Elektronische Musik

Elektronische Musik 2007: Der Gesang der Jünglinge im Wendekreis des iPhones

Artwork: Stefan Marx (www.livingcompany.de)Ralph Christoph über das Jahr 2007

© colourbox Am 5. Dezember 2007 verstarb im Alter von 79 Jahren mit Karlheinz Stockhausen einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Stockhausen, Mitbegründer der so genannten punktuellen Musik und ehemaliger künstlerischer Leiter des Kölner Studios für Elektronische Musik am Westdeutschen Rundfunk (dem seinerzeit ersten seiner Art weltweit), setzte Maßstäbe in puncto revolutionärer elektroakustischer Klangerzeugung. Stockhausen war zusammen mit Herbert Eimert sowie Werner Meyer-Eppler die zentrale Figur einer bis dahin nicht gehörten Kompositionstechnik und Klangerzeugung, die bis heute als Gründungsmythos der elektronischen Musik weiterlebt. Mit dem »Gesang der Jünglinge (im Feuerofen)« schuf er schließlich das erste elektronische Werk der Musikgeschichte, mit dem er sich schon zu Lebzeiten »seinen Platz im Musikerhimmel neben Beethoven und Schönberg« (FAZ) sicherte.

Das Oeuvre des seither immer wieder als »Papa Techno« (FAZ) verklärten Stockhausen umfasst über 300 Kompositionen, und selbstverständlich sind viele davon, auch die zentralen Werke des Künstlers, als digitale Files im Netz erhältlich und käuflich zu erwerben. Ein gutes Beispiel also dafür, wie es um die Verfügbarkeit von Musik im Jahre 2007 bestellt ist, und warum die Download-Thematik das alles beherrschende Thema besonders der elektronischen Musikindustrie ist und bis auf weiteres auch bleiben wird. Wer heutzutage über elektronische Musik sprechen will, kommt an der Download-Thematik und den damit verbundenen Errungenschaften wie auch Nachteilen nicht herum. Nicht zuletzt, was die Ökonomie anbelangt. Denn elektronische Musik definiert sich mehr denn je über ihr Format.

I have a dream: Vinyl kills MP3

Es hat sich in Deutschland in Bezug auf die Produktion und den Vertrieb von elektronischer Musik eine spezielle Marktsituation ergeben, die sich primär zwischen den Polen »Vinyl« und »MP3« bewegt. Da sich Vinyl seit einigen Jahren kontinuierlich »von allem befreit, was nicht Dancefloor ist« (De:Bug) hat sich auf diesem Sektor eine Monokultur gebildet, die unerwartet stark pulsiert und solche Berge von Veröffentlichungen mit sich bringt, dass Musiker aus allen Erdteilen mittlerweile über deutsche (Tanz-)Elektronik-Labels ihre Musik veröffentlichen wollen.

Problematisch wird es jedoch dann beim Vertrieb, ergo: beim Verkauf der Musik. Hier zeigt sich schließlich das Dilemma am deutlichsten. Das veränderte Konsumverhalten machte (und macht) sich im großen Stil immer zuerst bei den großen Ketten bemerkbar. So sind altgediente Shops wie »Tower Records« (USA) oder »Fopp« (England) mittlerweile von der Bildfläche verschwunden; im nächsten Schritt bekamen es die Vertriebe von physischen Tonträgern (Vinyl und CD) zu spüren. Die Liste der Pleiten und Insolvenzen im vergangenen Jahr ist lang: In den USA traf es Firmen wie »Watts« und »Syntax«, deren Schließung den Strom von Dance-Schallplatten von Europa in die USA zum Erliegen brachte; in England verschwanden »Amato«, »3Beat«, aber auch Compilation-Labels wie »React«, und aus dem deutschsprachigen Raum reihten sich schließlich RecRec (Schweiz), Soul Seduction (Österreich) und Hausmusik (Deutschland) ein.

Die Veröffentlichungsflut, gedacht als ökonomische Antwort der Labels und verbliebenen Vertriebe auf die Krise, führte stattdessen aber zu einem immer stärker voranschreitenden Verfall der klassischen Plattenladen-Kulturlandschaft. Der ohnehin extrem schwache Handel mit physischen Tonträgern droht auch im Bereich der elektronischen Musik endgültig in die Knie zu gehen. Dagegen steigen zwar die Verkäufe der Formate MP3, AIFF und WAF im Bereich der elektronischen Musik aus Deutschland stetig (wenn auch noch nicht in dem Maße, dass sie auch nur annähernd an die einstige Wirtschaftlichkeit von physischen Tonträger-Verkäufen heranreichen), die illegalen Downloads stagnieren deshalb jedoch nicht. Doch während auf dem deutschen Markt seit Jahren eine deutliche Verschiebung zu Ungunsten des physikalischen Tonträgers festzustellen ist, verzeichnen US-amerikanische Independent-Labels schon wieder Zuwachsraten im Vinylsektor – trotz oder gerade wegen des Quasi-Monopols der nicht überall beliebten, aber dennoch weltweit führenden Downloadplattform »Beatport« auf dem Sektor der elektronischen Tanzmusik.

Rave strikes back ...

Ansonsten frisst die digitale Revolution weiterhin munter ihre Kinder. Die anhaltende »Landflucht« der Musiker und Produzenten in Richtung Hauptstadt steht vor allem symbolhaft für die Herausbildung einer neuen sozialen Schicht: die der mittellosen Techno-Frührentner. Diejenigen aber, die auch 2007 noch oben schwimmen konnten, wurden rein musikalisch laut der Zeitschrift De:Bug vor allem mit folgender Frage konfrontiert: Sind die Zeiten des wippenden Zuhörens vorbei, hat der Partyimperativ gesiegt? Antwort: ein klares Jein!

Festzuhalten bleibt, dass die Elektronische Musik 2007 eine »Orgie der Schlüsselreize« (Groove Magazin) feierte: unter dem Begriff »Nu Rave« (oder: »New Rave«) wurde die eigentlich schon für erledigt geglaubte Musikrichtung »Electroclash« in vermeintlich neuen Schläuchen serviert.

Zu den großen Gewinnern dieser Entwicklung, die in erster Linie mit französischen Labels wie Ed Banger und Kitsuné sowie Künstlern wie Justice und Uffie (beide aus Frankreich) oder z.B. auch Simian Mobile Disco (England) in Zusammenhang gebracht wird, zählt mit Digitalism aber auch ein Act aus Deutschland, der sich innerhalb kurzer Zeit eine internationale Reputation erspielt hat.

Eine andere Tendenz, die sich bei der Lektüre der Jahresrückblicke und -Charts der Fachpresse aus dem elektronischen wie auch dem Independent-Sektor abzeichnet, lässt darauf schließen, dass nach Jahren der von Berlin ausgehenden Minimal-Dominanz musikalisch die Reise wieder woanders hingeht. Ganz deutlich ist vor allem die Rückkehr von House-Music als Strömung zu erkennen. Ob in den stilistischen Ausprägungen von »Detroit«, »Chicago« oder »New York«, allen voran Labels wie Sonar Kollektiv aus Berlin und Compost (Black Label) aus München stehen stellvertretend für die Verbreitung wärmerer Klänge auf deutschen Tanzfluren. Da mag es kaum Zufall sein, dass die drei wichtigsten und doch so unterschiedlichen deutschen Dance- und Elektronik Magazine – Groove, De:Bug, Raveline – in ihren Januar-Ausgaben der amerikanischen Vocal-House-Legende Robert Owens jeweils mit einer großen Geschichte huldigen...

... doch es geht voran

Der große Gewinner des Jahres 2007 kommt aber genau genommen weder aus Berlin, noch aus Köln – es ist Hamburg, das sich die Krone geholt hat! Das dort ansässige Label Dial, in den späten 90er von ehemaligen Mitarbeitern des legendären Labels L’Age D’Or / Ladomat gegründet und bislang eher unter Elektronik- und Techno-Feingeistern hoch gehandelt, konnte gleich mit zwei Künstleralben Szene-übergreifend reüssieren. Mit Efdemin (Dito) und Pantha du Prince (»This Bliss«) stehen gleich zwei Dial-Künstler in der Gunst der Kritiker und Fans ganz oben. Auch hier als Trend unverkennbar: Musikalität, Tiefe und Emotion, mit eindeutigem Hang zu feinen Soundstrukturen und Songelementen, ohne den Dancefloor im entscheidenden Moment aus dem Auge zu lassen.

Weiterhin bemerkenswert: die poppigen Ansätze der Duos Supermayer (Kompakt/Köln) und Modeselektor (Bpitch Control/Berlin). Und man wird mit Spannung verfolgen können, ob sich die musikalische Frischzellenkur namens »Dubstep« auch in Deutschland bei einer breiteren Maße wird durchsetzen können, wie es mit Drum’n’Bass auch einst der Fall war. Das Comeback des Jahres gab es dann aber doch aus Köln zu vermelden: nach zehnjähriger Live-Abstinenz kehrte der Kompakt-Labelimpresario Wolfgang Vogt mit seinem alten Weggefährten Jörg Burger unter dem Namen Burger/Voigt glanzvoll auf die Bühnen der Clubs zurück.

Ansonsten waren es weithin bewährte Kräfte wie z.B. Alter Ego, die in den Jahres-Polls ihre Spitzenstellung als bester deutscher Live act bestätigen konnten. In der Kategorie »Beliebtester DJ« in Jahresabrechnung beim Meinungsführer Groove-Magazin kam es zu einer historischen »Verwerfung«: nach 15 Jahren fand sich nicht mehr Altmeister Sven Väth auf Platz 1 in der Gunst des Publikums, sondern erstmalig sein Kumpel und Cocoon-Label-Kollege Ricardo Villalobos!

So sind es nach wie vor sind die eingeführten Namen, die für den Erfolg deutscher elektronischer Musik im Ausland stehen – auch wenn unzählige andere, die hier keinen Erwähnung finden, ebenso ihren Teil dazu beitragen. Ein signifikantes Beispiel: Unter den letzten fünf Mix-Compilations, die regelmäßig und sehr erfolgreich vom Londoner Vorzeige-Club »Fabric« veröffentlicht werden, finden sich mit Ricardo Villalobos, Ellen Allien, Steve Bug und M.A.N.D.Y. gleich vier DJs/Produzenten deutsche Provenienz wieder. (Michael Mayer vom Kölner Kompakt Label war einst der erste DJ aus Deutschland, der für diese Reihe verpflichtet wurde.) Alles in allem ein deutliches Zeichen für den Erfolg elektronischer Musik aus Deutschland, zumal der britische Markt nach wie vor als der schwierigste überhaupt für nicht-britische Produktionen gilt.

Wieder mal zurück in die Zukunft?

Eine andere Band, die 2008 ein besonderes Jubiläum feiert, hat einst vorgemacht, wie man es im Mutterland des Pop auch als deutscher Act zu Kultstatus bringen kann: CAN. Die neben Kraftwerk international wohl einflussreichste deutsche Band aller Zeiten hat vor 40 Jahren das Licht erblickt. Maßgeblich daran beteiligt: die beiden Stockhausen-Schüler Holger Czukay und Irmin Schmidt. Und nicht nur, weil der US-amerikanische Soul-Superstar Kanye West den »Sing Swan Song« aus Cans epochalem Album »Ege Bamyasi« von 1972 gerade gesampelt hat: the story continues...

Ralph Christoph
schreibt seit 20 Jahren über Musik und Kultur. Arbeitete lange Zeit als Promoter, Agent und Veranstalter. 2003 Mitbegründer und bis 2007 Programmleiter des Festivals c/o pop in Köln.

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Februar 2008
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Thema: Elektronische Musik aus Deutschland