10 Fragen an …

Jaroslav Poncar



1) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Vorschrift ist Vorschrift. Ich bin mir nicht sicher, ob das in anderen Ländern ähnlich ist, aber in Deutschland ist es normal, mitten in der Nacht Leute an einer Fußgängerampel auf grün warten zu sehen, obwohl im Umkreis von mehreren Kilometern kein Auto in Sicht ist. Und wenn ich diese Vorschrift nicht einhalte, dann schreien die Leute mir hinterher: „Es ist rot!“

2) Was ist für Sie „typisch tschechisch“?

„Schön ist, was tschechisch ist“ – mein Vater konnte noch so sehr auf die Kommunisten schimpfen, er würde immer noch etwas wie „aber eine schöne Metro haben wir“ hinzufügen. Und das war was, als ich die Metro im Februar 1990 erlebte! Und dieses unerträgliche Getue ums Bier…

3) Welchen Einfluss übt Deutschland auf Ihr Schaffen oder Ihr Leben aus?

Nach Deutschland kam ich Mitte der 60er Jahre, als dort eine unglaubliche Konjunktur herrschte. Ich habe noch dazu das unglaubliche Glück, mein ganzes berufliches Leben in akademischen Kreisen verbracht zu haben. Seit 1973 bin ich Professor in einem Fach, in dem ich auf einzigartige Art und Weise meinen akademischen Hintergrund – nämlich die Physik – und meine Leidenschaft – Fotografie und Film – verbinden kann. Erst die deutsche Fairness hat mir eine solche Verbindung meiner Projekte mit meinem Beruf ermöglicht.

Als ich vor einigen Jahren Probleme hatte, mich mit einer meiner Publikationen in Frankreich durchzusetzen, sagte mir ein Freund vom Auswärtigen Amt, dass ich mir der Unterstützung von deutscher Seite sicher sein kann, auch wenn ich in Frankreich als tschechischer Fotograf auftrete.

Mein Alltag verlief dann so, dass ich während der Ferien irgendwo im fernen Ausland war und dort an unterschiedlichen Projekten arbeitete, die dann während des Semesters weiter bearbeitet wurden. Ich hatte also kaum ein Privatleben und kaum Zeit für die Familie…

4) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Niemandem!

5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Deutsche und Tschechen?

Unanfechtbare tausende von Jahren gemeinsamer Kulturgeschichte!

6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Ich hatte einfach zu viele schöne Erlebnisse in Deutschland, so dass es mir nicht möglich ist, ein einzelnes hervorzuheben.

7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Die schlechten Erlebnisse vergesse ich recht schnell.

8) Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?

Aachen. Nicht nur, weil ich dort meinen Studienabschluss gemacht habe, sondern weil meine Kinder dort geboren sind. Auch wenn ich heute nur noch sehr selten dort hinkomme, dort fühle ich mich immer noch wie zuhause.

9) Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?

Auf die Bürokratie, aber das ist wohl eher ein weltweites Problem…

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in Tschechien übernehmen?

Anstand im zwischenmenschlichen Umgang.


Jaroslav Poncar im Porträt

Jaroslav Poncars Panoramafotografien gehören zur Weltspitze. Seine zahlreichen fotografischen Reisen führten ihn vor allem in den Himalaya, nach Zentralasien, Indien und Kambodscha. Aber auch den Jemen und Burma, das Leben afrikanischer und tibetischer Nomaden, sowie Frankreich und die Landschaften seiner nordböhmischen Heimat hat Poncar in seinen Fotografien festgehalten. Seine atmosphärisch geladenen Arbeiten schaffen es dank ihres extremen Querformats Landschaften, Gebäude und Städte in einer immensen Detailfülle abzubilden. Seit über 30 Jahren fotografiert Poncar mit einer alten FT-2 russischen Fabrikats, die seinen Fotografien eine einzigartige Mischung von Präzision und Stimmung verleiht.

Jaroslav Poncar wurde 1945 in Prag geboren und wuchs im nordböhmischen Litoměřice auf. Nach seinem Physikstudium an der Technischen Universität in Prag promovierte der heute 64-jährige in Aachen und bereiste anschließend als freier Fotograf für die dpa Afrika und die arabische Halbinsel. Seit 1973 lebt Poncar in Deutschland und ist Professor an der Fakultät für Informations-, Medien- und Elektrotechnik der Fachhochschule Köln.

Inspiriert durch Josef Sudeks neo-romantische Prag-Panoramen aus den 1950er Jahren, begann Jaroslav Poncar sein Werk 1977 mit einem fotografischen Porträt von Paris. Seither verwirklicht Poncar neben seiner akademischen Tätigkeit fotografische Projekte an den entlegensten Enden der Erde, er produzierte Dokumentarfilme für das deutsche Fernsehen, publizierte zahlreiche Bildbände und seine Arbeiten werden von Texas bis Thailand auf der ganzen Welt ausgestellt.
Übersetzung: Martin Nejezchleba

Copyright: Goethe-Institut Prag
März 2010

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