München

Interview mit dem Pressesprecher des Münchner Olympiastadions Arno Hartung Teil2

„Beckenbauer hat bei uns hier seine Erfolge gefeiert, aber wenn es nach ihm ginge, müssten wir alles in die Luft sprengen und eine neue Anlage bauen!"

Southern Weekly: Bei so vielen Sportstätten sind die Betriebskosten sicher extrem hoch?

Ich kann Ihnen versichern, dass wir hier keinen Gewinn machen. Im gesamten Olympiapark arbeiten ungefähr 110 Personen inklusive Management, Veranstaltungsorganisation, Pressestelle, Finanz- und Technikabteilung. Die Instandhaltungskosten variieren von Jahr zu Jahr, manchmal sind sie höher, manchmal niedriger. Die Stadt München subventioniert uns jährlich mit acht bis neun Millionen Euro, sie ist unsere Mutter, das ist klar. In den siebziger Jahren waren die Ausgaben wahrscheinlich wesentlich höher als jetzt, und wir brauchen jetzt weniger Geld als vorhergesehen. Ein sehr wichtiger Punkt ist, dass Bayern München und 1860 München ihre Hauptspielstätte in die Allianz Arena verlegt haben, wodurch natürlich unsere Einnahmen gesunken sind. Wir hatten zum Beispiel vorher mit Bayern München eine Aufteilung der Einnahmen vertraglich vereinbart: Ein Teil des Ticketerlöses ging an uns. Das war ziemlich viel Geld. Wir müssen also jetzt große Einbußen verkraften.

Southern Weekly: Seit 1972 schießt die Stadt der OMG jährlich acht bis neun Millionen Euro zu?

Nein. In den ersten vier, fünf Jahren nach den Olympischen Spielen bekamen wir nur ungefähr drei Millionen Subventionen jährlich. In den letzten Jahren ist die Subventionssumme langsam gestiegen, weil einerseits diese Anlagen schon so viele Jahre in Betrieb sind und damit der Sanierungsbedarf steigt und andererseits weil die Heizkosten explodiert sind. Bei einer Anlage dieser Größe sind die Heizkosten ganz enorm.

Southern Weekly: Welche großen Sanierungsmaßnahmen haben Sie nach den Olympischen Spielen durchgeführt?

©Moxi, Southern Weekly
Die meisten Anlagen müssen täglich gewartet werden, zum Beispiel das Dach des Stadions, das schon ganz braungrau wirkt und nicht mehr transparent ist. Eigentlich müsste es ausgetauscht werden, aber allein das würde 60 Millionen Euro verschlingen. Wir haben ständig neue Anlagen gebaut, wie zum Beispiel das eben erwähnte Radstadion und das Eishockeystadion. Außerdem geben wir sehr viel für die Erneuerung des Equipments aus. So hat es vor 36 Jahren keine High-Tech-Videoausstattung gegeben, das wurde erst später angeschafft. Auch die Mehrzweckhalle muss in nächster Zeit renoviert werden: Wir wollen hier sehr viele kleine Räume einrichten: VIP-Lounges, Restaurants, Zeitungskioske usw. Diese Renovierungsarbeiten werden sich über zwei Jahre hinziehen.

Southern Weekly: Können Sie uns verraten, mit welchem jährlichen Verlust Sie nach der Eröffnung der Allianz Arena rechnen?

Vier Millionen Euro. Sie müssen wissen, dass Fußball im Leben der Deutschen eine sehr wichtige Rolle spielt. Deswegen kostet uns das Popularität, und auch einige andere Aktivitäten fallen deshalb aus.

Southern Weekly: Welche Haltung haben Sie damals vertreten, als die Stadt München Umfragen zum Bau der Allianz Arena durchführte? Wie haben Sie da Ihre Forderungen vorgebracht?

Das war damals natürlich sehr negativ für uns, wir haben versucht zu kämpfen. Wir haben im ersten Moment mit dem Architekten der Hauptanlage verhandelt, um herauszufinden, ob man nicht die gesamte Zuschauertribüne weiter hinunter verlegen könnte. Denn ein Grund, warum die beiden Fußballklubs ein neues Stadion forderten, war, dass sie ein reines Fußballstadion haben wollten. Sie wollten keine Laufbahnen und Leichtathletikeinrichtungen. In Deutschland ist es im Moment sehr modern, so zu agieren. Man denke nur allein an die Städte in der Nähe: Hannover hat sein eigenes Fußballstadion, in Stuttgart wollen sie ebenfalls die Laufbahnen entfernen.

Southern Weekly: Auch das Berliner Olympiastadion hat Laufbahnen, und auch dort gibt es die Kontroverse, ob es nun ein Fußballstadion oder ein Leichtathletikstadion ist.  Aber Berlin hat deswegen kein neues Fußballstadion gebaut.

Ja, das Berliner Olympiastadion hat wirklich Glück. Dort wurde ein sehr gründlicher, langwieriger Umbau vorgenommen, und jetzt können sowohl das Fußballfeld als auch die Leichtathletikeinrichtungen optimal genutzt werden. Wissen Sie, Beckenbauer hat bei uns hier seine Erfolge gefeiert, aber wenn es nach ihm ginge, müssten wir alles in die Luft sprengen und eine neue Anlage bauen! Die Fußballmannschaften sagen, ein Neubau würde die Atmosphäre verbessern. Aber ich bin überzeugt davon, dass die Atmosphäre bei Spielen weniger mit der Anlage, sondern viel mehr mit dem Niveau der Klubs zu tun. Wir haben hier schon viele berühmte Matches ausgetragen, bei denen eine sehr gute Atmosphäre herrschte.

Wenn München eine Bürgerbefragung für oder gegen den Neubau eines Stadions durchgeführt hätte, hätte ich dagegen gestimmt.

Southern Weekly: Aber die Allianz Arena wurde trotzdem gebaut und erfreut sich inzwischen großer Bekanntheit. Wie wollen Sie diese Einbußen nun ausgleichen?

Wir versuchen, noch mehr und noch vielfältigere Aktivitäten zu veranstalten. Jedes Jahr organisieren wir große Leichtathletikbewerbe, zum Beispiel die europäischen Leichtathletikmeisterschaften, wir veranstalten Marathons usw. Wir organisieren auch mehr Kulturevents. Hinter mir hängt eine Aufnahme von Zhang Yimous Inszenierung von Turandot, die hier aufgeführt wurde. Außerdem versuchen wir noch vielfältigere Veranstaltungen herzubringen, wir vermieten zum Beispiel das Gelände an Privatfirmen, die hier verschiedene Matches veranstalten. Und einmal haben wir in der Hauptanlage ein viertägiges internationales Weinfest organisiert. Wir werden unsere Anlagen weiter renovieren und umbauen, um den Anforderungen unserer verschiedenen Nutzer genügen zu können, zum Beispiel hält Siemens seine Aktionärshauptversammlung regelmäßig bei uns ab.

Wir wickeln jährlich ungefähr 320 größere oder kleinere Veranstaltungen ab und können pro Tag zehn Events parallel durchführen. Wir haben jetzt schon Veranstaltungen für die nächsten zwei, drei Jahre unter Dach und Fach gebracht. Für Großevents werden wir draußen auf dem kleinen Hügel einen riesigen Screen montieren, sodass viele Münchner zuschauen können. Eine Veranstaltung da draußen im Freien verfolgen zu können, zwischen dem See und den Hügeln, ist ein Erlebnis für sich: Das gibt einem ein sehr lebendiges Gefühl.

Zurück zu Teil 1

Moxi
führte das Gespräch. Er ist Journalist der Southern Weekly in Guangzhou.
Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber
Copyright: Goethe-Institut China & Southern Weekly Juli 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolweb@peking.goethe.org

Architektur in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Kontakte, Kulturaustausch, Kooperationen - das deutsch-chinesische Kulturnetz De-cn.net versteht sich als virtueller Treffpunkt beider Kulturen.