Berlin

„Unser größtes Problem: Wohnungen, für die es keine Bewohner gibt“
Interview mit dem Berliner Stadtplaner Christian Hajer

©Berliner Stadtplaner Christian Hajer
©Berliner Stadtplaner Christian Hajer
Berliner Stadtplaner Christian Hajer

Der Stadtplaner Christian Hajer lebt seit 1985 in Berlin. Nach der Vereinigung Deutschlands bestand sein erster Job in einem privaten Berliner Planungsbüro darin, überall nach Baugrund zu suchen.

Im Oktober 1998 veröffentlichte die Stadt Berlin ihren Bodennutzungsplan. Er ging von folgenden Annahmen aus: Die Bevölkerung von Berlin steigt von 3,4 Millionen auf 3,7 Millionen im Jahr 2010 an. Die erwerbstätige Bevölkerung erreicht 1,8 Millionen. Berlin braucht bis 2010 400.000 neue Wohnungen, 40.000 allein in den neuen Stadtentwicklungsgebieten im Nordosten Berlins. 45.000 Wohnungen entstehen durch die Aufstockung alter Gebäude, 90.000 durch Umbauten. 30.000 Einheiten werden in die Nachkriegsbezirke hineingebaut, 100.000 in unbebauten Gebieten und 95.000 auf umgewidmeten Gründen errichtet.

„Meine Aufgabe bestand also darin, bereits im Vorfeld dieses Plans in der gesamten Region von Berlin nach freien Grundstücken für Neubauten zu suchen.“ Als Hajer den Journalisten von Southern Weekly empfängt, erinnert er sich an die Ursprünge dieses Plans, der fast einem „Großen Sprung nach vorn“ gleichkam. Damals beauftragte die Stadt Berlin mit ihrer Stadtentwicklungsabteilung zehn Architektenbüros mit Entwicklungsstudien für Berlin. Praktisch alle Studien prognostizierten, dass die Bevölkerung von Berlin bis 2010 stark ansteigen würde, zumindest um 600.000 Bewohner, ja, eine Studie behauptete, dass in der Region bis zum Jahr 2020 im positivsten Fall 7 Millionen Menschen leben würden. „Diese Studien gingen alle von der Hypothese aus, dass nach der Wiedervereinigung Menschen in großer Zahl aus ganz Deutschland und dem Ausland nach Berlin kommen würden“, erklärt Hajer.
 
Wenn sich Hajer jetzt, einige Jahre später, an diese Situation zurückerinnert, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Ich habe meinen Vorgesetzten gefragt, wie viele Leute dazukommen würden? Eine Million? Zwei Millionen? Er meinte, man müsse von mindestens einer Million ausgehen. Ich plante also alles für den Fall, dass Berlin um eine Million Menschen anwachsen würde. Wir entwickelten damals einen Plan für die Erweiterung bestehender Städte, die bis zu 80 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt lagen, und die sich entlang bestehender Bahnlinie gelegen so bereits mit öffentlichen Verkehrsmitteln an die Stadt angebunden waren. Dort sollten wir Baulandflächen für den Siedlungsbau im Umfeld der Bahnhöfe recherchieren. Damals bin ich in 60 km entfernte Städte gefahren, um mit Bürgermeistern über solche Baulandreserven wegen des zu erwarteteten Entwicklungsdrucks zu sprechen.“

Heute, zehn Jahre danach, ist die Berliner Bevölkerung nicht nur nicht gewachsen, sondern sogar leicht geschrumpft. Gleichzeitig ist auch die Gesamtbevölkerung Deutschlands leicht gesunken. Nach den Informationen der Berliner Abteilung für Stadtentwicklung wird die Bevölkerung von Deutschland bis ins Jahr 2050 um 20 Millionen abnehmen.

„Damals hat nur ein Architekturbüro die gegenteilige Meinung vertreten“, erinnert sich Hajer, „Die Architekten gingen davon aus, dass die Bevölkerung von Berlin ständig sinken würde. Aber damals waren wir alle so enthusiastisch! Meine Vorgesetzten meinten, wir dürften uns nicht an diesem Szenario orientieren, auch wenn es noch so korrekt sei - wenn wir das Schrumpfungsszenario übernehmen, wird uns der Auftrag entzogen.“

In den 1990er Jahren befand sich Berlin gerade mitten in einer großen Stadterneuerungswelle. Nachdem Berlin wieder Hauptstadtstatus erlangt hatte, wurden ungefähr 200 Milliarden Euro in den Aufbau investiert. Potsdamer Platz,  Pariser Platz, Friedrichstraße..., ein Wiederaufbauplan nach dem anderen wurde auf die Tagungsordnung gesetzt, und international renommierte Architekturbüros versuchten, einen Fuß in die Tür zu bekommen. In Berlin schien es unendlich viele Häuser zu bauen zu geben.

„Diese eine Studie, die die gegenteilige Meinung vertrat, ging davon aus, dass die Wirtschaft Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung komplett zusammenbrechen und dort dann eine hohe Arbeitslosigkeit herrschen würde. Diese Arbeitslosen würden sich letztendlich dafür entscheiden, von Berlin wegzuziehen und in den Westen und ins Ausland zu gehen, um dort ihr Glück zu versuchen“, meint Hajer.

Die Tatsachen zeigen, dass diese Annahme korrekt war. Durch den Bevölkerungsrückgang kam es in Berlin zu keiner Wohnungsknappheit, ganz im Gegenteil: Es gab auf einmal zu viele Wohnungen. Vor 20 Jahren herrschte auf beiden Seiten des geteilten Berlin krasser Wohnungsmangel. Aber heute sieht sich die deutsche Hauptstadt mit einem Wohnungsüberschuss konfrontiert. Da die Nachfrage zu wünschen übrig lässt, sind die Wohnungspreise dramatisch gesunken. Wenn man heute in Berlin eine Wohnung oder ein Grundstück kaufen will, muss man nur die Hälfte von dem, was es vor acht Jahren gekostet hat, auf den Tisch legen.

„Auch wenn diese Studie nicht ganz korrekt war, ihre Annahmen über das Schrumpfen der Bevölkerung haben sich als richtig erwiesen. Die Folge war, dass die Stadtplanung von Berlin komplett überarbeitet werden musste“, erzählt Hajer.

Als die Regierung auf das Problem der Berliner Bevölkerung aufmerksam wurde, war aus einer sowohl geografisch als auch mental gespaltenen Stadt „an vorderster Front“ wieder eine - wie der Berliner Bürgermeister Wowereit sie zu nennen pflegte – „arme, aber sexy“ Hauptstadt Deutschlands geworden. Die in den 1980er Jahren in Berlin veranstaltete Internationale Bauausstellung (IBA) sowie die nach der Vereinigung im Gebiet entlang der Mauer erfolgte umfassende Stadterneuerung verpassten der gesamten Stadt ein vollkommen neues Gesicht.

Heute, zwanzig Jahre später, besteht die vordringlichste Aufgabe der Berliner Abteilung für Stadtentwicklung darin, die Straßen der Stadt wieder menschenfreundlich zu gestalten, um mehr Menschen zu animieren, wieder in die Stadt zu ziehen.

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Moxi
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
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