10 Fragen an …

Radomír Šimek

Radomír Šimek; © DTIHK

1) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Eine für die Deutschen typische Eigenschaft ist für mich ihre Strukturiertheit, ihr Bemühen unter allen Umständen irgendeinem Plan zu folgen und sich von nichts überraschen zu lassen. In den meisten Fällen ist das eine völlig positive Eigenschaft, manchmal aber kann sie einen daran hindern, spontan auf Situationen zu reagieren, spontan zu handeln und das Leben mit etwas Humor zu nehmen.

In letzter Zeit fehlt mir in Deutschland ein bisschen die früher so typische Genauigkeit und Diszipliniertheit, die diesem Land zum Niveau verholfen haben, auf dem es heute ist.

Typisch deutsch ist für mich außerdem die wunderbare, sorgfältig gepflegte Natur, genau wie die vollkommene Ordnung und Sauberkeit, wohin man auch sieht. Das halte ich für ein großes Plus in Deutschland, denn es zeugt davon, dass die Leute ihr Land schätzen.

2) Was ist für sie „typisch tschechisch“?

Eine typische, positive Eigenschaft der Menschen in Tschechien ist ihre Kreativität und ihre Fähigkeit zu improvisieren, was scheinbar teils in ihren Genen liegt, teils als Überbleibsel des vergangenen Regimes zu verstehen ist. Die Leute mussten sich damals selbst helfen, anders ging es nicht. Andererseits ist es nicht gut, wenn die erwähnten Eigenschaften ein bestimmtes Maß übersteigen und die Leute jegliche Regeln und Normen anzweifeln oder ignorieren. Das mündet dann oft in den bekannten Schwejkismus.

Schlichtweg negativ ist für mich die Missgunst und der Neid, dem man in Tschechien oft begegnet. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Leuten, die, anstelle zu versuchen das zu erreichen, was andere erreicht haben, ihre ganze Energie darin investieren, den Erfolg anderer zu verhindern.

Das so viel gelobte Bier ist für mich auf der anderen Seite nicht typisch tschechisch: Einerseits vermutlich deshalb, weil ich selber kaum Bier trinke. Andererseits, weil man Bier auch in anderen Ländern braut. Das benachbarte Bayern zum Beispiel ist im Bierverbrauch pro Kopf weit vor uns.

3) Welchen Einfluss übt Deutschland auf Ihr Schaffen oder Ihr Leben aus?

Deutschland hatte schon immer und hat auch weiter einen großen Einfluss auf mein Leben. In Deutschland habe ich mehr oder weniger meine berufliche Karriere begonnen. Ich habe fast 24 Jahre für deutsche Firmen gearbeitet, teils in Deutschland, zum Großteil jedoch in Tschechien. Drei meiner vier Kinder wurden in Deutschland geboren, mein älterer Sohn studiert in Deutschland, wir besitzen eine Wohnung in München, wo wir oft hinfahren. Alle Kinder besuchen die Deutsche Schule in Prag – bzw. haben sie besucht – und schließlich hat auch meine Arbeit in der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer viel mit Deutschland zu tun.

4) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Die Antwort fällt mir leicht: Mit Franz Beckenbauer. Und das müsste nicht nur für einen Tag sein. Er ist nämlich in meinen Augen ein Mensch, der alle Aktivitäten, die er unternommen hat, immer bis zum höchsten Niveau geführt hat; so sollte es sein.

5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Deutsche und Tschechen?

Das ist eine ganze Menge. Angefangen mit der Küche, über das bereits erwähnte Bier, die ähnliche, in vielen Fällen gemeinsame Geschichte und Kultur bis hin zur längsten Grenze, die beide Länder mit einem Nachbarn teilen.

Natürlich sind auch die langjährige industrielle Tradition und die Wirtschaft überhaupt ein starkes Bindeglied. Deutschland ist unser größter Handelspartner und die Tschechische Republik ist in Sachen Export zu mehr als einem Drittel von Deutschland abhängig. Die Handelsbeziehungen beider Länder spielen – im Vergleich mit anderen Ländern – eine wichtige Rolle, auch für Deutschland.

6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Während meiner Zeit in Deutschland hatte ich eine ganze Reihe schöner Erlebnisse. Ob das nun Erfolg im Berufsleben war, oder angenehme Erlebnisse in der Freizeit. Schönste Erlebnisse hatte ich aber gleich drei, und zwar die Geburt meiner ersten drei Kinder in München.

7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Unangenehme Dinge unterdrückt unser Gedächtnis mit der Zeit und so geraten sie ins Vergessen. Deswegen erinnere ich mich eher an die schönen Erlebnisse. Und die schlechteren wiederum waren nicht so schlimm, als dass sie erwähnenswert wären. Eine Ausnahme war eine Situation in meinem Privatleben, die allerdings nicht direkt mit Deutschland zusammen hängt, auch wenn sie dort eingetreten ist. Die würde ich allerdings lieber für mich behalten.

8) Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?

Mein Lieblingsort ist eindeutig München und sein gesamtes Umland mit den umliegenden Seen bis hin zu den nahe gelegenen Alpen. Die Freizeitmöglichkeiten sind dort enorm und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Dort zu sein bedeutet für mich immer, einfach zu relaxen.

9) Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?

Was mir zu meinem Glück nicht fehlt, sind ein paar Spezialitäten der deutschen Küche, wie beispielsweise Schweinshaxe, Weißwurst oder Saumagen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in Tschechien übernehmen?

Es würde mir gefallen, wenn die Leute in Tschechien auch so achtsam in Bezug auf ihr Land, ihre Umwelt und ihr Umfeld wären. Das hatte ich schon erwähnt. Schmutz auf den Straßen ist doch nicht nur eine Angelegenheit der städtischen Straßenreinigung oder der Gemeinde. Es ist unser aller Angelegenheit. Und damit, dass ich aufmerksamer bin, auch was Kleinigkeiten angeht, und dass ich versuche, sie sofort zu beseitigen – obwohl es nicht meine Aufgabe ist – trage ich meinen Teil zum besseren Aussehen der Umgebung und zu einem angenehmeren Umfeld bei.


Radomír Šimek im Porträt

Seine Stimme zählt zu den wichtigsten in ökonomischen Fragen zu Tschechien und Deutschland. Seit 1985 arbeitete Radomír Šimek für Siemens, zunächst in München, später als Kaufmännischer Geschäftsführer in Prag. In dieser Position wurde er 2008 zum besten Finanzdirektor der Tschechischen Republik gewählt.

Heute ist Radomír Šimek Präsident der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer und Vorsitzender des Aufsichtsrats von ELTODO Verkehrssysteme. Er wurde 1958 in Havlíčkův Brod am Fuße der Böhmisch-Mährischen Höhe geboren, studierte Wirtschaft in Prag und in den USA. Radomír Šimek ist Vater von vier Kindern im Alter von zehn bis 21 Jahren und wohnt mit seiner Frau Kateřina in Prag und München.

Copyright: Goethe-Institut, Prag
Februar 2011

Übersetzung: Martin Münch

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