Schuften ohne Aussicht auf Erfolg?


Ein typischer Diaosi, © Rémi Orth
In diesem Themenschwerpunkt beschäftigen wir uns mit dem viel diskutierten gesellschaftlichen Phänomen Diaosi (屌丝), einer selbstironischen Bezeichnung des Prekariats. In China und Deutschland begeben wir uns auf die Spuren der allgemein immer heikler werdenden Arbeitsverhältnisse und untersuchen Diaosi als Gegenstimme zu bestehenden gesellschaftlichen Rollen.
Anfang 2012 tauchte der Begriff Diaosi erstmals im Internet auf und ging bald viral. Es handelt sich um die Selbstbezeichnung einer Schicht, die ursprünglich vom Land kommend und arm ist und deren Selbstbild nun auch von einer breiten städtischen Mitte übernommen wird. Sie sind gut ausgebildet, aber unterbezahlt und überarbeitet und sehen sich selbst als chancenlose Verlierer des zunehmend auseinanderbrechenden Gesellschaftskonglomerats. Hierfür liefert etwa Huzi (胡子) eine ausdifferenzierte Definition. Dem Gesellschaftssystem gegenüber kritisch gemeint, präsentieren sie sich ironisch lächerlich, nehmen es als Ausgleichsventil gegen den gesellschaftlichen Druck, dem Schuften ohne Aussicht auf Erfolg und Wohlstand. Diese Tendenz richtet sich harsch gegen das gesellschaftliche Ideal einerseits des Gaofushuai (高帅富), den großgewachsenen, attraktiven und reichen Männern, und andererseits der Baifumei (白富美), den hellhäutigen, reichen und schönen Frauen. Die Nutzung des Begriffs diaosi wird weitläufig kritisiert, unter anderem weil es sich dabei in der Wortherkunft um ein deftiges Schimpfwort handelt – gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen aus Chinas neuer Mittelschicht, die durch ihn eine Möglichkeit gefunden zu scheinen haben, sich auszuklinken. Ein Beispiel: So wurde etwa am 14.1.2013 die Vergabe um einen Platz bei der öffentlichen Reinigung im äußersten Nordosten Chinas in Harbin bekanntgegeben, auf die sich 3.000 Absolventen namhafter Universitäten beworben hatten.
In China auf die Spitze getrieben, lassen sich auch in Deutschland Diaosi-Tendenzen ausmachen: Die durch wirtschaftliche Stagnation ausgelöste Jugendarbeitslosigkeit etwa, die durch Burnouts Erschlafften, all die Stichworte von Selbstverwirklichung über Identität versus Funktionalität seit den 1980er Jahren, die weiter wachsende Schicht der Freiberufler gegen fröhliche Selbstausbeutung im Angestelltenverhältnis, gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und gesellschaftlichen Druck, die neuen „Bastelbiografien“ (um einen Begriff von Richard David Precht zu borgen), die Akademiker, die sich jahrelang in Praktika beweisen müssen.
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März 2013
März 2013






