Hans-Jörg Schmidt
1) Was ist für Sie „typisch tschechisch“?
Ich mag die gesunde Neugier der Tschechen, die mich sehr häufig nach der Entwicklung in Deutschland fragen, die jedoch in erster Linie wissen wollen, wie ich die Lage in ihrem Land beurteile. Bei der Beantwortung musste ich lernen, dass gezielte Kritik nicht so gern gehört wird. Tschechen mögen es, wenn man sie lobt, was sie ja auch verdienen. Die Art, wie sie –ohne West-Tschechen – nach der Wende ihr Land entwickelt haben, verdient Respekt.
Kritik – namentlich eines Deutschen – wird schnell als Rechthaberei oder Besserwisserei abgetan. Das hat mit dem leider bis heute ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex mancher Tschechen gegenüber den größeren Nachbarn zu tun.
Ärgerlich ist aus meiner Sicht, dass tschechische Politiker glauben, auf einer Insel zu leben, dass ihre Entscheidungen rein innenpolitischer Natur sind, die niemanden sonst interessieren. Das kann zum schwerwiegenden Irrtum werden, etwa dann, wenn mitten in der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft ohne Not die Regierung gestürzt wird und man sich anschließend darüber wundert, dass keiner das Land mehr so richtig ernst nehmen kann.
Mit der ausgeprägten Flexibilität der Tschechen, die Bösartige als Planlosigkeit bezeichnen könnten, hatte ich bislang die meisten Probleme. Auch wenn ich seit vielen Jahren in Tschechien lebe, merke ich dann sehr schnell, dass ich doch gelernter Deutscher bin.
2) Was ist für Sie „typisch deutsch“?Die Überregulierung des Lebens in Deutschland. Der Anspruch der Regierenden, dem Volk alles vorschreiben zu müssen, ist ebenso typisch deutsch, wie (mir) lästig. Als sehr positiv empfinde ich die innere Disziplin der Deutschen. Hier könnten sich viele Tschechen eine Scheibe abschneiden.
3) Welchen Einfluss übt Tschechien auf Ihr Schaffen oder Ihr Leben aus?Wer mehr als 20 Jahre in Tschechien lebt und nicht wieder weg will, der muss unter sehr starkem Einfluss seines Gastlandes stehen und sich dort offensichtlich sehr wohl fühlen. Für mich ist Tschechien nicht mehr Gastland, sondern längst zweite Heimat. Natürlich verfolge ich die Entwicklung des Landes durch eine berufliche Brille. Da ich aber in einer tschechischen Familie lebe, erlebe ich auch den tschechischen Alltag mit allen Freuden und Kümmernissen.
4) Mit wem in Tschechien würden Sie gerne einen Tag tauschen?In der Nähe meines Dorfes im Böhmischen Mittelgebirge gibt es eine Mischung aus Pension, Kneipe, Tierasyl und kulturellem Zentrum. Die Leute, die da ständig leben, sind tschechische Aussteiger, die ihr Leben leben, ohne sich um andere, vermeintlich wichtige Dinge zu sorgen.
Dort schlägt einem eine Offenheit und Herzlichkeit entgegen, die ich aus Deutschland nicht kenne. Wenn ich mal nicht mehr arbeiten muss, würde ich gern deren Art des Lebens teilen. Ob ich das könnte, ist eine andere Frage. Vermutlich würde ich mich immer schon dadurch von ihnen unterscheiden, dass ich morgens im Internet mindestens zehn einheimische und internationale Zeitungen lesen und mich über die Politiker aufregen würde. Etwas, das meine Tschechen dort relativ kalt ließe.
5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Tschechen und Deutsche?Jetzt kommt das übliche Stereotyp: die gemeinsame Liebe zum Bier. Den Unterschied beim Genuss des Gerstensaftes habe ich schon zu skizzieren versucht.
Natürlich gibt es eine lange gemeinsame Geschichte, die aber heute keine große Rolle mehr spielt. Das Kind des Prags der Tschechen, Deutschen und Juden ist nach 1939 für immer in den Brunnen gefallen. Wer glaubt, es wieder zum Leben erwecken zu können, irrt. Versuche, wie die des Theaterfestivals deutscher Sprache in Prag, sind löblich, ändern aber nichts daran, dass sich beide Völker in vielem sehr voneinander unterscheiden. Böse Zungen würden sagen, die Tschechen sind nationalistisch und sich selbst genug. Aber gemach: die Deutschen sind auch keine Europäer per se, sondern eben sehr deutsch.
6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Tschechien?Der schönste Moment für mich war der, als meine tschechische Freundin mich fragte, ob ich nicht auf ihre Chalupa (Hütte, Anm. d. Red.), ihren früheren Bauernhof – also zu ihr – ziehen möchte.
7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Tschechien?Das datiert aus meinen Anfangsjahren in Tschechien. Ich war mit meinem Auto – mit deutschem Kennzeichen – nach Lidice gefahren und hielt mich lange auf dem Areal des von den deutschen Nationalsozialisten dem Erdboden gleich gemachten Dorfes auf. Als ich zum Parkplatz zurückkehrte, sah ich, dass in der Zwischenzeit jemand in den Lack der Motorhaube meines Autos zwei große Hakenkreuze eingeritzt hatte. Das hat mir – ich bin Jahrgang 1953 – weh getan.
8) Haben Sie einen Lieblingsort in Tschechien?Prag ist unvergleichlich, für mich schlichtweg die schönste Stadt der Welt. Aber ich liebe auch die Anfahrt in mein Dorf, das in einem großen Hopfenanbaugebiet liegt. Wenn ich sehe, wie sich die Hopfenpflanzen mit rasender Geschwindigkeit nach oben ranken, wird mir warm ums Herz, denn ich weiß: Bier wird es auch im nächsten Jahr geben.
9) Auf was könnten Sie in Tschechien gerne verzichten?Kurze Antwort: auf die abenteuerlichen tschechischen Autofahrer.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Tschechien würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?Es wäre toll, wenn sich die innere Disziplin der Deutschen mit der Großzügigkeit der Tschechen paaren könnte. Doch das scheint mir illusionär zu sein. Kein Volk kann am Ende wirklich aus seiner Haut. Aber ist das so schlecht?
Hans-Jörg Schmidt im Porträt
Hans-Jörg Schmidt (Jahrgang 1953) ist freier Journalist und arbeitet über Tschechien und die Slowakei als Ständiger Korrespondent für deutschsprachige Medien. Er lebt seit 1990 in Prag und seit 2009 abwechselnd in Prag und einem kleinen Dorf im Böhmischen Mittelgebirge unweit von Litoměřice und Úštěk. Mittlerweile ist er in Tschechien der dienstälteste deutsche Korrespondent.
Seine Erfahrungen mit seiner zweiten Heimat fasste er in dem Buch Tschechien - eine Nachbarschaftskunde für Deutsche zusammen, das im Christoph-Links-Verlag Berlin erschienen ist und mittlerweile in dritter Auflage vorliegt.
Geboren wurde Hans-Jörg Schmidt in Halle an der Saale, wo er nach einer Lehre als Maschinenbauer beim dortigen Radio volontierte. Viele Jahre arbeitete er im damaligen Hörfunk der DDR, der ihn 1990 auch als Korrespondenten an die Moldau entsandte. Nach dem Ende des DDR-Hörfunks blieb Schmidt in Prag und begann mit seiner freiberuflichen Tätigkeit. Zu seinen wichtigsten Kunden heute zählen die Tageszeitung Die Welt und die in Dresden erscheinende Sächsische Zeitung.
Schmidt ist geschieden, hat in Deutschland eine Tochter und zwei Enkeltöchter und lebt in einer tschechischen Familie auf einem ehemaligen sudetendeutschen Bauernhof, der seiner tschechischen Lebenspartnerin gehört.
Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2010
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