Kernkraft und Kultur

Eine Kernenergie, zwei Ansichten

Sicherheitsrisiko oder sauber Energiequelle - In Sachen Atomkraft gehen deutsche und tschechische Ansichten auseinander; © Colourbox
Während in Deutschland das Abschalten aller Atomkraftwerke geplant ist, will man im tschechischen AKW Temelín zwei neue Reaktoren bauen. Auch alternative Energien werden in beiden Nachbarstaaten völlig gegensätzlich wahrgenommen. Warum haben Tschechen und Deutsche so unterschiedliche Sichtweisen auf die Energiefrage?

Seine monatliche Stromrechnung zahlt Mike Meyer gerne. Auch wenn er zu Hause gar nicht so viel Zeit verbringt, zahlt der Berliner Computerexperte fünf Euro mehr im Monat als andere Haushalte. Und er ist auch noch stolz darauf. Bereits seit einigen Jahren bezieht er nämlich Strom von einem alternativen Versorger, der garantiert, dass die Energie nicht aus Atomkraft stammt.

Und Mike Meyer ist keine Ausnahme. In Deutschland beziehen heute über drei Millionen Haushalte „atomfreien“ Strom. Zwar gibt es seit zwei Jahren ein ähnliches Unternehmen auch in Tschechien. Aber die meisten Leute wissen das entweder gar nicht oder betrachten das als extravagante Angelegenheit für Öko-Freaks. Wieso eigentlich?

Konservative Umweltschützer

Während die Tschechoslowakei für Jahrzehnte vom Weltgeschehen abgeschnitten war und die Bevölkerung nur solche Informationen über Atomkraft zur Verfügung hatte, die die Zensur der Staatspropaganda absegnete, erfuhr man 1979 in Deutschland über den Unfall im amerikanischen AKW Three Mile Island in Pennsylvania, was eine noch größere Skepsis gegenüber Kernkraft hervorrief. Als es 1986 in Tschernobyl zum Super-GAU kam, war das weiteres Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

„Die Menschen haben dann begriffen, dass es nicht reicht, nur dagegen zu sein, sondern dass Alternativen notwendig sind, weil die Gesellschaft Energie ganz einfach braucht. Deshalb entstanden neue Forschungsinstitute, die sich mit alternativen Energieformen beschäftigten“, sagt Yves Venedey von der Initiative Campact. In Deutschland gab es in der Folge seriöse und kompetente Stimmen gegen Atomkraft, deren Auftritte in den Medien von den Menschen ernst genommen werden konnten. Und so fing man an, sich mit diesen Argumenten auseinanderzusetzen.

Bereits in den 80er Jahren versuchten Einzelne in ihren Garagen Energie aus Biomasse herzustellen, einige von ihnen sind heute Eigentümer großer Betriebe zur Herstellung alternativer Energie. Während also die Tschechen laut dem Vorstandsmitglied des tschechischen Energienetzbetreibers ČEPS, Miroslav Vrba, die erneuerbaren Energien nach wie vor lediglich als eine theoretische Option betrachten, sehen die Deutschen in der Praxis, dass es funktionierende Alternativen zur Kernkraft gibt. Fast ein Fünftel der Gesamtenergie stammt dort bereits aus erneuerbaren Quellen. „Die meisten Tschechen standen nie neben einem Windkraftwerk und denken deshalb, dass sie Lärm machen. Die Deutschen kennen Windkraftwerke und lassen sich nichts einreden“, sagt der Chef der tschechischen Umweltschutzorganisation Hnutí Duha, Vojtěch Kotecký.

In Deutschland hängen an den erneuerbaren Energien mittlerweile auch viele Arbeitsplätze, was ein weiteres wichtiges Argument für die Weiterentwicklung der ganzen Branche ist. „Studien zeigen darüber hinaus, dass Deutschland seinen Energiebedarf komplett mit alternativen Energien decken könnte. Mancherorts wird das bereits getestet, landesweit könnte das zwischen 2040 und 2050 funktionieren“, sagt Lutz Mez, Professor an der Freien Universität in Berlin.

Was ist eigentlich die Alternative?

Der Grund für die mehrheitlich positive Wahrnehmung von Atomenergie in Tschechien ist laut Vojtěch Kotecký von Hnutí Duha vor allem die historisch tradierte Energiekonzeption und die uneingeschränkte Macht des halbstaatlichen Energieunternehmens ČEZ. Für die tschechische Gesellschaft war Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke immer ein großes Problem, also präsentierten die Politiker die Atomenergie als saubere Alternative zur Braunkohle und gleichzeitig als Alternative zur Importabhängigkeit von Erdgas.

Die Atomkraft galt außerdem als ein Zeichen des technischen Fortschritts. „In Tschechien haben die Energieunternehmen einen großen Einfluss. Was ČEZ sagt, das wird von den Politikern wiederholt“, sagt Kotecký, der damit auf die Tatsache anspielt, dass einige ehemalige Wirtschafts- und Industrieminister bei Kabinettssitzungen ČEZ-Materialien vorlegten und diese als Konzeption ihres Ressorts ausgaben.

Eine Analyse von Presseartikeln, die Vít Kouřil, Chefredakteur der gesellschaftspolitisch und ökologisch orientierten Zeitschrift Sedmá generace, durchführte, bestätigt, dass die öffentliche Debatte in den tschechischen Medien unter dem Einfluss von Lobbyisten einseitig zu Gunsten der Atomkraft beeinflusst wird und glaubwürdige kritische Stimmen nicht zu Wort kommen. In den meisten Texten wird nämlich von der Notwendigkeit eines Temelín-Ausbaus gesprochen.

Im Unterschied zu Deutschland ist in Tschechien bisher keine anerkannte Gegenkraft entstanden, und so gibt es fast ausschließlich einseitige Informationen über die Energieproblematik, die die Menschen logischerweise stark beeinflusst. Umweltschützer können deshalb gegenüber der Regierung oder Atomexperten nicht die Rolle gleichwertiger Partner einnehmen.

„Die geringere Anzahl von Atomkraftgegnern kann dadurch erklärt werden, dass es der Atomlobby gelungen ist, in den Medien einen Konsens darüber zu etablieren, dass Kernkraft gut, billig und sicher ist“, schreibt Vít Kouřil in seinen Texten. Laut Yves Venedey haben die Deutschen auch erst dann ernsthaft begonnen, sich mit den Vor- und Nachteilen der Atomkraft auseinanderzusetzen, als das Thema regelmäßiger Gegenstand von TV-Diskussionen wurde. Und das fehlt in Tschechien.

Atomkraft statt Sudetenfrage

Auch die deutsche und tschechische Reaktion auf die Katastrophe in Fukushima stand naturgemäß im Zeichen der unterschiedlichen Atom-Wahrnehmung in beiden Ländern. Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied sich für das Abschalten von acht Atomkraftwerken und verkürzte gleichzeitig die Restlaufzeit der neun verbliebenen AKWs von 2036 auf 2022. Premierminister Petr Nečas erklärte hingegen drei Tage nach der Katastrophe, dass es an der Sicherheit der tschechischen Anlagen keinen Zweifel gibt.

Diese unterschiedlichen Positionen in der Energiefrage können zu weiteren Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen führen. Beiden Seiten nutzen die Schritte der jeweiligen Gegenseite bisher auf ihre eigene Art und Weise: Die deutschen Atomkraftbefürworter weisen darauf hin, dass nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ein tschechisches AKW steht und es daher keinen Sinn mache, die eigenen Anlagen abzuschalten. In Tschechien wiederum wird Deutschland von Atomgegnern als positives Beispiel dafür angeführt, dass es auch ohne Atomkraft geht. „Wenn das Deutschland gelingt, könnte es wirklich ein gutes Beispiel für andere Länder sein“, hofft Yves Venedey.

Bára Procházková
ist Journalistin und lebt in Prag. Sie arbeitet unter anderem für die Zeitschrift Respekt, das Magazin der Tageszeitung Hospodářské noviny und den Tschechischen Rundfunk.

Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut, Prag
April 2012

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