Porträt

Auf eine Tasse Cappuccino mit Not Vital

Not Vital in seinem Studio in Caochangdi, © Julia Hofmann
Not Vital in seinem Studio in Caochangdi, © Julia Hofmann


Not Vital wurde 1948 in Sent im Engadine der rätoromanischen Schweiz geboren. 2007 kam er das erste Mal nach China und baute 2009 im Pekinger Künstlerviertel Caochangdi sein Studio, wo er seitdem mehrere Monate im Jahr lebt und arbeitet.

„Ich lese gerade den Traum der Roten Kammer . Es ist fast ein wenig übermenschlich, als wäre es von einer Gottheit geschrieben, in einer anderen Dimension.

Dies ist ganz neu für mich, ganz anders. Diese gesamte Atmosphäre mit, ich weiß nicht, 300.000 Angestellten, das waren ja bei uns vielleicht die Königshäuser, aber hier handelt es sich um eine Familie. Vielfach sagt man auch über China, dass es nur diese hohe Schicht gibt, die reichen Leute und dann die armen. Aber damals war dieser Unterschied ja noch weitaus enormer. Und wenn heutzutage jemand sehr reich ist, hat er kein Drittel der damaligen Angestellten. Künstlerische Assistenten gab es immer, in der Renaissance, besonders in Florenz, bei den Malern. Das ist glaube ich nicht sehr anders heute, wenn auch in den Ausmaßen unterschiedlich – außer hier in China … Im Westen können wir uns das nicht leisten. Ich könnte in der Schweiz keine 10 Assistenten haben. Wenn man sie zusammenzählt, 2 sind hier im Studio, 10 in der Fabrik, 6 in Chile, 4 in Brasilien, 4 in der Schweiz, komme ich am Schluss auch auf 30-40. Und es werden komischerweise immer mehr. Um das Ganze vorwärtszutreiben, braucht man ständig mehr Leute.

Am Laufband zu produzieren ist nicht unbedingt so ein positiver Aspekt von China. Aber man wird natürlich davon angezogen. Ich kam hier her und war enorm beeindruckt von der Schnelligkeit und vom Know-how der Leute. Das gibt es nicht mehr in Europa, auch nicht in anderen Teilen der Welt – vielleicht fängt das einmal in Afrika an. Dazu gehört zum Beispiel, Material zu treiben und nicht zu gießen. Meine Chromstahlskulpturen etwa werden in die Form gehämmert und zusammengeschweißt, das gab es früher sicher einmal in Europa bis in die 1930er Jahre, vor dem Krieg gab es ja wahrscheinlich auch in Deutschland viele, die sich darauf verstanden, das Material zu ziselieren und zu bearbeiten, in Italien auch noch später – das hängt natürlich damit zusammen, dass man anschließend maschinell fertigen konnte. Ich war gestern in der Fabrik, in der meine Skulpturen hergestellt werden, es war unglaublich. Es kommen auch immer neue Kräfte hinzu, jetzt nach dem chinesischen Neujahr besonders viele. Ich weiß nicht, wie alt sie sind, 17-, 16-jährig. Sie fangen an, nehmen es in die Hand und können das einfach. Sie sind aus der Akademie kommend technisch perfekt ausgebildet und von Anfang an gut. Es herrscht eine ganz andere Arbeitsethik, nicht nur von der handwerklichen Fertigkeit her. Es gibt kein: Kann ich das überhaupt?, Ich kann da oben nicht arbeiten, weil ich Höhenangst habe, Heute fühle ich mich nicht so gut, Ich bin zu müde, Ich habe Kopfschmerzen. Wenn man das alles eliminiert und einfach macht, dann kann dabei etwas entstehen. Dazu kommt die Passion. Wenn man sagt, das wolle man noch vergrößern, dann verbreitet sich diese Freude und Begeisterung. Ich habe wirklich das Gefühl, hier viel passioniertere Menschen zu treffen, nicht nur in der Kunst, im Handwerk, sondern allgemein. Hier wird das einfach gemacht, es geht vielfach darum, dass man versucht, etwas zu erreichen, dass man es verwirklichen kann.

In der Fabrik wird fabriziert und gehämmert. Aktuell lasse ich einen Mond aus Chromstahl bauen. Dieser Mond ist mit einem Durchmesser von etwa 2,40 Metern ziemlich groß. Nun wurden die eckigen Teile zusammengeschweißt – und gestern war die ganze Skulptur rund, kreisrund, wirklich symmetrisch ohne Ecken und Dellen. Sie hatten die Skulptur mit Wasser aufgefüllt und unter Druck gesetzt. In zwei, drei Tagen ist das Ganze völlig rund geworden. Wie ein Hokuspokus. Ich habe so etwas noch nie gesehen, in Europa noch nie gehört. Wie sind sie nur auf diese Idee gekommen? Wenn man es sich überlegt, müsste rein physisch eine Birne daraus entstehen, denn da sind ja tonnenweise Wasser drin. Es ist nicht gedreht worden, steht einfach da im Sand, vielleicht einen halben Meter tief, es ist alles zugeschweißt, oben wird der Druck mit einer kleinen Maschine reingepresst. Auch dass es durch diese Dehnung keine Risse gibt oder dass die Luft entweicht. Aber das ist alles technisch, und Technik ist nicht sehr wichtig. Michelangelo hat das bereits gesagt: Von der technischen Seite findet man immer irgendwie einen Ausweg. Dieser Mond ist ein gutes Beispiel, das mich wirklich beeindruckt.

Was meine Skulpturen anbelangt, sind diese zum großen Teil konzeptuell. Darum habe ich mich, seitdem ich hier bin, auch wieder mehr der Malerei zugewandt. Konzeptuelles Denken kommt von außen, man hat eine Idee und sieht die Dinge zu etwas Dreidimensionalem transformiert. Während in der Malerei alles in zwei Dimensionen geschieht und einer verinnerlichten Widergabe entspricht. Darum habe ich jetzt mit diesen Menschen, mit ihren Gesichtern angefangen, auch deswegen, weil es hier so viele Leute gibt. In meinem Dorf in Sent kann ich zwei Stunden spazierengehen und sehe niemanden. In Caochangdi wird man ständig konfrontiert mit Leuten, mit Gesichtern, die für uns eigentlich eher ähnlich aussehen – eigentlich auch nicht, aber dann doch wieder –, das wiederzugeben interessiert mich.

Porträt von Ai Weiwei, © Julia Hofmann
Der Vorgang ist sehr einfach: Du machst, was du siehst. Ich versuche, jemanden zu malen, vielleicht wird es ähnlich oder es entsteht eine Ähnlichkeit daraus, aber es geht mehr ins Innere. Darum ist vermutlich die schwarze Farbe für mich so wichtig. Wobei auch alles drin ist, Augen, Nase, Mund. Wieweit kann man da gehen? Es kommt auch darauf an, wie groß die Distanz zum Modell ist, es kann sein, dass sie zu groß ist, dann gilt das fast wie ausradiert. Dadurch entsteht das um den Kopf, was vielleicht etwas mit Aura zu tun hat. Ich habe jetzt verschiedene chinesische Künstler gemalt, einer ist Liu Ye (刘野) und der andere Ai Weiwei (艾未未). Bei Weiwei hatte ich das Gefühl, da ist enorm viel drin, unten steht es (s. Foto), man spürt das, bei anderen wieder nicht. Die Personen sitzen mir Modell, es geschieht in direkter Übersetzung, vielleicht auch als Gegensatz zu meiner konzeptuellen Kunst, denn ich glaube, mit der Zeit – gut, man kommt immer vorwärts, aber – man kann vielleicht, wenn man so konzeptuell arbeitet, in eine Sackgasse geraten, wo es dann einfach nicht mehr weitergeht.

Nietzsche sagt irgendwo, Freundschaft hat eher mit Nehmen zu tun als mit Geben. Das heißt, denke ich, so interpretiere ich es, wenn du jemanden triffst und die Person fragt dich nichts, sie erzählt nur, dann hast du am Schluss das Gefühl, dass dies kein Freund von dir sein kann, da er nur gibt und nichts nimmt. So ist es auch bei den Impulsen, man kann so viel nehmen, und das zu transformieren, was für dich richtig ist und wichtig und sinnvoll oder auch komplett Unsinn ist, in Kunst zu machen, das ist das, was man als Künstler glaube ich macht.“

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März 2013
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