Alena Wagnerová


1) Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Was für mich typisch deutsch ist? Jede Typisierung bedeutet eine Vereinfachung. Mit diesem Risiko würde ich sagen, es ist ein Mangel an Spontaneität, an der Fähigkeit aus sich herauszugehen oder einfach der Stimme seines Herzens zu folgen, was ich als typisch deutsch wahrnehme. Und dann die Neigung zur Sentimentalität, die bestimmte Defizite im Bereich der Emotionalität verdeckt.
Im Zeitalter der Romantik und des Klassizismus – so scheint es mir wenigstens – war aber das deutsche Naturell und Gemüt ganz anders. Wenn ich zum Beispiel Schuberts Winterreise höre, frage ich mich immer: Was ist hier passiert? Wo ist nur diese Empfindsamkeit in der Wahrnehmung der Welt geblieben? Nein, nein, nein, dieser Wanderer hätte nie bei der SS landen können.
2) Was ist für sie „typisch tschechisch“?Wieder mit dem Risiko der Vereinfachung: Wir Tschechen sind spontaner und unmittelbarer, aber auch informeller und weit weniger einer zweckmäßigen und systematischen Handlungsweise fähig. Und das ist unser Problem, beispielsweise in der Politik. Historisch gesehen, hängt es möglicherweise mit der relativ kurzen Zeit unserer modernen Staatlichkeit zusammen, die praktisch alle 20 Jahre von gesellschaftlichen Umwälzungen gekennzeichnet war: 1918, 1938, 1948, 1968, 1989?
Mit dieser Erfahrung der Brüche hängt wohl unser unzureichendes Vertrauen in den Rechtsstaat zusammen, der sicher nicht immer auch gerecht sein muss. Aber er bildet dennoch die Grundlage des Staates. Vielleicht liegen uns informelle, nicht institutionalisierte Bewegungen mehr, wie die Nationale Wiedergeburt und schlussendlich auch der Prager Frühling zeigen.
3) Welchen Einfluss übt Deutschland auf Ihr Schaffen oder Ihr Leben aus?Als Ausländer in Deutschland zu leben ist meiner Meinung nach das Beste, was einem passieren kann, vorausgesetzt man ist hellhäutig und Akademiker. Das eröffnet einem die Möglichkeit, am Diskurs der vielseitig entwickelten Hochkultur und der Geisteswissenschaften teilzunehmen, ohne dabei dadurch beschränkt zu sein, was ich als die Ordnung der deutschen Gesellschaft bezeichnen würde: vorhandene Traditionen, Erziehung, gesellschaftliche Sozialisation und Moralvorstellungen.
Natürlich habe ich wiederum die Ordnung der tschechischen Gesellschaft verinnerlicht, aber in Deutschland bedeutet diese Andersartigkeit eine Erweiterung meiner Freiheit. In zwei Kulturen zu leben, zwei Identitäten zu haben ist eine enorme Bereicherung, weil es dem Menschen die Möglichkeit gibt, beide Gesellschaften aus der Perspektive der jeweils anderen zu sehen. Aber sicherlich wird man dadurch auch zum Außenseiter, der nirgendwo ganz dazugehört.
4) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?Das Bedürfnis, mit jemandem in Deutschland einen Tag die Rollen zu tauschen, habe ich nicht.
5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Deutsche und Tschechen?Das, was uns verbindet, ist die Existenz in Mitteleuropa, gemeinsame Grenzen und eine Verwandtschaft in Kultur und Sprache. Die Österreicher sind uns historisch sicherlich näher, aber unsere Nähe macht unsere Beziehungen so selbstverständlich, dass man sie manchmal gar nicht wahrnimmt. Alle mitteleuropäischen Nachbarschaften sind – oder waren – konfliktreich. Das macht sie zwar schmerzhaft, zwingt aber auch dazu, sich immer wieder mit ihnen zu beschäftigen.
6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?Oft stört mich an den Deutschen ihre Sentimentalität. Das typische Symbol dafür ist für mich der Muttertag. Aber als mir unsere Nachbarin in der Zeit, als wir unseren Sohn adoptierten, einen Fliederstrauch mit den Worten „für die werdende Mutter“ über den Zaun reichte, hat mich das stark berührt. Das war eine sehr schöne Geste der Solidarität, eine Unterstützung unserer Entscheidung, und ich werde ihr das nie vergessen.
7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?Das schlimmste Erlebnis war für mich Mobbing, und zwar Mobbing in Bezug auf die Sprache und meine Fähigkeit, deutsch zu schreiben. Das war tatsächlich ein Schlag unter die Gürtellinie, der einem Schreibverbot gleichkam. Es handelte sich um den Angriff eines Verlegers, der auf diese Weise eine politische Auseinandersetzung mit mir führte, die sich im Schriftstellerverband abspielte und bei der ich nicht auf seiner Seite stand.
Ich benötigte beinahe ein Jahr, um mich davon zu erholen. Und siehe da, das Manuskript, gegen das er mobbte, wurde zu einem meiner erfolgreichsten Bücher. Es war die Biographie Milena Jesenskás.
8) Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?Mein Lieblingsort in Deutschland ist das Elbtal zwischen Dresden und Děčín. Man muss jedoch mit dem Zug durchfahren, um den Reiz der alten Luftkurorte zu genießen. Auch Leipzig, Weimar und Jena habe ich gern.
9) Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?In Deutschland würde ich gerne auf die expansive Macht des zügellosen Finanzkapitals verzichten, denn sie gefährdet die Demokratie – allerdings nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in Tschechien übernehmen?Einführen? Man kann sich beim Nachbarn nur inspirieren. Was ich mir für Tschechien wünschen würde, ist eine kritischere Haltung gegenüber der Atomenergie, ihre geringe Ausprägung halte ich für völlig katastrophal, insbesondere im Zusammenhang mit Fukushima. Diese Kritiklosigkeit ist einer der peinlichsten Überreste des totalitären Denkens.
Alena Wagnerová im Porträt:
Die Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft, deutsch-tschechische Beziehungen und die Kulturgeschichte Mitteleuropas sind Themen, denen sich die Schriftstellerin und Publizistin Alena Wagnerová verschrieben hat. Sie wurde 1936 in der mährischen Metropole Brno geboren, studierte an der dortigen Masaryk-Universität Biologie und Pädagogik, später Theaterwissenschaft. In der BRD – wohin sie 1969 übersiedelte – Germanistik und Komparatistik. Bevor sie sich für die Laufbahn der Schriftstellerin und Publizistin entschied, arbeitete sie in verschiedenen Berufen: Als Pädagogin, als Labor-Leiterin an der Veterinärfakultät und als Dramaturgin.
Alena Wagnerová schreibt heute zweisprachig. Ihre Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Hörspiele und Beiträge erscheinen auf Deutsch und Tschechisch in NZZ, FAZ, TAZ, Literární noviny, Lidové noviny, Listy, Dnes und in der Wochenzeitschrift Rundfunk. Außerdem arbeitet sie regelmäßig mit dem Tschechischen Rundfunk zusammen. Zu ihren bekanntesten Büchern, die auf Deutsch und Tschechisch erschienen sind, gehören die Biographien Milena Jesenskás, der Baronin Sidonie Nádherná und der Familie Kafka sowie drei Bücher, die dem Schicksal von Sudetendeutschen und Sudetentschechen gewidmet sind: 1945 waren sie Kinder, Nicht vertriebene Erinnerungen und Helden der Hoffnung; letzteres befasst sich mit deutschen NS-Gegner aus den Sudeten.
Alena Wagnerová lebt seit 1989 in Saarbrücken und Prag. Sie ist Mitglied der internationalen Schriftstellervereinigung PEN und für ihre Verdienste um die deutsch-tschechische Verständigung wurde sie mit dem Pelikán der Zeitschrift Listy ausgezeichnet.
Copyright: Goethe-Institut, Prag
April 2011
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