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Humboldt Lab Dahlem – Probebühne für das Humboldt-Forum

Projekt Pre-Show, Humboldt Lab Dahlem 2013, © Andrea Rossetti
Projekt Pre-Show, Humboldt Lab Dahlem 2013, © Andrea Rossetti

Positiv aufgefallen ist das Modewort „Lab“ in seiner Kurzform für Labor im künstlerischen Zusammenhang im Februar 2012 bei der Eröffnung des Galerienzentrums in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin Mitte. Der Berliner Galeristenstar Judy Lybke zog mit seiner dritten Dependance in Form des Eigen+Art Labs in die dritte Etage des neuen Kunsttempels. Ein paar Monate später taucht der Begriff erneut in der Kulturszene auf, diesmal als Name des umstrittenen BMW- und Guggenheim-Projektes. Dieser Tage nun stellt die Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wieder ein Lab vor, das sogenannte Humboldt Lab Dahlem.

Das Humboldt Lab will sich als etwas Innovatives und Prozesshaftes verstanden wissen. Die Pressemitteilung ist mit zahlreichen zugegebenermaßen recht kreativen Synonymen bestückt. Begriffe wie „Prozess“, „Spielbein“, „Experimentierfeld“, „Experiment“, „Versuchsanordnung“, „Labor“, „Probebühne“ und „Modell“ werden mit Verben wie „ausmessen“, „ausprobieren“, „erkunden“ und „testen“ noch einmal paraphrasiert. Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums zu Berlin, begibt sich beim Pressetermin semantisch gar auf sportliches Terrain und spricht von „Lockerungsübungen“.

Das Lab stellt sich eine zentrale Frage: „Wie kann ein Museum heute, angesichts der globalen Veränderungen, ebenso anschaulich wie fundiert Zugang zu außereuropäischer Kunst und Kultur vermitteln?“ Neue Präsentationsformen in der Ausstellungspraxis sollen anhand von einigen ausgewählten Projekten ausprobiert werden. Ein wichtiger und längst überfälliger Schritt, den im Grunde genommen alle Museen weltweit gehen müssten, meint Hortensia Völckers, Vorstand und Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes.

2019 sollen die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst ins Humboldtforum am Schlossplatz einziehen. Ein Ritterschlag für diese Museen, die bis dato abseits der Museumsinsel nur wenige Touristen nach Dahlem locken konnten. Ein Umzug auf die große Bühne also, der gut geplant und vorbereitet sein will. Der Kulturstiftung des Bundes sind die Proben dafür in Form des Labs gut 4 Millionen Euro wert. Eine Summe, die sie dem Humboldt Lab bis 2015 zur Verfügung stellt. Danach muss ein ausstellungsreifes Konzept stehen, was international Vorbildcharakter haben soll. Welche Projekte der insgesamt geplanten 10 Probebühnen letztendlich in das Humboldt Forum einziehen werden, entscheidet zum großen Teil der Besucher. Er soll unwissentlich beobachtet werden, während er sich mit den einzelnen Exponaten beschäftigt. Selbstverständlich erhält der Besucher auch die Möglichkeit, seine Kritik in einem Evaluationsbogen kund zu tun. Allerdings gibt es noch keine konkreten Evaluationskonzepte, die auf der ersten Probebühne sofort angewandt werden können.

Das Humboldt Lab ist ein ambitioniertes Projekt, was viel- und erfolgsversprechend klingt, zumal eine namhafte internationale Steuerungsgruppe aus Kunst- und Museumswelt hinter dem Lab steht. Großes Budget, kompetente Leute aus allen Kultursparten, beste Voraussetzungen für wahrlich außergewöhnliche Ausstellungsexperimente. Entsprechend hoch sind die Erwartungen.

Das Lab präsentiert sechs Projekte unter dem Titel „Probebühne 1“, der bewusst dem Theater Genre entliehen ist, um den Charakter einer Generalprobe hervorzuheben: Pre-Show, Gedankenscherz, Museum der Gefäße, Musik sehen, Springer und Bedeutungen schichten.

Davon überzeugen zwei durch Innovationskraft: Pre-Show empfängt die Museumsbesucher am Eingang mit leeren Vitrinen, die als Garderobenschränke dienen. Mäntel und Jacken, Mützen und Schals können darin aufgehängt und gleichzeitig zur Schau gestellt werden. Diese im ersten Moment humorvolle Installation birgt in sich zwei ernsthafte Aussagen: Zum einen wird jede Außenbekleidung ausgestellt, ungeachtet seines Geldwertes. Der teure Pelzmantel ist nicht sehenswerter als die Outdoor-Jacke. Zum anderen wird das vermeintlich Alltägliche als Kulturgut ausgestellt. Diese Gedanken sind weder in der Kunst- noch in der Kulturwissenschaft neu, doch werden sie hier raffiniert und direkt erfahrbar gemacht, quasi am eigenen Gewand.

Projekt „Gedankenscherz“, Humboldt Lab Dahlem 2013, © Jens Ziehe




Interaktiv und visuell ansprechend präsentiert sich Gedankenscherz, ein Titel, der eins zu eins einem Text von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) entnommen ist: „Drôle de Pensée“ (Gedankenscherz). Diese Utopie von Leibniz befasst sich mit der Kunstkammer als Archiv einer konkreten Sammlung und Denkraum zugleich. Für Leibniz birgt die Kunstkammer im Idealfall unendliche Möglichkeiten zur Produktion und Vermittlung von Wissen. Das ehemalige Berliner Stadtschloss beheimatete vom 16. bis 19. Jahrhundert solch eine Kunstkammer, die Gegenstände aus allen Bereichen der Natur, der von Menschen hergestellten Kunstprodukte und der wissenschaftlichen Geräte sammelte. Die Installation Gedankenscherz verweist auf die einstige Kunstkammer des Stadtschlosses, das ja nun wieder errichtet wird und das Humboldt Forum beherbergen soll. Somit schließt sich der Kreis, denn Gedankenscherz versucht solch einen Mikrokosmos einer Kunstkammer virtuell darzustellen. Die große kreisrunde Projektion auf eine weiße Leinwand zeigt ein abstraktes Gewaber von kleinen Pixeln, die ständig in Bewegung sind, um sich mal zu einer konkreten Form zu bündeln und dann wieder auseinanderzuwehen. Eine Kamera über der Leinwand erkennt die Umrisse eines Besuchers, der nun mit Körperbewegungen in die „Unterwelt“ der einstigen Kunstkammer Sammlungsstücke vordringen und wieder an die Oberfläche kommen kann.

In diesen beiden Ausstellungsformen finden sich Ansätze, die ausbaufähig sind und in eine zukunftsweisende Richtung gehen: Überraschungseffekte und das Einbeziehen des Besuchers in Kontexte und Ideen, um emotionale Bindungen aufzubauen. Denn das Museum von morgen muss endlich weg von überbordenden Wandtexten und Broschüren, hin zu einer lebendigen Kommunikation zwischen Mensch und Ausstellungsobjekt, zwischen Mensch und Idee, und letztlich zwischen den Menschen im Museum.

In diesem Sinne präsentieren sich die übrigen vier Projekte des Humboldt Labs derzeit noch wenig wagemutig und weitgehend den gängigen Ausstellungsmustern verhaftet.

Doch es wäre kein Lab, wenn alles schon erforscht wäre. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betont, dass ein ungewisser Ausgang in der Natur eines Labs liege. Manche Projekte werden sich als machbar erweisen, andere wiederum nicht. Letztendlich entscheidet die Resonanz des Besuchers über die Realisation von einzelnen Projekten. Es ist die erste Probebühne, weitere sollen schon im Juni und September folgen. Man darf gespannt sein!

Text: Minh An Szabó
Freie Journalistin, Berlin
April 2013
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