Interview mit Jörg Tramm
Abteilung für Auslandsangelegenheiten, Senatskanzlei Berlin Teil 2

Berliner Öffentlichkeitsarbeit und das chinesische Fernsehen

Ich weiß, das Berlin in China ein Imageproblem hat. Wir müssen uns in dieser Hinsicht sehr anstrengen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, zur Zeit der Spaltung zwischen Ost- und Westberlin, war Ostberlin die Hauptstadt der DDR, und die Beziehungen zwischen Berlin, aber auch der ganzen DDR und China waren damals nicht besonders gut, denn China unterhielt ja sehr enge Beziehungen mit der Sowjetunion. Daher gab es nur wenig Kontakt mit Chinesen. Aufgrund dieser speziellen Situation war das Wissen über Berlin auf chinesischer Seite auch ziemlich beschränkt. Es war, als würde Berlin nicht existieren. Erst mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989 rückte Berlin wieder ins Blickfeld.
Ich war 1998 das erste Mal in China, und obwohl ich mir in Berlin einiges Wissen über China angeeignet hatte, war es bei weitem nicht ausreichend. 1999 gab es einen Berliner, der über Satellit das chinesische Fernsehen empfangen konnte. Er rief mich an und hielt mir vor, dass ich meine Arbeit nicht ernst genug nehme: Wenn man sich die Wettervorhersage im chinesischen Fernsehen anschaut, dann werden alle Hauptstädte aufgeführt: London, Paris, Warschau ... Aber bei Deutschland fehlt Berlin, da kommt nur Frankfurt vor! Ich habe zwei Jahre lang mit dem chinesischen Botschafter verhandelt, bis schließlich auch Berlin in der Wettervorhersage auftauchte. Und in sehr vielen Fällen tauchen natürlich Berlin und Frankfurt Seite an Seite auf.
Southern Weekly: Die Rede ist von China Central Television, dem zentralen chinesischen Fernsehen?
Ja, China Central Television, aber dasselbe gilt auch das Beijinger Fernsehen ... eigentlich für alle chinesischen Sender. Ich habe zwei Jahre gekämpft. Dann erst bekam auch Berlin Anrecht auf seinen Platz in der chinesischen Wettervorhersage.
Ich weiß, dass Frankfurt in China relativ bekannt ist, weil man meist über Frankfurt nach Europa fliegt. An zweiter Stelle kommt Hamburg, das schon seit mehr als hundert Jahren Beziehungen mit China unterhält und jetzt auch noch die Schwesterstadt von Shanghai geworden ist. Berlin hingegen war lange eine Stadt, mit der die Leute politisch nicht viel anfangen konnten, ja, viele haben es vermieden, überhaupt von dieser Stadt zu sprechen. Außerdem waren die Flugverbindungen zwischen Berlin und dem Rest der Welt aus geschichtlichen Gründen besonders schlecht. Tatsächlich gibt es erst seit dem 5. September dieses Jahres eine direkte Flugverbindung zwischen Berlin und Beijing. Vorher musste man umsteigen, wenn man von Berlin nach China fliegen wollte.
Southern Weekly: Es scheint, als wäre das neue Berlin sehr erfolgreich beim Aufbau seines Image. Zum Beispiel kennt jeder die Berlinale.
Ja, im Moment übt Berlin auf junge Menschen eine besonders große Anziehung aus. Und jetzt kommen auch immer mehr Chinesen nach Berlin. Außer der Berlinale gibt es noch die verschiedensten Messen, zum Beispiel findet die größte Tourismusmesse der Welt in Berlin statt, aber auch die Grüne Woche für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, und wir veranstalten außerdem die weltweit größte Messe für Medien und Unterhaltung, die Internationale Funkausstellung IFA. Dazu kommt, dass Berlin über ein sehr gutes Umfeld verfügt: Es gibt viele Seen in der Umgebung, und die Stadt selbst ist sehr grün. Berlin ist inzwischen eine sehr schicke Stadt, mit sehr vielen Bars und Nachtclubs, die vor allem bei jungen Leuten sehr gut ankommen. Unser Bürgermeister hat einmal gemeint: Berlin ist arm, aber sexy.
Southern Weekly: Warum betonen Sie immer wieder, wie arm Berlin ist?
Vor dem Fall der Mauer war der Unterschied im Lebensstandard zwischen Ost- und Westberlin bzw. zwischen Ost- und Westdeutschland extrem groß, ungefähr so wie jetzt zwischen Nord- und Südkorea. Nach der Wiedervereinigung war die Infrastruktur im früheren Ostteil sehr schwach entwickelt, die Wohnviertel und Straßen wurden in den fünfzig Jahren seit Kriegsende kaum renoviert oder erneuert, daher musste Berlin in diesem Bereich extrem viel investieren. Das Rathaus, in dem wir uns gerade befinden, liegt im früheren Ostteil der Stadt, und wenn Sie zum Fenster hinausschauen, können Sie sehen, dass seit der Wiedervereinigung 1991 praktisch jedes Haus in Ostberlin renoviert worden ist, und fast jede Straße wurde neu asphaltiert. Wenn Sie 1991, also bereits nach der Wiedervereinigung, gekommen wären, hätten Sie von hier aus sehen können, welch himmelhoher Unterschied zwischen diesen beiden Teilen besteht.
Southern Weekly: Die Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin war tatsächlich eine gewaltige Leistung.
Dass die Berliner Mauer eine solche Aufmerksamkeit erweckt hat, ist ja ganz normal. Die friedliche Wiedervereinigung eines kapitalistischen und eines sozialistischen Landes ist natürlich etwas sehr Aufsehenerregendes. Die Wiedervereinigung war damals tatsächlich ein sehr spannender Prozess, denn es bedeutete ja die Zusammenlegung von sehr vielen Institutionen, zum Beispiel von zwei Armeen. Auf beiden Seiten hieß es während all der Jahre, die jeweils andere Seite sei der Feind: auf der einen Seite herrschte der Kapitalismus, auf der anderen der Sozialismus, also zwei Systeme, die vollkommen unvereinbar sind. Aber die Wiedervereinigung der Armeen war ganz einfach, ein einziger Befehl genügte da: Früher waren sie eure Feinde, jetzt sind sie eure Freunde, und die Sache war geregelt.
Was die Infrastruktur betrifft, zum Beispiel die Telefonleitungen oder die Erneuerung des Straßennetzes, so war das auch nicht so schwierig, zumindest dort, wo bereits Leitungen existierten.
Aber die „Wiedervereinigung" im Denken der Menschen ist extrem schwer. Vor allem für die Menschen im Osten war es damals extrem schwer, weil sie ja im Grunde in die Bundesrepublik eingegliedert wurden und über Nacht von einem Gesellschaftssystem ins andere überwechseln mussten. Damals haben viele Menschen gedacht: Jetzt bin ich vierzig, und auf einmal soll ich alles aufgeben, woran ich bis jetzt geglaubt habe? Es war, als ob die vierzig Jahre umsonst gewesen wären.
Das ist wie bei einem sechzigjährigen Chinesen, der plötzlich in eine große Stadt kommt, in der die Öffnung und die Reformen gegriffen haben. Die Leute rundherum schauen immer mehr nur aufs Geld, die Fürsorge füreinander existiert nicht mehr in der alten Form. Für diesen Menschen ist eine solche Situation äußerst schmerzhaft. Als ich vor zwei Jahren in Beijing war, ging ich einmal in einem kleinen Vorortespital zum Arzt, und zwar zu einem Arzt, der chinesische Medizin betrieb. Als ich auf dem Behandlungsbett lag, befanden sich neben mir sechs Chinesen. Alle interessierten sich für den Arzt, er daher tratschte mit allen und fragte sie, welche Meinung sie über Mao Zedong oder Deng Xiaoping hätten. Von den sechs sagten die fünf älteren, dass der Vorsitzende Mao gut und die Politik der Öffnung von Deng Xiaoping schlecht war. Nur ein junger Patient fand Deng Xiaoping positiv. Es nahm sich niemand ein Blatt vor den Mund. Sie alle waren der Ansicht, dass sie zu Maos Zeiten alle gleich waren, während es jetzt, nach der von Deng eingeleiteten Öffnung, immer nur ums Geldverdienen geht.
Was ich damit sagen will: Für Menschen, die unter einem bestimmten Gesellschaftssystem aufgewachsen sind und gearbeitet haben und plötzlich in ein anderes System überwechseln sollen, ist dieser Übergang nur sehr schwer zu bewältigen.
Southern Weekly: Sind Sie selbst in Ost- oder Westdeutschland aufgewachsen?
Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen. Ich betrachte das als einen Glücksfall, weil wir im Westen mehr Freiheit genossen.
Southern Weekly: Der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises, Uwe Tellkamp, ist in Dresden aufgewachsen. Nach der Preisverleihung ist mir aufgefallen, dass sowohl deutsche als auch englischsprachige Medien immer wieder seinen ostdeutschen Hintergrund betont haben. Ist das heute in Berlin bzw. in Deutschland nach wie vor so ein wichtiges Thema?
Meiner Meinung nach hat das nichts Besonderes zu bedeuten. Wenn seine Herkunft betont wird, dann deswegen, weil man dadurch einige Konzepte in seinem Werk und seinen kreativen Prozess besser verstehen kann. Kennt man den Hintergrund eines Menschen, so versteht man sein Werk auch besser. Zum Beispiel ist der Vorsitzende einer unserer Parteien, der Grünen, ein Deutscher türkischer Herkunft. Er ist zwar in Deutschland geboren und ist Deutscher, aber seine Eltern kommen aus der Türkei. Das ist ein Punkt, den jeder besonders betont. Das ist so, als würde ein Chinese aus Hongkong oder Taiwan einen Preis gewinnen: Da würde man sicher auch die Tatsache betonen, dass er aus Hongkong oder Taiwan stammt.
Das Deutsche Olympische Komitee mag Berlin nicht

Diese Spiele hatten natürlich Auswirkungen auf Berlin. Zuallererst muss man wissen, dass die Bewerbung Berlins um die Olympischen Spiele 1936 bereits vor Hitlers Machtübernahme akzeptiert wurde. Damals ist Hitler noch nicht gegen Andersdenkende oder Juden vorgegangen. Die Spiele von 1936 hatten alle anderen Spiele in der Geschichte der Olympiaden in den Schatten gestellt. Hitler benutzte sie dazu, um die ganze Welt zu täuschen: Er täuschte das Bild eines friedlichen, demokratischen Deutschlands vor, und die Welt damals zu blind, um das zu erkennen; man hatte den Eindruck, dass ein so gewaltiges Ereignis, das so gut organisiert ist, eine ganz beachtliche Leistung darstellt.
Damals gab es in Amerika Stimmen, die die Spiele boykottieren wollten, weil Amerika damals bereits das Aufkommen des Antisemitismus erkannte. Vor allem in Los Angeles und Moskau herrschte eine starke Ablehnung, und fast hätten sie sich durchgesetzt. Wäre das wirklich geschehen, dann hätten sicher sehr viele westliche Staaten nicht an den Spielen teilgenommen.
Das Berliner Olympiastadion ist nach wie vor eines der größten in ganz Deutschland. Ich war gemeinsam mit dem Bürgermeister in Beijing bei der Eröffnungszeremonie. Ich habe den Eindruck, dass das Vogelnest von seiner äußeren Erscheinung her sehr viel schöner ist als das Berliner Olympiastadion, aber was das Innere betrifft, gefällt mir das Berliner trotz allem besser, weil die Innenausstattung in Berlin relativ weich ist, während das Innere des Vogelnests einen eher harten Eindruck vermittelt.
Damals hatte Berlin viele Infrastrukturprojekte wegen der Olympischen Spiele realisiert, und es ist sehr schade, dass sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Das heißt aber nicht, dass die Spiele selbst keinen Einfluss auf die Stadt gehabt hätten. Die olympischen Spiele sind immer ein großer Impuls für die Wirtschaft der Stadt, in der sie stattfinden, und in jeder Stadt gibt es immer ein, zwei Schwerpunktprojekte, die direkt von der Olympiade profitieren. Zum Beispiel hat die U-Bahn in München direkt von der Olympiade profitiert: Es existierten damals zwar Pläne für einen U-Bahnbau, aber ohne die Spiele wäre sie nicht gebaut worden.
Bei sehr vielen wichtigen Infrastrukturprojekte ist normalerweise der Genehmigungsprozess sehr langwierig und hat mit sehr vielen Hindernissen zu kämpfen. Wenn er jedoch vor dem Hintergrund einer Bewerbung um die Olympischen Spiele stattfindet, dann geht das alles viel leichter und reibungsloser. Auch in Beijing wurden für die Olympischen Spiele umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen verwirklicht, zum Beispiel das Terminal 3 des Beijinger Fughafens, das ohne die Olympiade wahrscheinlich nicht gebaut worden wäre. Soweit ich weiß, wurden in Beijing innerhalb von zehn Jahren 160 Kilometer U-Bahnlinien gebaut. Und die Wohnungen im Olympischen Dorf hatten meines Wissens nach bereits vor den Spielen ihre Käufer gefunden. Dass die Begrünung in Beijing so gelungen ist, ist auch auf die Spiele zurückzuführen. Als Veranstalter der Spiele hat Beijing, was die Infrastruktur, die Begrünung und andere Maßnahmen betrifft, einen sehr großen Impuls erhalten.
Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Beijing das Vogelnest ohne Defizit betreiben kann. Es ist sehr schwierig, für ein so riesiges Stadion genug Zuschauer zu finden.
Southern Weekly: Berlin hat sich Anfang der 1990er Jahre noch einmal um die Spiele des Jahres 2000 beworben.
Ja, ich habe damals für das Bewerbungskomitee gearbeitet. Damals war Beijing einer unserer Mitbewerber. Aber den Zuschlag hat schließlich Sydney bekommen. Berlin hat nur neun Stimmen bekommen und war damit sehr früh aus dem Rennen. Natürlich war die Wahl von Sydney politisch motiviert, denn das damalige Olympische Komitee war der Meinung, dass die Zeit für Beijing noch nicht reif sei. Und natürlich spielt im Olympischen Komitee auch immer Korruption eine gewisse Rolle.
1987, also vor der Wiedervereinigung, meinten manche in Berlin, dass sich Ostberlin und Westberlin als zwei Teile einer geteilten Stadt gemeinsam für die Spiele bewerben sollten.
Wir haben damals eine Gruppe auf die Beine gestellt und eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Das Olympische Komitee zeigte damals großes Interesse, denn es meinte, dass eine solche Entscheidung zeigen würde, dass die Olympischen Spiele tatsächlich die Welt verändern könnten: Ein kapitalistischer Staat und ein sozialistischer Staat veranstalten gemeinsam die Spiele. Wenn West- und Ostberlin damals noch lange gespalten geblieben wären, hätten sie uns vielleicht einmal den Zuschlag gegeben. Aber mit der Wiedervereinigung war dieser Anlass weggefallen, und weil Berlin langsam zu einer normalen Stadt wurde, hätten Spiele in Berlin auch keine so politische Wirkung gehabt wie Spiele in Sydney oder Beijing.
Southern Weekly: Was war damals der Ausgangspunkt für die Bewerbung Berlins?
Da Berlin nach der Wiedervereinigung einen riesigen Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur hatte, wären Olympische Spiele die effizienteste Methode gewesen, denn in Deutschland sind Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte extrem langwierig. Wenn man zum Beispiel einen Flughafen bauen will, müssen im Vorfeld verschiedenste Prüfungen durchgeführt werden, es müssen die Anrainer einbezogen werden etc., und bis zur Genehmigung dauert es zehn Jahre. Mir ist klar, dass in China die Führung solche Dinge einfach beschließen kann und sie dann gemacht werden.
Um die Infrastruktur in Berlin voranzutreiben, sind bei der Bewerbung die Arbeiten in Wirklichkeit schon über das Planungsstadium hinausgegangen. Wir haben damals bereits ein Rad- und ein Schwimmstadion gebaut. Jetzt haben wir den Wunsch verwirklicht, dort die Weltmeisterschaft zu realisieren, und auch die Renovierung des Olympiastadions ist erst wegen der Bewerbung auf die Tagesordnung gekommen, sonst hätten die Berliner dem Ganzen keine besondere Beachtung entgegengebracht.
Wenn eine Stadt sich um die Spiele bewirbt, hat das immer auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung der Stadt. Bei der letzten Bewerbung hatte Berlin schon acht Jahre vorher (1992) einen detaillierten Bericht verfasst, wo die Situation der Spielstätten, die Wohnsituation der Sportler usw. beschrieben wurden. Dieser Bericht wurde auch an die höheren Stellen weitergegeben; so konnten also die Pläne bereits im Vorfeld finalisiert werden. Berlin hat für die Bewerbung 70 Millionen Mark ausgegeben. Damals waren sehr viele Berliner dagegen, weil sie meinten, dass in Ostberlin sehr viele Orte sehr schäbige seien und erneuert hätten werden müssten. Aber ich persönlich glaube, die Ausgaben für die Bewerbung haben sich gelohnt, weil sie auch eine gute Werbung für die Stadt bedeuteten und die ganze Welt wieder einmal auf Berlin aufmerksam wurde.
Natürlich hat Beijing vergleichsweise am meisten Geld ausgegeben. Ob es sich lohnt, so viel zu investieren, darüber kann man geteilter Meinung sein. Aber man sollte dabei berücksichtigen, dass diese Ausgaben sich positiv auf das Image des Landes und das Selbstbewusstsein seiner Bewohner auswirken.
Aus den Spielen in Beijing sind China und Beijing als Sieger hervorgegangen. Natürlich kann man nicht in jeder Hinsicht hundertprozentig erfolgreich sein. Zum Beispiel sind im Zuge der Spiele auch die Tibetfrage und die Problematik der Dissidenten im Ausland ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Spiele haben der staunenden Welt sehr viele sehr positive Seiten Chinas vor Augen geführt. Dass dabei auch negative Seiten zum Vorschein kamen, ist kein Problem, denn es gibt kein Land auf der Welt, das nicht seine Schattenseiten hätte. Nehmen wir zum Beispiel Deutschland her: Auch hier gibt es sehr viele Dinge zu kritisieren. Das muss man akzeptieren. Um mit Deng Xiaoping zu sprechen: Wenn man das Fenster aufmacht, kommen immer auch Fliegen herein. Ich kann mir vorstellen, dass es China ohne die Öffnung kein Aids gäbe, die Schere zwischen Arm und Reich nicht so groß wäre und vielleicht auch nicht so viele soziale Probleme existieren würden. Aber man muss sehen, dass trotzdem die guten Seiten die negativen bei weitem überwiegen.
Southern Weekly: Wird sich Berlin Ihres Wissens noch einmal um die Olympischen Spiele bewerben?
Das kann die Stadt Berlin nicht alleine entscheiden, das wird vom deutschen Olympischen Komitee entscheiden. Das Olympische Komitee muss zuerst in Deutschland eine Ausschreibung organisieren, an der sich alle deutschen Städte beteiligen können. Erst dann kann es entscheiden, welche Stadt sich im Namen Deutschlands bewirbt. Weil wir eine föderalistische Staatsform haben, haben alle Länder dieselben Rechte. Ich denke, dass es in China so ein Problem gar nicht gibt: Wenn wir in Beijing uns bewerben, dann habt ihr in Shanghai nichts mehr zu sagen. In China ist es nicht vorstellbar, dass so große Städte wie Guangzhou oder Chengdu sagen, wir sind gegen die Bewerbung von Beijing und werden uns ebenfalls bewerben. Aber da Deutschland ein Bundesstaat ist, kann sich jede Stadt bewerben, und das Olympische Komitee hat die Aufgabe, die Entscheidung zu treffen.
Aber leider hat das deutsche Olympische Komitee keine besonders gute Meinung von Berlin. Einerseits bewerben sich sehr viele Städte um die Spiele, zum Beispiel Hamburg und die Rhein-Main-Region (Frankfurt). Außerdem mag es Berlin nicht, es vergleicht Berlin mit großen Städten wie Paris oder Beijing, die sehr arrogant agieren. Wir jedoch meinen, dass Berlin als größte Stadt Deutschlands bei der Abhaltung von Spielen in Deutschland als erste berücksichtigt werden müsste.
Southern Weekly: Das Deutsche Olympische Komitee hat seinen Sitz nicht in Berlin?
Sie haben Recht: Das Deutsche Olympische Komitee hat seinen Sitz in Frankfurt. Das hat mit der Geschichte Deutschlands zu tun. Es ist nach der Wiedervereinigung nicht nach Berlin übersiedelt.
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
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