Interview mit Jörg Tramm
Abteilung für Auslandsangelegenheiten, Senatskanzlei Berlin

Die Wände des Büros von Jörg Tramm zieren verschiedenste Andenken aus China: chinesische Kalligrafien, chinesische Fächer ... Das Auffälligste sind die Werbeposter der Olympischen Spiele in Beijing. Auf dem Tisch im Besprechungszimmer stehen zwei Dosen mit chinesischem Tee: Tieguanyin und Biluochun. „Ich war früher oft in China, dieses Jahr jedoch wird das ein bisschen weniger werden, weil ihr ja alle mit den Olympischen Spielen beschäftigt seid!" lacht Tramm.
Am Morgen des 18. November 2008 empfängt Jörg Tramm die Journalisten von Southern Weekly im roten Klinkergebäude des Rathauses von Berlin zum Interview. Zwischendurch erledigt er ein paar Telefonate: Eine chinesische Delegation hat ein paar Tage vor dem Abflug die Visa noch nicht bekommen, und er muss die Botschaft drängen, die Visa doch noch rechtzeitig auszustellen.
Die chinesischen Kollegen zieht es ins Ausland
Southern Weekly: Dieser rote Klinkerbau, in dem wir uns jetzt befinden, ist das Rathaus von Berlin?
Ja, wir befinden uns jetzt im Rathaus von Berlin. Die Stadtregierung besteht aus acht Abteilungen, die über die ganze Stadt verteilt sind. Berlin hat nämlich eine Besonderheit: Berlin ist sowohl eine Stadt als auch ein „Land", und der Bürgermeister von Berlin ist damit auch Ministerpräsident des Landes Berlin. Das ist ein bisschen wie in Beijing: Als Hauptstadt genießt Beijing gleichzeitig auch den Rang einer Provinz. Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner und eine Fläche von 880.000 Quadratkilometern, während Beijing 16 Millionen Einwohner hat und 16 Mal so groß wie Berlin ist. Aber Berlin ist inzwischen die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands und auch flächenmäßig sehr viel größer als alle anderen deutschen Städte.
Southern Weekly: Dieses Jahr feiern Berlin und Beijing doch zwanzig Jahre Freundschaftsbeziehungen? 1988 hat das damalige Ostberlin mit Beijing den offiziellen Vertrag über Freundschaft und Kooperation unterzeichnet.
Richtig. Berlin unterhält im Moment mit 17 ausländischen Städten Freundschaftsbeziehungen. Die engste Beziehung besteht zu Beijing. Nach der Öffnung und dem Beginn der Reformen war China an Kooperationen mit dem Ausland äußerst interessiert und auch bereit, viel Geld dafür auszugeben. Da Berlin eine relativ arme Stadt ist, wird ein Großteil unserer Zusammenarbeit von Beijing finanziert. Im Jahr 2008 sind unsere Aktivitäten mit Beijing ein bisschen reduziert worden, weil Beijing seine ganze Kraft in die Olympischen Spiele steckt, deswegen ist der Austausch zwischen den Städten ein bisschen in den Hintergrund gerückt.
Bei den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele gab es jedoch einigen Kontakt mit uns, vor allem was juristische und Sicherheits-Fragen oder auch den Jugendaustausch betraf. Was das Juristische betraf, hielten wir zum Beispiel eine Reihe von Fortbildungsseminaren ab, zu denen wir Rechtsanwälte, Richter und Personen, die in Notariaten arbeiten, einluden. Zumindest die Hälfte der Leute, die in Beijing in Notariaten arbeiten, waren schon einmal in Berlin. Im Dezember 2008 halten wir ein Seminar zur Verwaltungsrechtsreform ab, an dem auch Vertreter des Höchsten Gerichtshofes teilnehmen werden.
Was Sicherheitsfragen betrifft, so bezog sich unser Austausch in erster Linie auf Probleme der öffentlichen Sicherheit während der Olympischen Spiele, denn Berlin kann hier auf sehr reiche Erfahrungen beim Fußballweltcup 2006 verweisen. Unsere Kollegen aus Beijing hofften, von uns lernen zu können. Die Stellen in Berlin und in Beijing haben sich auch bezüglich Terrorbekämpfung und anderer verbrechensabschreckender Maßnahmen ausgetauscht.
Außerdem sind wir im Jugendaustausch sehr aktiv. Im Moment haben mehr als 20 Berliner Schulen Kooperationen mit Beijing laufen, wobei 18 Berliner Schulen direkte Kontakte mit einer Partnerschule in Beijing haben. Außerdem gibt es noch zwei Schulen, die mit Schulen in Hangzhou bzw. Shanghai zusammenarbeiten. Die Regierung der Stadt Berlin ist sehr an solchen Jugendaustauschprogrammen interessiert, und jedes Jahr kommen sehr viele junge Chinesen nach Berlin und wohnen bei ihren Berliner Kollegen. Inzwischen gibt es zehn Berliner Mittelschulen, an denen man Chinesisch als dritte Fremdsprache lernen kann, und eine Schule unterrichtet Chinesisch sogar als erste Fremdsprache. Gäbe es diesen intensiven Austausch zwischen den Jugendlichen nicht, dann wäre das Wissen über China und das Interesse am Chinesischen bei den Deutschen ganz sicher nicht so groß.
Berlin pflegt auch noch mit vielen anderen chinesischen Städten freundschaftliche Beziehungen. Zum Beispiel wurden bereits mit Shanghai und Chengdu Absichtserklärungen unterzeichnet. Ich bin auch verantwortlich für die Freundschaftsbeziehungen mit Tokio, die allerdings nicht sehr lebendig sind, vielleicht, weil der Bürgermeister von Tokio sich für solche Aktivitäten nicht wirklich erwärmen kann.

Wir empfangen jedes Jahr ungefähr 50 Delegationen aus allen Regionen Chinas, die sich für die unterschiedlichsten Themen interessieren. Dieses Jahr kamen ein bisschen weniger Gruppen, vor allem nach dem Erdbeben von Wenchuan. Offenbar haben viele Führungspersönlichkeiten nicht ausreisen dürfen. Aber jetzt scheinen die Restriktionen wieder aufgehoben zu sein, und bis zum Jahresende werden noch 15 Delegationen erwartet.
Eine solche Delegation ist zum Beispiel die Gruppe, von der ich gerade gesprochen habe und die Probleme mit dem Visum hat: Da geht es um den Einsatz von Informationstechnologie in der berufsbegleitenden Ausbildung. Andere Gebiete, für die sich chinesische Delegationen in letzter Zeit besonders interessiert haben, sind das Steuer- und Finanzwesen, Human Resources und Korruptionsbekämpfung im öffentlichen Sektor. Die Themen werden von unseren chinesischen Freunden vorgeschlagen, sie sagen mir, wofür sie sich interessieren, und dann kontaktiere ich die entsprechenden Berliner Stellen und arrangiere die Reise. Die chinesischen Teilnehmer nutzen natürlich die Gelegenheit, um auch andere Bundesländer oder andere europäische Länder zu besuchen, und bleiben oft nur drei bis fünf Tage in Berlin.
Southern Weekly: Sie haben vorhin gesagt, dass Beijing für eine derartige Zusammenarbeit relativ Geld ausgibt. Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Auf zehn Delegationen aus China kommt durchschnittlich nur eine aus Berlin. Allein schon deshalb gibt Beijing vergleichsweise viel Geld aus. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass unsere Freunde aus Beijing und auch aus anderen Orten Chinas allgemein sehr gerne ins Ausland reisen. Wir könnten für technische Weiterbildungen ja auch unsere Spezialisten nach China schicken, aber meistens meint die chinesische Seite: „Nein, wir kommen zu euch.“
Bei dem Seminar zum Verwaltungsrecht, das wir in Kürze abhalten werden, hat die chinesische Regierung die Reisekosten, die Hotelkosten und die Kosten für die Dolmetscher übernommen, während wir lediglich für die „Software" zuständig sind, das heißt, wir laden Vortragende ein und zahlen dann das Honorar für diese Experten, darum muss sich die chinesische Seite nicht kümmern.
Southern Weekly: Wie hoch sind die Kosten für so eine Gruppe ungefähr?
Meistens besteht eine Delegation aus 20 bis 25 Personen. Ein Flugticket kostet um die 800 Euro, die Hotelkosten belaufen sich auf circa 600 Euro, die Dolmetscher und Reiseführer kosten ungefähr 6000 Euro. Bei der Gruppe, die nächste Woche aus Guangzhou kommt und sich mit dem Thema berufsbegleitendes Lernen und Ausbildung beschäftigt, kommen die Teilnehmer zum Großteil aus berufsbildenden Schulen. Laut Einladungsbrief, den ich ihnen geschrieben habe, bleiben sie fünf Tage in Berlin. Für diese Tage habe ich verschiedene Vorträge organisiert. Von deutscher Seite sind das Ausbildungszentrum der Stadt Berlin, das Unterrichtsministerium des Landes Berlin, die Berliner Wirtschaftskammer und ähnliche Institutionen beteiligt. Außerdem habe ich einen Besuch an der Humboldt-Universität arrangiert. Wir von unserer Seite sind für die Organisation der Aktivitäten zuständig, alle anderen Kosten werden von chinesischer Seite übernommen.
Southern Weekly: In China hat in letzter Zeit ein Phänomen für Aufsehen gesorgt: Manche Funktionäre nutzen die Gelegenheit von Dienstreisen, um im Ausland zu bleiben und nicht nach China zurückzukehren. Haben Sie eine derartige Situation schon einmal erlebt?
Ich habe davon gehört, aber in den zehn Jahren, in denen ich jetzt hier arbeite, habe ich das noch nicht selbst erlebt. Wenn wir Chinesen nach Berlin einladen, dann muss ich das mit meiner Unterschrift bestätigen. Wenn so etwas öfter vorkäme, dann hätte ich mit Schwierigkeiten zu rechnen. In so einem Fall würde sich nicht nur die chinesische Botschaft, sondern auch die deutsche Regierung bei mir melden und mich fragen, was da los sei, wen ich denn da eingeladen hätte. Da ich persönlich einlade, muss ich auch die Verantwortung dafür übernehmen. Ich persönlich kann natürlich nicht garantieren, dass bei so vielen Menschen, die Jahr für Jahr kommen, niemand die Absicht hat, hierzubleiben. Das muss aber von den verschiedenen chinesischen Institutionen und Botschaften verhindert werden.
Natürlich sind in dem gesamten Einladungsprozedere gewisse Kontrollmechanismen eingebaut. Wenn zum Beispiel eine Delegation zu Studien und zum Austausch herkommt, dann muss das Konsulat eigentlich alle Visumansuchenden zu einem Gespräch in die Botschaft einladen und sie befragen, um sich einen Eindruck davon verschaffen, welche Haltung die Betreffenden haben, ob da nicht die Gefahr besteht, dass sie sich absetzen, usw.
Wenn jemand tatsächlich hierbleibt, so habe ich keinerlei Möglichkeit, Einfluss zunehmen. Er muss selbst um Asyl ansuchen und dabei natürlich beweisen, dass er in China politisch verfolgt wird oder eine Rückkehr nach China aufgrund seines religiösen Glaubens oder bestimmter politischer Anschauungen gefährlich wäre. Sie müssen wissen, dass es alles andere als leicht ist, hier den Status eines Asylanten zu erlangen. Außerdem glaube ich, dass es für einen Chinesen, der in Deutschland keine Verwandten hat und die Sprache nicht spricht, ein Sprung ins kalte Wasser ist, denn die Entwicklung ist in China wesentlich besser als in Deutschland. Wenn es jemand zu etwas bringen will, dann ist China sicher der bessere Ort für ihn.
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
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