gesellschaftlichen Phänomene hin geschärften Auge sucht Ostkreuz nach so etwas wie Respekt vor dem Gegenstand, Authentizität, eigene Handschrift, Einfühlung, Auseinandersetzung mit dem Menschen und Stellungnahme zur Zeit.

Zeit und Geld

Nicht, dass sich die anfangs durchaus auch als Zweckgemeinschaft betrachtete Agentur mit den Jahren wirklich in klingender Münze ausgezahlt hätte. Gut, es mögen durch die Vermittlungsarbeit der Agentur deutlich mehr Auftragsarbeiten in das Büro in der Greifswalder Straße hereingeschneit sein. Zugleich fordern Ausstellungen wie jene im Postfuhramt jedoch sowohl eine Menge Zeit wie auch Geld. Rund drei Jahre sei man mit einem derartigen Projekt, angefangen vom Konzept über Logistik bis hin zum Aufbau und der Rahmung, beschäftigt.

Jedes der Mitglieder hat nicht nur Anteile in der GmbH, sondern nimmt auch Anteil an den Entscheidungen. Und die Honorare für freie Fotografen sind mit der Zeit nicht gerade gestiegen – im Gegenteil. Da sich kaum ein Verlag mehr eine aufwendige, monatelange Recherche leisten kann, ist die große Zeit der Reportagefotografie ohnehin vorbei. Dies spürt sogar die global tätige Agentur Magnum, die in den letzten Jahren einige ihrer großen Kriegsfotografen verloren hat. Magnum, 1947 in New York gegründet, war zu Beginn das übermächtige Vorbild von Ostkreuz. Kriegsfotografen aber sind in der Berliner Agentur ebensowenig wie Werbe- oder Modefotografen unter den Mitgliedern zu verzeichnen.

Style und Regime

Wobei Sibylle Bergemann, die zu den „Glorreichen Sieben“ der Gründerjahre gehört, eine hervorstechende Ausnahme darstellt. Mit ihren wunderbar sensitiven Schwarzweißaufnahmen für die DDR-Modezeitschrift Sibylle, inszenierte sie dezent, wie stylish man auch im karg ausstaffierten Regime sein konnte. Und zuletzt fotografierte Bergemann die Mode in Dakar unter ethnischen Gesichtspunkten.

Positiv in die Zukunft

Trotz des Paradgimenwechsels in dem Metier, der nicht zuletzt durch die digitale Fotografie bedingt ist, blickt man bei Ostkreuz positiv in die Zukunft. Man verstehe sich als eine Art „L'œil public“ („öffentliches Auge“). Das Kollektiv hat sich sichtlich verjüngt und vergrößert. Der Frauenanteil ist bei derzeit rund einem Drittel weiblichen Mitgliedern deutlich gegenüber den Pionierjahren gewachsen. Die junge Fotografin Annette Hauschild sagt: „Wir würden uns in Zukunft gerne mehr als unsere eigenen Auftraggeber positionieren und wünschten uns, dass die Magazine nurmehr Zweitverwerter sind.“

Sollte das gelingen, dann bliebe doch auch eine Art produktiver Zwiespalt erhalten. Je weniger man sich als freier Fotograf heute kommerziellen Interessen öffnet, umso stärker müssen Sponsorengelder aufgetrieben werden. Im Moment ist ein ambitioniertes Projekt mit Greenpeace in der Pipeline, über das allerdings noch Geheimhaltung bewahrt wird. Auch dieses Unternehmen geschieht wohl mehr für die Ehre.
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin „art“ sowie als Lektorin.

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September 2010

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