München

Interview mit dem Pressesprecher des Münchner Olympiastadions Arno Hartung

„Beckenbauer hat bei uns hier seine Erfolge gefeiert, aber wenn es nach ihm ginge, müssten wir alles in die Luft sprengen und eine neue Anlage bauen!"

Arno Hartung©Moxi, Southern Weekly


Southern Weekly: Die Olympiapark München GmbH (OMG) gilt als erfolgreiches Beispiel für einen Betreiber einer olympischen Einrichtung. Was ist Ihr Managementgeheimnis?

Die nacholympische Nutzung von Sportstätten ist überall auf der Welt ein wohlbekanntes Problem. Wir glauben, dass man sich bereits vor den Olympischen Spielen genau überlegen muss, wie die Spielstätten nach den Wettbewerben genutzt werden können. Unsere Gesellschaft (die Olympiapark München GmbH) ist 1970, also zwei Jahre vor Beginn der Olympiade, gegründet worden und ist eine hundertprozentige Beteiligungsgesellschaft der Landeshauptstadt München. Bereits zehn Tage nach Ende der Olympischen Spiele haben wir die erste Großveranstaltung im Olympiastadion durchgeführt.

Ich habe den Bau der olympischen Spielstätten in Beijing sehr genau verfolgt, ich war auch zwei Mal in Beijing, gemeinsam mit Architekten aus anderen Teilen Deutschlands. Wir haben damals das Beijinger Organisationskomitee beraten und ließen es an unseren Erfahrungen teilhaben. Wenn man zum Beispiel eine große Multifunktionsanlage baut, muss man unbedingt gleichzeitig im Inneren viele kleine Räume planen. Das ist etwas ganz Wichtiges. Wir haben jetzt das Problem, dass es uns an genau solch kleinen Räumen fehlt. Man braucht einige VIP-Räume, aber auch sehr viele Umkleideräume für die Sportler, außerdem braucht man Funktionsräume, ein Medienzentrum usw.

Und muss man von Anfang an genug Parkplätze einplanen. In Beijing gibt es zwar weniger Autos als hier bei uns, aber trotzdem wäre es wichtig, von Anfang an die zukünftige Nutzung mitzudenken. Dazu gehören auch die Verkehrserschließung zwischen den einzelnen Wettkampfstätten, die Plätze für die Kameras auf dem Gelände usw. Diese „Kleinigkeiten“ sind ganz besonders wichtig.

Southern Weekly: Wie viele Parkplätze hat die OMG damals geplant? Und wie sieht der tatsächliche Bedarf aus?

Wir verfügen im Moment über 6000 Parkplätze, das hat 1972 gerade noch gereicht. Aber jetzt sind es meiner Meinung nach viel zu wenige. Die Olympiade fand vor 36 Jahren statt, und die Parkplätze können den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Das Fußballstadion der Allianz Arena hat 19.000 Parkplätze, die auf zwei Ebenen verteilt sind, während wir hier nur eine Ebene zur Verfügung haben. Bei Großveranstaltungen, vor allem, wenn sie am Wochenende stattfinden – Open-Air-Konzerten, Sommerfesten, Feuerwerken etc. - können an Spitzentagen schon 90.000 Menschen ins Stadion pilgern, vor allem, wenn man die Münchner und die Touristen, die das Schwimmstadion besuchen, noch dazurechnet. Daher reichen unsere Parkplätze bei weitem nicht aus.

Southern Weekly: Welche Veranstaltung fand zehn Tage nach Ende der Olympischen Spiele 1972 statt? Wie haben Sie das innerhalb so kurzer Zeit geschafft?

Soweit ich mich erinnere, war das eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Was die Nutzung des Stadions betrifft, so hatten wir einen langfristigen Plan. Gleich nach Gründung des Unternehmens im Jahr 1970 begannen wir, mit sehr vielen Künstlergruppen in Kontakt zu treten. Das war ebenfalls Teil unserer Planung. Wir haben ständig die neuesten Trends in Musik, Theater etc. beobachtet, um schnell reagieren zu können.

Zwei Jahre nach den Olympischen Spielen, also 1974, veranstalteten wir die Eiskunstlaufweltmeisterschaften und den Fußballweltcup. Sie müssen berücksichtigen, welche Sportarten bei Ihrem Publikum am beliebtesten sind. In München ist es der Fußball, aber zum Beispiel in Sydney würde das nicht funktionieren. Der FC Bayern München und 1860 München benutzen seit dreißig Jahren unser Stadion - wenn es sie nicht gäbe, wären wir wahrscheinlich nicht in einer so positiven Situation.

Außerdem haben wir uns bei der Errichtung des Stadions keine unrealistischen Ziele gesteckt, sondern die tatsächliche Münchner Situation einkalkuliert. Bei der Planung der Basketballhalle haben damals manche Leute vorgeschlagen, sie für 15.000 Zuschauer auszulegen, aber wir waren der Meinung, dass eine so riesige Halle für eine Stadt mit nur 1.300.000 Einwohnern überdimensioniert wäre, weil nach der Olympiade nie so viele Menschen zu Basketballspielen kommen würden. Letztendlich haben wir beschlossen, eine Halle für 7.000 Zuschauer zu bauen. So ist das keine Verschwendung. Wir wollen nicht um jeden Preis die Größten sein.

Southern Weekly: Vom Olympiastadion zum Olympiapark: Wie haben Sie diesen Rollenwechsel nach den Spielen geschafft?

Nach den Spielen haben wir die Werbung vor Ort verstärkt und mit verschiedensten Mitteln versucht, die Münchner zum Besuch des Olympiaparks zu motivieren. Wir haben zum Beispiel Führungen angeboten, denn damals hatten ja nicht alle Münchner ein Ticket für eine olympische Veranstaltung gehabt.

Außerdem hatten wir noch einen Pluspunkt: Die Anlage liegt ziemlich zentral, mitten im Stadtgebiet, und sowohl die Wettbewerbsstätten als auch das Olympische Dorf befinden sich in ein und demselben Stadtviertel, was die Organisation ungemein erleichtert. Die olympischen Einrichtungen wirklich in die Stadt zu bringen – das ist auch ein wichtiger Punkt. Egal ob jetzt bei uns große Veranstaltungen stattfinden oder nicht – die Münchner kommen trotzdem am Wochenende, um die Sonne zu genießen. Auch an ganz normalen Tagen haben wir an die 10.000 Besucher, weil der Park wirklich ein Teil der Stadt geworden ist und die Verkehrsverbindungen so praktisch sind: Die Münchner müssen nur in die U-Bahn steigen oder ein anderes öffentliches Verkehrsmittel nehmen und schon sind sie hier.

Southern Weekly: Sie haben gerade die Vorteile angesprochen, die eine Konzentration der Sportstätten bietet. Aber es gibt auch die gegenteilige Meinung: Diese Konzentration könnte sich negativ auf die Stadtplanung auswirken, weil sich dann zu viel in der Stadt konzentriert.

Die Olympischen Spiele sind für mich vor allem eine Zusammenkunft von Sportlern aus der ganzen Welt. Wenn man bei einer Olympiade in Deutschland die Fußballspiele in München abhalten würde, die Handballwettbewerbe in Stuttgart und die Leichtathletikwettbewerbe in einer dritten Stadt, dann ginge dieser olympische Geist verloren. Das war auch bei den Spielen in Beijing der Fall: Die Reitwettbewerbe fanden in Hongkong statt, die Segelwettbewerbe in Qingdao – sicher haben es viele Sportler bedauert, dadurch die eigentliche Bedeutung der Olympiade nicht wirklich gespürt zu haben.

Natürlich ist heute technisch schon sehr viel machbar. Zum Beispiel plant das Olympische Komitee von London, eine Spielstätte für 12.000 bis 15.000 Zuschauer zu errichten, die nach den Spielen abgebrochen und an einem anderen Ort weitergenutzt wird. Aber vor 36 Jahren war so etwas nicht denkbar. München bewirbt sich gerade für die Winterspiele 2018, und wenn wir mit unserer Bewerbung Erfolg haben, werden wir in München drei neue Wettkampfstätten für je 1.500 Zuschauer bauen. Zwei davon sollen dann temporär sein und nach den Spielen woanders weitergenutzt werden. Außerdem werden die Schneewettbewerbe in Garmisch-Partenkirchen stattfinden, und Schönau am Königssee soll die Bob-, Skeleton- und Rodelwettbewerbe bekommen, während alle Eissportarten in München stattfinden werden.

Southern Weekly: Es werden noch drei zusätzliche Stadien gebaut? Wie schaut denn die aktuelle Nutzung der Spielstätten der OMG aus? Kann man die jetzigen Anlagen überhaupt für Winterspiele nutzen?

Die größte unserer bestehenden Spielstätten ist das Olympiastadion. Dort können jetzt Fußball- und Leichtathletikwettbewerbe sowie die Eröffnungs- und Schlusszeremonie abgehalten werden. Im Schwimmstadion wurde nach der Olympiade der Schwimmweltcup durchgeführt, es steht normalerweise der Öffentlichkeit zur Verfügung. In der Multifunktionshalle kann man die verschiedensten Aktivitäten abhalten; und das ursprüngliche Radstadion wird im Moment zu einer  Veranstaltungshalle für kleinere Musikveranstaltungen oder Tagungen umgebaut. Der Olympische Fernsehturm ist das höchste Gebäude von München und auch der für Besucher attraktivste Ort. Außerdem gibt es noch eine Eissporthalle und ein privat finanziertes unterirdisches Aquarium.

Die Winterwettbewerbe werden vor allem in den neuen Gebäuden stattfinden. Wir hier können natürlich die Eröffnungs- und Schlusszeremonie sowie einige Eiswettbewerbe durchführen.

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Moxi
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
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