Bestandserhaltung

Parzival als App – die Bayerische Staatsbibliothek München

Nahe dem Odeonsplatz erstreckt sich das Gebäude der Bayerischen Staatsbibliothek, von den Münchenern kurz „Stabi“ genannt. Entlang der 152 Meter langen Fassade an der Ludwigstraße reiht sich Fahrrad an Fahrrad. Über eine prächtige Treppe gelangt man in den allgemeinen Lesesaal, wo die Fahrradbesitzer Seite an Seite, über Laptops und Nachschlagewerke gebeugt, studieren.

Viel genutzte Lesesäle

„Der Lesesaal ist leider oft bis auf den letzten Platz belegt“, sagt Peter Schnitzlein, Pressesprecher der Bayerischen Staatsbibliothek. Den Nutzern, von denen 75 Prozent Studierende sind, stehen 550 Plätze zur Verfügung. Neben dem Zugang zu Freihandbibliothek, Internet und Datenbanken können die Besucher fachkundige Auskünfte einholen. Die rege Nutzung des Lesesaals ist für Schnitzlein der „lebendige Beweis dafür, dass Bibliotheken auch im digitalen Zeitalter unerlässlich sind“. Die Bibliothek würde, so Schnitzlein, zunehmend als Kommunikationsort geschätzt, der befruchtender wirkt, als das isolierte Arbeiten von zu Hause aus.

In ihrer Funktion als Archivbibliothek betreibt die Staatsbibliothek eine vorsichtige Ausleihpolitik. Bände, die über 100 Jahre alt sind, werden überhaupt nicht verliehen. Für die Recherche vor Ort stehen den Nutzern, die wissenschaftlich arbeiten, neben dem Allgemeinen Lesesaal der Aventinus-Lesesaal, der Musiklesesaal, der Ost-Lesesaal und der Lesesaal für Handschriften und Alte Drucke als wichtigster Sonderlesesaal zur Verfügung.

Im Zeitschriftenlesesaal liegen circa 18.000 Zeitschriftentitel aus. Der Gesamtbestand an Zeitschriften in gedruckter und elektronischer Form beträgt rund 55.000 Titel. Die Staatsbibliothek ist nach der British Library die zweitgrößte Zeitschriftenbibliothek Europas.

Vier zentrale Aufgaben

Mit einem Gesamtbestand von bald 10 Millionen Bänden ist die Bayerische Staatsbibliothek eine der bedeutendsten europäischen Universalbibliotheken mit vier zentralen Aufgaben. Als internationale Forschungsbibliothek beantwortet sie Anfragen aus aller Welt und tätigt vier Fünftel der Erwerbungen auf ausländischen Märkten. „Wir sammeln wissenschaftliche Literatur aus allen Ländern in allen Sprachen mit Ausnahme der Technik und der Agrarwissenschaften“, sagt Peter Schnitzlein. Außerdem ist sie Teil einer virtuellen deutschen Nationalbibliothek. Bedingt durch das föderale System besitzt Deutschland, anders als etwa Frankreich und Großbritannien, keine zentrale Nationalbibliothek. Darüber hinaus nimmt die Bayerische Staatsbibliothek die Stellung der zentralen Landes- und Archivbibliothek in Bayern ein und ist als übergeordnete Behörde Ansprechpartner für die Bibliotheken in Bayern. Schließlich ist sie für Münchens Studierende und Wissenschaftler ein unverzichtbarer Partner bei der Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur.

Schätze aus aller Welt

Zu den größten Schätzen der Staatsbibliothek gehören 93.000 Handschriften, knapp 20.000 Inkunabeln aus der Anfangszeit der Buchdruckkunst sowie die Bestände der Sonderabteilungen: kostbare Partituren und Libretti, Karten, Atlanten und große wertvolle Schriften aus Osteuropa, dem Orient und Ostasien.

Gegründet wurde die Bayerische Staatsbibliothek 1558 vom Wittelsbacher Herzog Albrecht V. Der bibliophile Sammler hegte – ungewöhnlich im christlichen Abendland – eine Leidenschaft für orientalische Schriften. Das Pflichtexemplarrecht, das 1663 eingeführt wurde und das Älteste Deutschlands ist, führte zu einem stetigen Anwachsen der Bibliothek. Heute noch schicken alle Verlage in Bayern je zwei Exemplare eines neu erschienenen Werkes an die Staatsbibliothek.

Ausgelagerter Bestand

Mit der Säkularisation und der Auflösung der bayerischen Klöster gelangten Anfang des 19. Jahrhunderts bergeweise Bücher in die Staatsbibliothek, darunter wertvolle Handschriften. Das repräsentative Gebäude, das Ludwig I. ab 1832 errichten ließ, um die Büchermassen aus den Klöstern unterzubringen, stellt die Mitarbeiter heute vor Herausforderungen. Kann es doch, was zum Beispiel die Klimatechnik anbelangt, mit modernen Bibliotheksbauten nicht mithalten.

Mittlerweile kann auch der Bibliotheksanbau der 1970er-Jahre die Bücherflut nicht mehr fassen. Rund die Hälfte des Bestandes ist in Garching nahe München untergebracht. Ein Bücher-Autodienst fährt täglich mehrmals die Strecke, um bestellte Bücher abzuholen und wieder zurückzubringen.

Digitale Bibliothek

Schon früh machte die Staatsbibliothek Literatur im Internet verfügbar: Das Zentrum für Digitalisierung eröffnete 1997. In Kooperation mit Google stellt die Staatsbibliothek seit 2007 ständig neue urheberrechtsfreie Werke ins Internet. „In einigen Jahren sollen alle urheberrechtsfreien Bände digitalisiert sein“, sagt Peter Schnitzlein. Bislang wurden den Internetnutzern bereits rund 350.000 Bände online verfügbar gemacht – deutschlandweit der größte digitale Bestand. Was den urheberrechtlich geschützten Bestand anbelangt, so arbeitet die Staatsbibliothek projektbezogen mit Verlagen zusammen. Über Lizenzvereinbarungen wurde etwa im Projekt digi20 Literatur des 20. Jahrhunderts online verfügbar gemacht.

Was die Technik anbelangt, so gelang der Staatsbibliothek in den Worten Peter Schnitzleins „der größte Coup“ mit der Entwicklung eines Scanroboters in Kooperation mit einem österreichischen Unternehmen. Drei der 80.000 Euro teuren Roboter hat die Staatsbibliothek im Einsatz. Ein Prisma fährt von oben zwischen die einzelnen Seiten eines Buches, saugt je zwei Seiten an und scannt sie parallel. Circa 1.000 Seiten pro Stunde lassen sich so einscannen. Sehr alte und wertvolle Bände hingegen werden nach wie vor vorsichtig von Hand digitalisiert. Zwei bis drei Tage muss man für ein Buch rechnen.

Während die Originale aus konservatorischen Gründen nur alle fünf Jahre für Forschungsarbeiten oder Ausstellungen ans Tageslicht gelangen dürfen, kann man die digitale Version der Buchschätze von der Gutenberg-Bibel bis hin zu Wolfram von Eschenbachs Parzival nicht nur im Internet anschauen, sondern mittlerweile auch überallhin mitnehmen – über eine Applikation für iPhone und iPad.

Verena Hütter
arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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