Roma und die Künste

Bilder und die Abbilder von Sinti und Roma

Fotoinstallation, Nihad Nino Pušija, Roma Pavillion, Biennale Venedig 2007 (Foto: © Binder & Haupt)

Die deutsche Kultur lässt sich nicht auf den röhrenden Hirsch an der Wohnzimmerwand reduzieren – gleichwohl die der Sinti und Roma nicht auf Zigeunerkitsch.

Seit Jahren liegt die Baustelle zwischen Reichstag und Brandenburger Tor brach. Die meisten Passanten wissen nicht, dass hier ein 1992 im Bundestag beschlossenes „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma“ entsteht, da die einzige Infotafel von einem Bauzaun verdeckt ist. Der Zustand scheint symptomatisch zu sein für die herrschende Unkenntnis und Ignoranz gegenüber Sinti und Roma, die mit geschätzten zwölf Millionen die größte Minderheit in Europa darstellen.

Die junge ungarische Kunsthistorikerin und Roma-Aktivistin Tímea Junghaus will auf Einladung der bevorstehenden Berlin Biennale 2012 den Skandal um das Denkmal mit einer Intervention thematisieren. Ein „Ältestenrat“ der Sinti und Roma, darunter Überlebende der KZ- und Vernichtungslager, werden vor Ort tagen und mit ihrer Präsenz das Recht auf Anerkennung ihres Schicksals demonstrieren.

Die Bezeichnung „Sinti und Roma“ kann als Kohyponym, als Schirmterminus gelten, der sämtliche Gruppierungen wie Kalé, Ashkali, Kalderash, Manoush, Lovara, Iris Travellers, English Gypsies etc. umfasst. Der Begriff „Zigeuner“, der von einigen Sinti und Roma eine affirmative Verwendung findet, dagegen ist von rassistischer Zuschreibung, insbesondere vor dem Hintergrund der NS-Morde an den Sinti und Roma. Als deutsche Sinti bezeichnet sich eine Minderheit, die seit über 600 Jahren, also schon lange vor der Entstehung des deutschen Nationalstaats, hier lebt. Sie sind integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft und besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Gesamtzahl der im Bundesgebiet lebenden Sinti und Roma wird auf etwa 120.000 Menschen geschätzt. Ihre Lebensverhältnisse unterscheiden sich ebenso wie die der Mehrheitsgesellschaft nicht nur milieuspezifisch, sondern auch individuell.

Stereotypisierung adé?

Kunsthistorikerin und Roma-Aktivistin Tímea Junghaus | Foto: © ERCF Berlin 2012 Dennoch kolportieren „Zigeuner“-Darstellungen ein homogenes und eher negatives Bild der Sinti und Roma, das kulturelle Vielfalt und Heterogenität ausblendet. Die Zuschreibungen der „Nicht-Sesshaftigkeit“ und „Kriminalität“ haben ihre Wirkungsmacht nicht verloren. Hinzu kommen eine kulturelle und sprachliche Unsichtbarkeit. Trotz fehlender Leitbilder gibt es unter Roma und Sinti eine große Anzahl angesehener Rechtsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler oder eben Künstler. Aus Angst vor sozialer Stigmatisierung bekennen sich nur wenige, auch internationale Stars zu ihrer Herkunft: Charlie Chaplin, Yul Brunner, Greta Garbo, Serge Poliakoff, Ron Wood, Marianne Rosenberg, Drafi Deutscher oder der „Bomber der Nation“, Gerd Müller, haben Sinti- beziehungsweise Roma-Wurzeln. Eine neue Generation von Akademikern unter den Sinti und Roma, zu der auch Tímea Junghaus gehört, geht offensiv mit diesen Stigmatisierungen um und eröffnet einen selbstbewussten Diskurs über Emanzipation, Identität und Differenz.

Neu und nachhaltig

Ausstellungen zeitgenössischer Roma-Kunst wie Second Site in London 2006 oder der erste Pavillon für Roma-Kunst auf der Biennale Venedig 2007 unter dem Titel Paradise Lost tragen der Entwicklung der heutigen Roma-Kunst Rechnung. Abgesehen vom Roma-Museum in Brno, das jedoch nicht allein auf Bildende Kunst spezialisiert ist, gibt es bislang keine permanente Institution, die sich der Kunst der Sinti und Roma widmet. In Deutschland zeigt der Aufbruch der neuen Generation aktueller Kultur der Sinti und Roma Früchte: Neben dem Theater Rroma Aether Club eröffnete in Berlin kürzlich die Galerie Kai Dikhas – aus dem Romanes übersetzt „Ort des Sehens“. Und mit der Initiative der Regisseurin Katalin Gödrös wurde parallel zur Berlinale 2012 die „International Romani Film Commission“ ins Leben gerufen. Gödrös brachte europäische Roma-Filmemacher zusammen, die in einer Erklärung ihre Gründungsthesen für eine transnationale Roma-Filmstrategie formulierten. Unterzeichner sind der namhafte Regisseur Tony Gatlif, Ivor Stodolsky, Katalin Barsony, Hamze Bytyci, Damian James le Bas, Dejan Markovic, Lidija Markovic, Sami Mustafa und Judith Stalter. Diese Entwicklungen könnten allerdings auch Gefahr laufen, dass die Künstler, die sich offen zu ihrer Herkunft bekennen, schnell in einem neuen Ghetto landen, in dem der Kultur.

Exemplarische Lebensläufe?

Susie Reinhardt, Hoo Doo Girl | Foto: © Christiane Stephan Gleichwohl dauert die folkloristische Tradition von Sinti und Roma, die den bekannten „Zigeuner“-Klischees entsprechen, fort. Dagegen stehen die Lebenswege und Arbeiten einiger hier exemplarisch vorzustellenden Künstler: Da ist etwa die 1962 in Hamburg geborene Susie Reinhardt, entfernt mit dem großen Jazz-Gitarristen Django Reinhardt verwandt, Psychologin, Journalistin, Autorin, Musikerin und DJ und folgt damit der – zum modernen role model erhobenen – Existenz einer metropolitanen Intellektuellen mit vielfältigster Profession. Als Mitglied der Frauen-Band Hoo Doo Girl, deren Repertoire Rock‘ n Roll, Blues, Zeydeco und Stax-Soul umfasst, setzt sie sich nur recht peripher mit der Gypsy-Kultur auseinander. Auf dem engagierten Label Trikont veröffentlichte sie eine Kompilation mit zeitgenössischen Adaptionen von Django Reinhardts musikalischen Motiven, zu der Hoo Doo Girl einen Track lieferte.

Eine ganz andere Biografie verbindet den Fotografen Nihad Nino Pušija, 1965 in Sarajewo geboren, zweimaliger Teilnehmer der Biennale in Venedig, mit den Musikern Kefaet und Selami Prizreni. Alle drei kamen als sogenannte geduldete Flüchtlinge aus den Teilstaaten Ex-Jugoslawiens nach Deutschland. Pušija, mittlerweile im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung, dokumentiert seit mehr als zwanzig Jahren das Leben der Roma in ganz Europa. Erst kürzlich erfuhr er, dass seine Großmutter eine bosnische Romni war. Protagonisten seiner mehrfach ausgestellten jüngsten Werkserie Duldung Deluxe, in der er Roma-Jugendliche aus dem Kosovo und aus Serbien vor und nach ihrer Abschiebung porträtiert, sind die in Essen aufgewachsenen Brüder Kefaet und Selami Prizreni. Ihre Karrieren als Profi-Rapper in Deutschland fanden ein abruptes Ende, als sie 2010 ins Kosovo abgeschoben wurden. Dort leben sie seitdem unter katastrophalen Bedingungen.

Eines Tages sollte der Begriff „Roma-Kunst“ obsolet sein, denn langfristig kann nur gelten: „sowohl unseren als auch den Horizont eines breiten Publikums zu erweitern – um letztlich das Leben, die condition humaine, zu begreifen“, wie es kürzlich Jana Horváthová, Direktorin des Roma-Museums in Brno, für eine Ausstellungsreihe der Galerie Kai Dikhas formulierte.
Matthias Reichelt
geboren 1955, ist freier Autor und Ausstellungsmacher. Er lebt in Berlin.

Lith Bahlmann
geboren 1966, lebt freischaffend als Autorin und Kuratorin in Berlin. Sie ist Herausgeberin mehrerer monografischer Künstlerkataloge und Ausstellungspublikationen, unter anderem: „Out of Bosnien“ (2005), „Der Blinde Fleck“ (2008), „Reconsidering Roma“ (2011), „Das schwarze Wasser – Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma“ (2012).

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April 2012

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