Ostzeit–Westzeit

Ostzeit - Westzeit / Kelet-korszak, Nyugat-korszak; copyright: Goethe-Institut
    Die deutsche Gegenwartsliteratur ist in den letzten Jahren stark von zwei unerwarteten zeitgeschichtlichen Erfahrungen geprägt worden. Das Aufeinanderprallen von West und Ost nach 1989 führte zu einem historisch einmaligen Vorgang.Mehr ...

    Die Herausforderung des Ostens

    Die Herausforderung des Ostens

    Bis 1989 war die Literatur der alten Bundesrepublik sehr auf sich bezogen. Im Vordergrund standen Auseinandersetzungen mit privaten Erfahrungen und mit der Aufsplitterung des Ich. Davon säuberlich getrennt existierte die DDR-Literatur. Dann kam die große tabula rasa.

    Die Herausforderung des Ostens Lutz Seiler; Copyright: Jürgen Bauer / Suhrkamp Verlag Ingo Schulze; Copyright: Peter Prochazka
    Lutz Seiler Ingo Schulze
    Herta Müller; Copyright: Goethe-Institut Léda Forgó; copyright Goethe-Institut Uwe Tellkamp; copyright Sven Döring / Insel Verlag
    Herta Müller Léda Forgó Uwe Tellkamp

    Ein neuer Autorentypus trat auf den Plan: Schriftsteller, die in der DDR groß geworden waren und die gesellschaftlichen Veränderungen in den nun neuen Bundesländern registrierten, wie Durs Grünbein, Lutz Seiler und Ingo Schulze. Dieser erzielte 1998 mit „Simple Storys“ einen überwältigenden Erfolg und gilt seitdem als der Protagonist eines spezifischen Ost-Gefühls. Mit dem scheinbar leichtfüßigen Roman „Adam und Evelyn“ (2008) erzählte er die Geschichte der Wende fast wie nebenbei – erst auf den zweiten Blick erkennt man die vielfältigen Dimensionen, die die Schicksale seiner Protagonisten entwickeln.

    Der Osten wurde gelegentlich sogar Kult. Uwe Tellkamp legte 2008 mit „Der Turm“ das Breitwand-Panorama einer Dresdner Familie in den Jahren vor der Wende vor. Der lange epische Atem dieses Monumentalwerks, das durchaus stilistische Schwächen hat, erregte große Aufmerksamkeit. Zu den interessanten Beispielen für die Konfrontation von westlicher und östlicher Mentalität zählt auch Léda Forgós „Vom Ausbleiben der Schönheit“. Überstrahlt wurde das Thema des Ostens in Deutschland vom Nobelpreis, der 2009 an Herta Müller verliehen wurde.

    Metropolensehnsucht Berlin

    Metropolensehnsucht Berlin

    Berlin war im zwanzigsten Jahrhundert nur kurz eine internationale Metropole, die auf der Höhe der Zeit war – in den „goldenen zwanziger Jahren“. Daran versuchte man anzuknüpfen, als die Stadt nach langem Interregnum wieder deutscher Regierungssitz wurde.

    Am Limit Kathrin Röggla; copyright: Jürgen Bauer Katja Lange-Müller; copyight: Jürgen Bauer
    Kathrin Röggla Katja Lange-Müller
    Judith Hermann; copyright: Jürgen Bauer Sven Regener; copyright: Davis Biene Terézia Mora; copyright: Susanne Schleier
    Judith Hermann Sven Regener Terézia Mora

    Die ins Berlin der neunziger Jahre Hineingewachsenen waren die erste Generation, die ein neues Zeit- und Experimentierlabor durchlebten. Die Kulissen des östlichen Sozialismus boten sich für aktuelle Mischformen und Crossover-Kulturen ideal an, in Ruinen und Abrisshäuser zogen bildende Künstler, Theater-, Performance- und Tanzgruppen ein. Das Spiel zwischen Ost und West ließ die Grenzen oft verschwimmen, die Identitäten lösten sich in neue Konstellationen auf.

    Das „Gesicht“ für eine neue Berlin-Generation von Schriftstellern wurde Judith Hermann. Auch Musiker wie Sven Regener begannen, Romane zu schreiben und gaben der Literatur ein neues Rhythmusgefühl. Die Musikszene suchte in illegal betriebenen Techno-Kellergewölben adäquate Ausdrucksformen, Schriftsteller wie Kathrin Röggla oder Reinald Goetz arbeiteten mit Montagetechniken und Genre-Samplings. Autorinnen wie Katja Lange-Müller, die für die Tradition des proletarischen, rauhen und sarkastisch-witzigen Berlin standen, stießen auf solche wie Terézia Mora, die neu entstehende Bevölkerungsgruppen und das neue geographische Osteuropa-Gefühl thematisierten.

    Das Bewusstsein für Geschichte

    Das Bewusstsein für Geschichte

    Vor 1989 hatte es das Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ gegeben. Die Soziologen, Kulturwissenschaftler und auch die jungen Autoren sprachen am liebsten von der unmittelbaren Gegenwart. Das änderte sich abrupt.

    Am Limit Georg Klein; Copyright: Jürgen Bauer Daniel Kehlmann; Copyright: Billy&Hells
    Georg Klein Daniel Kehlmann
    Reinhard Jirgl; copyright: Annette Pohnert Saša Stanišic; Copyright: Peter von Felbert Sibylle Lewitscharoff; Copyright: SusanneSchleyer / Suhrkamp Verlag
    Reinhard Jirgl Saša Stanišic Sibylle Lewitscharoff

    Es entstand ein neues Geschichtsbewusstsein, das von aktuell erfahrenen historischen Unabwägbarkeiten herrührte. In Ostberlin hatten sich die Repräsentationsbauten und das damit verbundene Gefühl für Kaiserreich und Weimarer Republik erhalten, Westberlin hingegen war eine subkulturelle Spielwiese am Rand des Westens gewesen, wo dieser sich mehr Experimente erlauben konnte als in wirtschaftlichen und politischen Zentren.

    In den Romanen Reinhard Jirgls werden diese verschiedenen Geschichts-Schichten zum Erzählmaterial. Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“ ist eine bis ins Detail austarierte, abenteuerliche Exkursion ins Unbewusste der bundesdeutschen Geschichte: eine Vermessung der sechziger Jahre mit den Augen damaliger Kinder. Einer der größten Roman-Erfolge der letzten zwanzig Jahre, Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, spielt und kokettiert mit dem neuen Geschichtsgefühl, von dem auch Autoren wie Uwe Tellkamp oder Martin Mosebach zehren. Kehlmann überholt die Postmoderne durch eine Bildungsplauderei aus dem 18. Jahrhundert, die absolut zeitgenössische Sehnsüchte und Fragestellungen wie in einem Spiegel zeigt. Sibylle Lewitscharoff und Saša Stanišić gehören zu den Autoren, die die verdrängten Dimensionen der osteuropäischen Geschichte mit dem westlichen Bewusstsein kurzschließen.

    Lebensgefühl zwischen Einsamkeit und Globalisierung

    Lebensgefühl zwischen Einsamkeit und Globalisierung

    Das Lebensgefühl in den gegenwärtigen literarischen Texten ist einerseits geprägt von den Tendenzen der Globalisierung, von dem Bewusstsein, überallhin vernetzbar sein zu können, und andererseits von einer unabweisbaren Vereinzelung.

    Lebensgefühl zwischen Einsamkeit und Globalisierung Thomas Lehr: 42; copyright: Peter Prochazka Ilija Trojanow; Copyright: Annette Pohnert
    Thomas Lehr Ilija Trojanow
    Esther Kinsky; copyright Zoltán Kerekes Wilhelm Genazino; Copyright: Annette Pohnert Markus Werner; Copyright: Selwwyn Hoffmann
    Esther Kinsky Wilhelm Genazino Markus Werner

    Die zeitgenössische Einsamkeit unterscheidet sich zwar elementar von jenem Gefühl der deutschen Romantiker, doch diese kannten ebenfalls schon eine Welt-Sehnsucht, für die es heute schnell verfügbare und so noch nie gekannte Vorstellungen gibt. Ein Grundgefühl, das dabei entsteht, ist das der Melancholie. Der Meister dieses Grundgefühls, das immer auch das Absurde, Groteske und Komische streift, ist wohl Wilhelm Genazino. Auch der Schweizer Markus Werner balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Pathos und Lächerlichkeit, zwischen abgründigem Witz und leiser Trauer. Esther Kinsky findet für die spezifische Ortlosigkeit des aktuellen Lebensgefühls stehende, festgefrorene Bilder, die aber in sich unendliche Schönheiten der Landschaften und der Jahreszeiten bergen können.

    In die Offensive geht dagegen ein Autor wie Ilija Trojanow: von bulgarischer Herkunft, in Afrika aufgewachsen, im deutschen Sprachraum zuhause, sieht er diese zeitgenössische multiple Identität als große Chance, neue Erfahrungen zu machen und Bewusstseinssprünge als ästhetische Entgrenzungen zu erleben. Auch Thomas Lehr ist auf der Höhe der technischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Sein Roman „42“ spielt auf den Geheimcode in Douglas Adams’ Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ an, verbindet aber die vermeintliche Unterhaltungs- und Popkultur auf organische und frappierende Weise mit der sogenannten Hochkultur, mit hochreflexiver Sprache und einem utopischen Raum-Zeit-Experiment.

    Gesellschaftliche Prozesse und Probleme

    Gesellschaftliche Prozesse und Probleme

    Die klassischen politischen Auseinandersetzungen scheinen nicht mehr zu existieren, die alten Lösungen greifen nicht mehr. Dass es in der neuen Unübersichtlichkeit aber immer noch die bekannten Widersprüche und gesellschaftlichen Gegensätze gibt, ist unverkennbar.

    Gesellschaftliche Prozesse und Probleme Karl Markus Gauß; copyright: Paul Zsolnay Verlag Kathrin Schmidt; copyright: Peter Prochazka
    Karl Markus Gauß Kathrin Schmidt
    Ulrich Peltzer; copyright: Jürgen Bauer Eva Menasse; copyright: Stefan Olah Melinda Nadj Abonji; copyright: Goethe-Institut
    Ulrich Peltzer Eva Menasse Melinda Nadj Abonji

    Ein herausragender „politischer“ Autor der deutschen Gegenwart ist Ulrich Peltzer. Doch für die Verbindung von subjektiven und unverkennbar allgemeinen Fragestellungen, die ihn auszeichnet, gibt es noch etliche andere Möglichkeiten. Literarisch drückt sie sich oft in einem Aufbrechen der herkömmlichen Genres aus. Karl-Markus Gauß etwa ist einer der besten deutschsprachigen Autoren, er tarnt sich durch Reportagen und wissenschaftlich abgesicherte Recherchen, doch immer wieder erreicht er den magischen Kipp-Punkt hin zum Fiktionalen, zur literarischen, zur phantastischen Wahrheit. Gauß’ Feld sind die Nischen, die noch nicht von der allgemeinen Nivellierung erfassten Sprachen und Volksgruppen.

    Dieselben Suchbewegungen unternehmen auch Autorinnen wie Melinda Nadj Abonji, die mit ihrem erfolgreichen Roman das neue Leben einer jugoslawischen Einwandererfamilie in der Schweiz beschreibt, oder Eva Menasse, die ihre literarische Energie aus einer jüdischen Multikulturalität bezieht. Eine ganz andere Grenzerfahrung wird bei Kathrin Schmidts buchstäblich unter die Haut gehendem autobiografisch grundiertem Roman deutlich. Sie thematisiert einen Gehirnschlag, eine Nahtoderfahrung, und das Wiedererlernen der Sprache. Wie durch und durch gesellschaftlich geprägt selbst diese intimsten Erfahrungen sind, wie Privates und Öffentliches eins werden, ist eine der Erkenntnisse dieses herausragenden Leseerlebnisses.

    Bücher, über die man spricht

    Neuerschei-
    nungen auf dem deutschen Buchmarkt, vorgestellt durch Rezensionen aus der deutschsprachigen Presse.

    Von allem Anfang an

    Die Buch- und Plakatausstellung des Goethe-Instituts in Prag stellt aktuelle deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher vor.

     

    Übersetzen als Kulturaustausch

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    Deutschsprachige Bücher in tschechischer Übersetzung

    Literatur in Deutschland

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