Designszene Deutschland – Designszene Tschechien

Modernes und Nationales in der tschechischen Typografie und im Design

Klára Kvízová (ReDesign): Entwurf für den Wettbewerb für das Visual des internationalen Musikfestivals Prager Frühling (Pražské jaro). Eine schlagkräftige Gestaltung, die auf reiner Typografie fußt und sich von sämtlichen kitschigen Außengrafiken abgrenzt – zugleich zeitgenössisch und traditionsverbunden.


Štěpán Malovec: Schöne Stube (Krásná jizba). Eine Publikation des Museums für dekorative Künste (Uměleckoprůmyslové muzeum) in Prag. Eine einfache Gestaltung, basierend auf einer geschickten Arbeit mit der Schrift und dem Wechsel zwischen schwarzen und weißen Flächen.


Petr Skala: Visual für das Musikfestival JazzFestBrno 2011. Hier wurden detailliert ausgearbeitete Bildmotive mit reizvollen Ligaturen kombiniert. Die Konzertatmosphäre ist hier zu spüren; Jazzmusik wird visualisiert.


Jaroslav Juřica und Zuzana Lehutová: Ein interaktives Cover einer Musik-CD. Bemerkenswert ist hier der konzeptuelle und audiophile Ansatz zum Grafik- und Coverdesign. Nach dem Öffnen reißt ein mit Farbe gefülltes Täschchen auf, wodurch ein einmaliger und einzigartiger Fleck auf der Vorderseite entsteht. Hier wird das Prinzip des gelenkten Zufalls in der Serienproduktion angewandt.


Petr Bosák und Robert Jansa (Advancedesign): Visueller Stil für das Haus der Kunst in Brünn (Dům umění). Die Gestaltung ähnelt einer Corporate Identity; sie stützt sich auf ein sich veränderndes Schild, welches in unendlich vielen verschiedenen Varianten dargestellt werden kann, ohne dass es seine typischen Attribute verliert. Für ein kommerzielles Unternehmen würde ein solcher Ansatz vermutlich eine Katastrophe bedeuten; für ein Kunst-Institut ist es ein Segen.


Petr Bosák und Robert Jansa (Advancedesign): Visueller Stil für das Haus der Kunst in Brünn (Dům umění). Die Gestaltung ähnelt einer Corporate Identity; sie stützt sich auf ein sich veränderndes Schild, welches in unendlich vielen verschiedenen Varianten dargestellt werden kann, ohne dass es seine typischen Attribute verliert. Für ein kommerzielles Unternehmen würde ein solcher Ansatz vermutlich eine Katastrophe bedeuten; für ein Kunst-Institut ist es ein Segen.


Tomáš Brousil (Suitcase Type Foundry): Dederon Serif, Metalista, Tabac Sans, Idealista. Originelle tschechische Schriften, die durch einen ganz besonderen Stil, eine virtuose zeichnerische Gestaltung und eine perfekte Ausführung auffallen.



Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Debatte über die nationale Tragweite des Grafikdesigns für die Branche entscheidend war, verlor sie im digitalen Zeitalter für die meisten Gestalter ihren Sinn. Die Vergangenheit kann jedoch auf unterschiedliche Weisen fortwirken.

Da die böhmischen Länder jahrhundertelang unter dem direkten Einfluss Deutschlands standen, bewahrten sie sich bis Ende des 19. Jahrhunderts die gotischen gebrochenen Schriften, obgleich das restliche Europa diese schon damals als überholt betrachtete. Der Enthusiasmus, der die Entstehung eines eigenständigen Staates begleitete, war auch die Triebkraft für das Bestreben, Schriften mit einem eigenen tschechischen Charakter zu entwickeln. Des Weiteren war man davon überzeugt, dass die Besonderheiten der tschechischen Sprache, insbesondere die große Anzahl langer und palatalisierter Laute, einen spezifischen Ansatz bei den diakritischen Zeichen erfordern. Diese Tatsache verstärkte ebenfalls das Bestreben, Schriften mit einem eigenen nationalen, tschechischen Charakter zu entwickeln.

Aber nicht nur die Tschechen, auch andere Nationen wie etwa die Polen hatten irgendwann das gleiche Bestreben. Obwohl schließlich deutlich wurde, dass es in der Typografie wichtigere Aspekte gibt als die nationale Einzigartigkeit, war die Motivation der ersten Typografen-Generation des eigenständigen tschechoslowakischen Staates ungewöhnlich groß. Vermutlich war das auch einer der Gründe, weshalb die Vorreiter der tschechischen Schriftkunst (Vojtěch Preissig, Slavoboj Tusar und Oldřich Menhart) internationales Ansehen erlangten, welches auf eine gewisse Art und Weise noch bis heute fortdauert.

Kommunismus – Kapitalismus – Kunst

Nach 1948, mit der Machtübernahme durch das kommunistische Regime, kam es zu gewaltigen Umwälzungen in der Branche. Die Abschottung des Landes und das Fehlen eines freien Wettbewerbs erstickten einen beträchtlichen Branchenzweig: die Werbegrafik. Das angewandte Design beschränkte sich vor allem auf die Propaganda der Werte Arbeit, Hygiene und Ideologie.Die Tschechoslowakei befand sich in einer vorübergehenden Isolation, die vierzig Jahre anhielt. Wie alle Extremsituationen bewirkte jedoch auch der Kommunismus einige paradoxe (positive) Phänomene.

Maler und Designer durften nicht mehr frei arbeiten, weshalb sie sich fortan auf Bücher und Plakate konzentrierten. Denn hier konnten sie, zumindest teilweise, ihre künstlerischen Ambitionen verwirklichen, die nicht mit der offiziellen Deutung von Kultur vereinbar waren. Die tschechischen Bücher und Filmplakate der 1960er- und 1970er-Jahre gehören zu den lichtesten Momenten des Designs des letzten Jahrhunderts. Diese beiden Bereiche boten im Zeitalter des sozialistischen Realismus bei weitem am meisten Raum für das vorsichtige Durchsetzen der Abstraktion und der modernen Kunst. Damals entdeckten die Tschechen auch engste Verbindungen und einen tiefgreifenden Einklang mit ihren polnischen Nachbarn.

Für Polen blieb auch nach der Wende das Plakat das nationale Medium des Grafikdesigns schlechthin, während in Tschechien diese Tradition durch das Auftauchen großer, kommerzieller Firmen gestört wurde. Diese hatten meist keinerlei Interesse an einem Design mit Drang zur freien Kunst. In multinationalen Konzernen bleibt schließlich nicht viel Raum für Expression und Weitsicht ... Die Evolution lässt sich jedoch nicht aufhalten, selbst wenn sie auf leisen Sohlen daherkommt und aus den Randbereichen der Gesellschaft schöpft. Der Kulturbereich ist stets die treibende Kraft des Designs, denn hier spielt sich das Wesentliche ab: Theater, Literatur, Musik, Film oder Ausstellungsprojekte. Und das ewige Hindernis, der straffe Haushalt, kann manchmal ein Vorteil sein; wenn nämlich der Auftraggeber dem Designer freie Hand lässt und ihn das machen lässt, was er am besten kann.

Verschwimmende Grenzen

Anfang der 1990er-Jahre setzten sich auf dem Fachgebiet die Absolventinnen und Absolventen der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design (VŠUP) durch, die heute um die vierzig sind und sich damals schnell an die veränderten Tatsachen anpassen konnten, Grafikdesignstudios gründeten und bis heute auf höchstem Niveau arbeiten.
In den 1990er-Jahren wurde auch der erste tschechische Typograf des digitalen Zeitalters berühmt: František Štorm. Er machte mittels Digitalisierung zahlreiche historische Schätze der tschechischen Schriftkunst zugänglich. Seit fünf bis acht Jahren ist jedoch endlich eine allmähliche Kräfteverlagerung zu Gunsten junger Hochschulabsolventen, Einzelkämpfer oder schöpferischer Tandems zu beobachten. Sie sind nicht mehr (oder zumindest bislang nicht) an Grafikdesignstudios gebunden und beschränken sich nicht ausschließlich auf Druckgrafiken.

Die Grenzen des Fachbereichs wurden im Laufe des letzten Jahrzehnts auf digitale Publikationen und bewegte Medien erweitert. Dies gibt jenen Talenten, denen die einstigen Grenzen der Metall-Buchstaben und grafischen Ausschneidebilder zu eng gewesen wären, die Möglichkeit sich zu verwirklichen. Die zeitgenössische tschechische Typografie hat keine spezifische Richtung. Sie ist vielmehr sehr weit gefasst, fachübergreifend und wandelbar. Sie respektiert die Schrift, ohne sie als Fetisch zu verstehen. Sie sieht die Schrift vielmehr als eines der stärksten Werkzeuge, die ihr zur Verfügung stehen. Der junge Designer ist wankelmütig, wendet sich mal Plakaten, mal Büchern, mal der Fernsehgrafik zu oder experimentiert mit Schriften. Er hat während seiner Praktika im Ausland Erfahrungen gesammelt und somit auch einen größeren Weitblick.

Ein solcher Mensch denkt selten über lokale Aspekte und Folgen seines künstlerischen Schaffens nach. Vielleicht hat er dafür keine Zeit oder es fehlt ihm die Fähigkeit dazu, oder er hält es einfach nicht für wichtig. Fast ein Jahrhundert nach den ersten Bemühungen um die Schaffung einer Typografie mit nationalem, tschechischen Charakter hat sich die Debatte über diesen Aspekt unserer Arbeit verflüchtigt. Abgesehen davon denke ich, dass es bei uns nichts typisch Lokales gibt ... und eigentlich braucht man es auch gar nicht. Das ist jedoch keine Modeerscheinung, kein Trotz oder Protest, sondern vielmehr ein gesamteuropäischer Trend.

Stiller Nationalstolz

In einer durch Fachpublikationen, das Internet, Zeitschriften, Ausstellungen und Konferenzen eng vernetzten Welt verschwimmen notgedrungen allmählich die individuellen, nationalen Unterschiede. Die Menschen leben nicht mehr an abgeschotteten Orten oder werden aufgrund des herrschenden Regimes von der Außenwelt isoliert, sondern sie haben die Möglichkeit, sich unmittelbar und aktiv am aktuellen Geschehen im In- und Ausland zu beteiligen. Sie verfügen über dieselben Kenntnisse, Technologien und haben ähnliche Ziele. Die einzigen Beschränkungen, die uns verblieben sind, sind die kulturellen. Traditionen, das Umfeld, die Erziehung – all das lässt sich nicht innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren voll und ganz ausradieren. Für uns Europäer gelten heutzutage nur noch weit entfernte, exotische Länder als grafische Weltmächte mit einem individuellen Programm – Länder wie China, Japan, Iran ... Dort suchen wir nach Inspiration, Hilfe oder nach dem Mut, um dem Teufelskreis unserer eigenen kulturellen Beschränkung zu entfliehen.

Falls sich im zeitgenössischen tschechischen Grafikdesign doch noch etwas Nationales verbirgt, so ist es der für den Laien praktisch unsichtbare, geschickt versteckte Nationalstolz, der sich im starken und beständigen Hang zu den Schriften tschechischer Autoren äußert. Und somit kommen hochwertige, zeitgenössische Schriften still und unauffällig in allen Bereichen des Designs zur Geltung – in Büchern, Zeitschriften, Firmengrafiken und in großen visuellen Stilen – weil sie von den tschechischen Designern gerne zum Leben erweckt und umgesetzt werden.

Allgemein bezeichnet man mit Palatalisierung die stellungsbedingte Änderung eines Lautes durch Hebung des Zungenrückens in Richtung des harten Gaumens (Lateinisch: palatum). In der Diskussion um die typografische Darstellung sind vor allem diejenigen Laute von Relevanz, die durch ein Hatschek (tschechisch háček), also also durch ein umgekehrtes Dach dem jeweiligen Buchstaben, dargestellt werden.
Diakritische Zeichen (auch Diakritikum mit Pl. Diakritika, vom griechischen Wort διακρινεῖν für unterscheiden) sind an Buchstaben angebrachte kleine Zeichen wie Punkte, Striche, Häkchen oder Kreise, die eine vom unmarkierten Buchstaben abweichende Aussprache oder Betonung anzeigen.
Martin Pecina
arbeitet freiberuflich als Buchgrafiker. Er führt einen typografischen Blog, veröffentlicht Fachpublikationen in der typografischen Zeitschrift „Typo“ und Glossen in der literarischen Zeitschrift „Host“.

Übersetzung: Anna Tauc

Copyright: Goethe-Institut Prag
März 2011

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