Design und Mode

Neonvergangenheit – das Buchstabenmuseum in Berlin

Copyright: Buchstabenmuseum

Aus Liebe zur Typografie sammelt der Berliner Verein „Buchstabenmuseum“ alte Werbeschriften. In einem Schaudepot können Teile der Sammlung besichtigt werden, doch die Pläne gehen noch weiter.

Über Jahrzehnte gehörte die Neonleuchtreklame mit dem Schriftzug „Zierfische“ und den bunten Fischen zum Berliner Stadtbild. Von vielen Berlinern und Touristen wurde sie als leuchtende Wegmarke wahrgenommen und lieb gewonnen. Doch der Schriftzug eines Zoo- und Aquaristikgeschäfts, angebracht an einem Haus
Copyright: Buchstabenmuseum/Foto: M. Setzpfandt

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am Frankfurter Tor im Stadtteil Friedrichshain, verlässt seinen Platz: Anfang 2009 wurde das Geschäft aufgrund Insolvenz geschlossen. Für die Kommunikationsdesignerin Barbara Dechant, die gleich um die Ecke wohnt, war dies der Moment, aktiv zu werden: Gemeinsam mit Anja Schulze, hauptberuflich in der Öffentlichkeitsarbeit beim Stadtmuseum Berlin tätig, betreibt sie seit 2005 das Buchstabenmuseum, dessen Ziel es ist, Schriftzüge und Elemente alter Leuchtreklamen vor der Verschrottung zu retten, zu sammeln und als Schauobjekte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da der eingetragene Verein, deren Vorstandsvorsitzende und treibende Kräfte Dechant und Schulze sind, jedoch über keinen Ankaufsetat verfügt, kam man auf die Idee, zu Spenden aufzurufen, um die Zierfische von den bisherigen Geschäftsinhabern erwerben zu können. Für den Erfolg des Aufrufs „Rettet die Zierfische!“ investieren Dechant und Schulze derzeit viel Energie und Herzblut, denn erst, wenn das benötigte Geld gesammelt ist, wird der bereits verfasste Kaufvertrag über den Schriftzug wirksam. In der Sammlung des Vereins würden die Zierfische damit einen Sonderfall darstellen: Der Schriftzug wäre das erste Objekt, das dem Buchstabenmuseum nicht kostenlos zufällt. Zumeist sind die ehemaligen Besitzer der von Schulze und Dechant nicht selten durch Zufall und mit einer Portion Glück, aber auch mit Spürsinn und durch Recherche aufgetriebenen Werbeschriften froh, wenn sie für die oft großformatigen Objekte keine Verschrottungsgebühren zahlen müssen. Anja Schulze und Barbara Dechant übernehmen sogar die Kosten für den Transport der Objekte, die entweder in einem Lager oder im Schaudepot des Buchstabenmuseums einen neuen Platz finden.
Liebe zur Typografie
Für Barbara Dechant war es eine seit Langem gepflegte Liebe zur Typografie, die die Idee eines
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Buchstabenmuseums zur notwendigen Realität werden ließ. Mit den Ideen, die Anja Schulze aus der Museumsarbeit mitbrachte, gelang vor über vier Jahren nicht nur die Gründung des gemeinnützigen Vereins, mit dem Ziel der „Bewahrung und Dokumentation von Buchstaben und Zeichen unabhängig von Kultur, Sprache und Schriftsystem“. Der Verein ermöglichte vielmehr auch die Eröffnung des Schaudepots, eines Ladenlokals am Spittelmarkt im Stadtteil Mitte, wo ein Teil der Sammlung zu bestimmten Terminen oder nach persönlicher Absprache besichtigt werden kann. Hier entdeckt man alte, zumal historisch interessante Bekannte aus dem Berliner Stadtbild wieder, die man längst verloren glaubte: Typografische Zeichen von Schuhgeschäften, Restaurants, Telekommunikationsfirmen, der Schriftzug des unlängst geschlossenen, für Westberlin legendären Café Adler, die Buchstaben vom Haus des Deutschen Demokratischen Rundfunks und des ehemaligen Ostberliner Hauptbahnhofs.
Buchstabensammeln als kulturelle Aufgabe
Die Räume stehen kurz davor, aus allen Nähten zu platzen – nicht selten sind die hier ausgestellten Objekte ganze Buchstabenreihen von über zwei Metern Größe.
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Anja Schulze und Barbara Dechant, Copyright: Buchstabenmuseum

Dechant und Schulze bemühen sich daher um größtmögliche Vermittlungsarbeit: Sie haben ausgewählte Buchstaben mit Informationskarten versehen, geben den immer zahlreicher werdenden, auch internationalen Besuchern umfassende Auskunft über jedes einzelne Objekt und dessen Geschichte, verschicken Newsletter, betreiben viel Öffentlichkeitsarbeit. Denn Ziel ist es, in absehbarer Zukunft die Räumlichkeiten des Schaudepots zu verlassen, tatsächlich zur Museumsgründung überzugehen und in für die gesamte Sammlung passenden Räumen deren Großteil unter dann komfortablen Bedingungen präsentieren zu können. Planungen hierfür haben Dechant und Schulze bereits: Von Wechsel-
ausstellungen, Führungen, Kinderprogrammen ist die Rede. Bis dies gelingt, muss jedoch erst eine geeignete Immobilie gefunden, muss vor allem eine Finanzierung aufgestellt werden. Diesem Schritt sehen die beiden Vorstandsvorsitzenden jedoch mit großer Zuversicht entgegen. Das Interesse an ihrem Projekt, das sie durch die Öffentlichkeit erfahren, nehme beständig zu und lasse eine Umsetzung des tatsächlichen Museumsgedankens immer konkreter, immer realistischer werden. Nicht zuletzt die Notwendigkeit einer Sensibilisierung für die Bewahrung derzeit verschwindender visueller Gestaltungselemente der Stadt des 20. Jahrhunderts könnte ihnen dabei in die Hände spielen: Neuere Konzepte für Werbemittel, die nicht mehr auf die in der Herstellung relativ aufwendige individuelle Gestaltung von Neon-
schriften, sondern etwa auf Plasmatechnologie setzen, lassen das Sammeln stadtbekannter, historisch oder typografisch wertvoller Leuchtelemente zu einer kulturellen Aufgabe für die Allgemeinheit werden. Solange dieser Gedanke noch in die Öffentlichkeit ausstrahlen muss, sammeln Schulze und Dechant auf dem Weg zu ihrer Museumsidee weiter. Derzeit erweitern sie ihren Fokus auf Buchstaben außerhalb Berlins: Die Sonderzeichen der polnischen und tschechischen Sprache haben ihren typografischen Flirt mit dem Buchstabenmuseum bereits begonnen.
Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin und lehrt visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin.

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Juli 2009

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