„Intim und überschaubar“
Interdisziplinär, subversiv, experimentell: Klangvolle Adjektive, die das Kollektiv für Architektur und Städtebau raumlaborberlin beschreiben. Ihre bevorzugten Spielwiesen sind Brachflächen, Plattenbausiedlungen, Peripherien. Im Interview erzählen sie über ihre Erfahrungen mit architektonischer Praxis und Ausbildung in Tschechien.Markus Bader, Matthias Rick und Benjamin Foerster-Baldenius, danke dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt. Ihr habt 2009/2010 abwechselnd an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design unterrichtet. Namentlich habt ihr das Architektur Studio III an der traditionsreichen Hochschule geführt. Auch in Deutschland habt ihr Lehrerfahrung. Was hat euch an der tschechischen Architekturausbildung und an den Prager Studenten überrascht?
Markus Bader: Das klassische Akademieprinzip war mir nicht vertraut. Im Prinzip ist dort ein Student auf einen Professor verpflichtet, der nimmt ihn in seine Klasse auf und überreicht ihm schließlich auch das Diplom. Dazwischen liegt im besten Fall eine enge Bindung an- und zueinander. Nun war es für uns nicht ganz einfach eine bestehende und auf einen anderen Professor eingeschworene Klasse zu übernehmen.
Es war sehr hilfreich, dass Studierende auch Gast-Semester bei Lehrenden ihrer Wahl machen konnten. Ich habe es als sehr inspirierend erfahren, dass Studierende aller Fachrichtungen an unseren Kursen teilgenommen haben und damit ein interdisziplinärer Dialog entstand.
Benjamin Foerster-Baldenius: Stimmt. Auf uns wirkte die Idee dieses Ausbildungssystems erschreckend: Man soll dort das architektonische Entwerfen durch das ganze Studium hindurch vor allem von einem Lehrer vermittelt bekommen.Natürlich suchen die Studierenden von sich aus Wege, um das zu umgehen: Sie wechseln Hochschulen, gehen ins Ausland etc. Wir haben versucht mit einem Rotationssystem innerhalb von raumlabor darauf zu reagieren.
Eine zweite Überraschung war, dass man mit einem tschechischen Professorengehalt in Berlin kaum einen Praktikanten bezahlen kann.
Matthias Rick: Von Vorteil ist, dass man langsam etwas aufbauen kann. Während das erste Jahr doch sehr von Widerständen geprägt war, hatte sich im zweiten Jahr dann eine Gruppe gebildet, die intensiv und leidenschaftlich mit uns zusammengearbeitet hat.
Zu international
Es gibt also grundlegende Unterschiede in der Ausbildung von jungen Architekten und Architektinnen in Deutschland und Tschechien.
Markus Bader: Mit Sicherheit! Entscheidend ist aber, ob man an einer kleinen Akademie oder an einer großen technischen Universität studiert. Die Differenz von Schulsystem zu Schulsystem scheint größer, als die von Land zu Land.
Benjamin Foerster-Baldenius: An der Akademie ist der Austausch zwischen den Fachbereichen sehr rege. Studenten machen wechselweise Gastjahre in anderen Disziplinen und jedes halbe Jahr gibt es eine große Ausstellung in allen Ateliers. Die sind so klein, dass man sich wirklich alles ansehen kann.Mir scheint aber die internationale Ausrichtung dort nicht so intensiv wie bei uns. Man schaut mehr was in Tschechien passiert, als anderswo und dass war ja auch der Grund – zumindest der offizielle – warum wir nicht bleiben durften: Wir waren zu international.
Und wie schlagen sich diese Unterschiede in den Architektur-Szenen der beiden Länder nieder?
Markus Bader: Wir haben begeisterte und engagierte Menschen getroffen, mit denen sich schnell gute Kooperationen entwickelt haben! Diese Offenheit ist etwas besonderes. Gleichzeitig bleibt der Eindruck, dass die Szene intimer und überschaubarer ist, als beispielsweise in Berlin.
Benjamin Foerster-Baldenius: Klar, die wenigen die dort eine etwas experimentelle Praxis wagen, kennen sich alle und unterstützen sich gegenseitig. Aber auch hier merkt man, dass die Verbindungen zum europäischen Markt noch nicht so ausgeprägt ist.
Vielleicht auch weil in Tschechien nicht so viel zu verdienen ist, wie es mal der Fall war als die Heroen der Moderne hier mit Vorliebe Villen für die Industriellen gebaut haben.
„Wir hätten das gerne fortgesetzt.“
Neulich war ich auf einer Diskussion über die Zwischennutzung von brachliegenden Gebäuden in der denkmalgeschützten Prager Innenstadt. Ein Architekt aus dem Studio Projektil hat dort das Eichbaumoper-Projekt von raumlabor als Inspirationsquelle genannt. Generell gewinnt man hier das Gefühl, dass ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen habt. Welche Spuren hat denn der Aufenthalt in Tschechien, die Zusammenarbeit mit tschechischen Studenten und Kollegen bei euch hinterlassen?Markus Bader: Eines unserer Lieblingsprojekte als Referenz in einer tschechischen Architekturdiskussion? Das ist fantastisch! Genau das meinte ich eben mit der Intimität der Szene: Man bekommt eben voneinander mit und lässt sich auch inspirieren!
Benjamin Foerster-Baldenius: Unsere Arbeit dort war ja wirklich von Extremen geprägt: Die Leute zeigten große Neugier an unserer Arbeit, wir haben viel diskutiert, viele neue Freunde gefunden, tolle Möglichkeiten gehabt – so durften wir zum Beispiel eine Ausgabe der Architekturzeitschrift ERA21 kuratieren.
Wir hatten aber auch heftigen Gegenwind. Fast möchte ich sagen man hatte Furcht, wir könnten zu viel Unruhe verbreiten. Vor allem bei den Kollegen aber auch unter den Studenten gab es Skeptiker, Kritiker und böse Zungen. Da wurde ziemlich offen Politik gegen uns gemacht.
Matthias Rick: Ich muss sagen, dass uns die Auseinandersetzung um unsere Position an der Akademie, die ja eine der Vorzeigeadressen der tschechischen Kunst- und Architekturausbildung ist, ziemlich inspiriert hat. Die starke Unterstützung und die Lust auf neue Sichtweisen und Veränderungen, das Bedürfnis nach Austausch und interdisziplinärer Zusammenarbeit hat uns auf der anderen Seite die Kraft gegeben dem offenen und teils unfairen Agieren gegen uns Stand zu halten.
Nach dem Rektorenwechsel an der Akademie wurde man uns mit der Begründung los, wir würden auf Englisch unterrichten. Das ist schon bezeichnend. Vor allem, da wir uns nach zwei Jahren erfolgreich etabliert hatten. Wir hätten das sehr gerne fortgesetzt.Ihr konntet unter anderem bei einem Festival in der Prager Südstadt, dem Wahrzeichen des tschechischen Plattenbaus ein temporäres Projekt umsetzten. Sicherlich habt ihr auch Einblick in die Arbeit der hiesigen Architektur-Büros erhalten. Gibt es bei der Konzeption und Umsetzung von Projekten Unterschiede in Deutschland und Tschechien?
Benjamin Foerster-Baldenius: Die experimentelle Szene ist hier in Tschechien stärker darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Bei uns kann man sich da immer irgendwie mit Kulturgeldern, Vortragshonoraren und bezahlten Festivalbeiträgen durchschlagen. Davon kann man dort nicht leben – wie in vielen anderen Ländern auch.
Matthias Rick: Es gibt immer Unterschiede von Land zu Land. Andererseits braucht es engagierte Menschen mit Ideen und Visionen, die den Boden bereiten für Leute wie uns. Und davon gibt es in Tschechien einige!
Die große Herausforderung ist tatsächlich die Finanzierung. Das gilt für informelle Strukturen ebenso wie für Institutionen wie die Akademie für Kunst, Architektur und Design. Die radikalen Kürzungen in der Kultur- und Bildungspolitik sind ja nicht mehr zu kompensieren. Da ist natürlich vor allem die Politik gefragt, welche Voraussetzungen sie etablieren will für die kulturelle Entwicklung des Landes.
Die Fragen stellte Martin Nejezchleba.
Er lebt in Prag und arbeitet als freier Journalist und Redakteur des Portals goethe.de/tschechien.
Copyright: Goethe-Institut, Prag
Januar 2012
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