Alexander Hacke und Danielle de Picciotto


1) Was ist für euch „typisch tschechisch“?
Alexander Hacke: Bier.
Danielle de Picciotto: Ich finde die Sprache vom Klang her ganz erstaunlich. Sie ist schwebend und leicht, beinahe wie ein Lied. Die Tschechen, die wir kennengelernt haben, sind auch so: sie sind ganz sanft, haben etwas Leichtes und gleichzeitig etwas Düsteres, Melancholisches. Eine interessante Mischung, wie ich finde.
2) Was ist für euch „typisch deutsch“?Alexander Hacke: Typisch deutsch? Na ja, schwer zu sagen …
Danielle de Picciotto: Für mich ist Unzufriedenheit momentan etwas typisch Deutsches. Ich bin gebürtige Amerikanerin, weshalb meine Antworten vielleicht etwas anders ausfallen als die von Alex.
Alexander Hacke: Mir fallen nur vermeintliche deutsche Tugenden ein, von denen ich aber keine wirklich unterschreiben kann. So zum Beispiel die Mär von der deutschen Pünktlichkeit. Ich persönlich finde Deutschland zurzeit extrem konservativ und nicht besonders risikobereit. Das ist mein Eindruck und auch mein derzeitiges Problem mit Deutschland.
3) Welchen Einfluss übt Tschechien auf euer Schaffen oder euer Leben aus?Alexander Hacke: Einen sehr großen, weil wir hier momentan eine Residency machen und den Großteil unseres Lebens hier verbringen. Wir setzen uns also zum Beispiel mit der Sprache – zumindest in den rudimentären Dingen, die wir aufschnappen können – oder mit der Geografie dieser wunderschönen Stadt auseinander.
Danielle de Picciotto: Was mich derzeit besonders fasziniert ist das Magische an Prag. Ich ahnte vorher nicht, welche Ausmaße das Ganze hat: Dass die Stadt auf bestimmten magischen und astrologischen Prinzipien erbaut wurde, dass es hier mit Rudolf II. einen König gab, der mehr Wert auf Kultur und Magie, als auf Politik gelegt hat und deswegen für verrückt erklärt wurde …
Der Gedanke, dass all diese Dinge zur Geschichte dieser Stadt gehören und irgendwie auch das alltägliche Leben prägen, beeinflusst mich und unsere Arbeit vor Ort. Die Installation, die wir an der MeetFactory machen, hat mit Zeit zu tun und Zeit hat natürlich auch etwas mit Magie zu tun.
Alexander Hacke: Ein ganz wichtiger tschechischer Einfluss für ein deutsches Kind meiner Generation war das Marionettentheater „Spejbl und Hurvínek“. Für deutsche Kinder war das sozusagen die Speerspitze der tschechischen Kultur. Und natürlich tschechische Trickfilme! Auch ein ganz wichtiger Einfluss. Das könntest du vielleicht zur ersten Frage, die ich so stereotyp mit Bier beantwortet habe, dazuschreiben (lacht).
4) Mit wem in Tschechien würdet ihr gerne einen Tag tauschen?Danielle de Picciotto: Ich weiß nicht – vielleicht mit Mad Rudolf?
Alexander Hacke: Mit dem kleinen Maulwurf.
5) Was verbindet eurer Meinung nach Tschechen und Deutsche?Alexander Hacke: Die Sprache vielleicht. Hier wurde ja sehr lange Deutsch gesprochen und auch der tschechische Slang scheint hauptsächlich aus deutschen Wörtern zu bestehen.
Danielle de Picciotto: Beide Länder durchlebten sanfte, unblutige Revolutionen. Das ist auf alle Fälle bemerkenswert. Für mich ist es aber etwas schwierig, Deutschland und Tschechien zu vergleichen, ich kann eher von Berlin und Prag sprechen. Die Städte sind sich total ähnlich und meistens gilt: wer Berlin mag, der mag auch Prag. Beides sind relativ dunkle, düstere aber auch sehr morbide Städte …
Alexander Hacke: Den Charme der Morbidität, den Prag immer noch hat, hat Berlin in den letzten Jahren leider verloren.
6) Was war euer schönstes Erlebnis in Tschechien?Danielle de Picciotto: Total verrückt fand ich, als uns ein Freund kürzlich nach Vietnam-Town – ein Markt im Süden Prags, ich glaube der heißt Sapa – gebracht hat. Das war für mich ein richtiger Kulturschock. Eine Amerikanerin, die in Berlin lebt, findet sich mitten in Prag plötzlich in Vietnam wieder.
Alexander Hacke: Ich fahre derzeit jeden zweiten Tag mit einer Mini-Fähre in Smíchov über die Moldau und gehe dann auf der anderen Seite in einem Olympischen Stadion schwimmen. Diese ganze Szenerie finde ich wunderbar. Da steht man morgens mit seiner Monatskarte am Ufer und dann kommt der Fährmann und holt einen über …
Aber ansonsten habe ich natürlich noch aus den Zeiten vor der Revolution sehr schöne und absurde Erinnerungen. Das erste geplante Neubauten-Konzert, das leider nicht stattgefunden hat, wurde vom Umfeld der Plastic People of the Universe organisiert. Das wurde damals mittels einer geheimen Telefonkette propagiert. Leider sind unserem Fahrer die Dieselkupons ausgegangen und er musste hier in Tschechien einen Lastwagenfahrer anhalten und Diesel ansaugen. Dabei hat er aber versehentlich mehrere Liter von dem Zeug geschluckt und wir sind nicht rechtzeitig nach Prag gekommen. Die Konzerte, die wir später hier gespielt haben, waren aber allesamt großartig.
Danielle de Picciotto: Ich war zum ersten Mal 1989 mit meiner damaligen Band Space Cowboys in Prag. Auf Einladung eines Piratensenders namens Radio Stalin haben wir in den Katakomben unterhalb des Metronoms gespielt. Das war total beeindruckend. Es war Herbst, wir hatten mindestens 15 mit Maschinengewehren bewaffnete Bodyguards und spielten in diesen Katakomben. Wirklich unglaublich alles!
7) Was war euer unerfreulichstes Erlebnis in Tschechien?Danielle de Picciotto: Unerfreulich – aber verständlich – ist, dass viele Leute offensichtlich total genervt sind, wenn die man tschechische Sprache nicht kann. Genervter als sonst wo. Das ist mir dann unangenehm, weil sie natürlich auch Recht haben. Ein paar Wörter sollte man können.
Alexander Hacke: Ich kann auch nicht von einem bestimmten, unerfreulichen Erlebnis sprechen. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass es hier ein sehr ausgeprägtes und möglicherweise kulturell bedingtes Zelebrieren von Hoffnungslosigkeit gibt. Ich habe wirklich selten gesehen, dass Leute so unglaublich schwarz, hoffnungslos, negativ wirken – wirklich sehr traurig und erschreckend, was man hier in Kneipen, in der Straßenbahn oder auch nachts auf der Straße für verwahrloste Gestalten sieht …
Danielle de Picciotto: Und dabei sind wir einiges gewohnt aus Berlin oder auch aus New York, wo es in den 80ern ja ziemlich krass war …
Alexander Hacke: So habe ich das jedenfalls noch nirgendwo anders erlebt. Aber darüber haben wir jetzt genug geredet!
Danielle de Picciotto: Ja, eigentlich fühlen wir uns hier total gut.
8) Habt ihr einen Lieblingsort in Tschechien?Alexander Hacke: Střelecký ostrov, die Insel im Zentrum von Prag, ist ganz toll. Dort haben wir letztens einen ganzen Tag verbracht.
Danielle de Picciotto: Die Gegend um den Kampa-Park und unter der Karlsbrücke ist wunderschön. Die engen Gässchen, der Kanal, gleichzeitig sieht man die Burg als Wahrzeichen Prags. Und den englischen Buchladen dort finde ich auch super (lacht).
9) Auf was könntet ihr in Tschechien gerne verzichten?Danielle de Picciotto: Auf das Bier!
Alexander Hacke: Ich nicht, aber es gibt bestimmte Wurstspezialitäten, auf die ich gerne verzichten könnte. Ich muss dazu sagen, dass ich Vegetarier bin und das Überangebot an Fleischgerichten hier ist schon ziemlich erdrückend.
Danielle de Picciotto: Ach so, und auf die Taxifahrer, die einen wirklich jedes Mal versuchen abzuzocken!
Alexander Hacke: Und auch auf die besonders ausgeprägte, örtliche Nikotinsucht könnte ich verzichten.
10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Tschechien würden ihr gerne in Deutschland übernehmen?Alexander Hacke: Kommt mir das nur so vor, oder lesen die Tschechen wirklich so unglaublich viel? Man sieht in den Straßenbahnen extrem viele Leute mit Büchern und in Prag gibt es fast an jeder Ecke einen Buchladen. Das Lesen scheint hier einen sehr hohen Stellenwert zu haben. Davon könnten sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden.
Danielle de Picciotto: Mich hat total beeindruckt, dass hier zu Ausstellungen lokaler Künstlern viel mehr Publikum kommt, als zur Vernissage eines ausländischen Künstlers. In Berlin ist das umgekehrt. Fragt man hiesige Kuratoren, so legt das tschechische Publikum ganz selbstverständlich Wert darauf, die lokale Kultur zu unterstützen. Das ist etwas, was ich gerne mit nach Deutschland nehmen würde.
Alexander Hacke und Danielle de Picciotto im Porträt:
Alexander Hacke und Danielle de Picciotto in drei Absätzen zu beschreiben, ist mehr als eine Herausforderung. Nimmt man ihre künstlerischen Aktivitäten zusammen, so sind sie Musikproduzenten, Performance- und Installations-Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, komponieren Filmmusik und schrecken vor nahezu keinem musikalischen Experiment zurück. 2011 sind sie drei Monate als Artists In Residence des Goethe-Instituts in Prag.
Alexander Hacke, geboren 1965 in Berlin-Neukölln, ist vor allem als Mitglied und – laut Bandleader Blixa Bargeld auch als musikalischer Direktor – der Kultband Einstürzende Neubauten bekannt. Kurz nach deren Gründung 1980 im Berliner Club Moon wurde Alex als 15-Jähriger Gitarrist, später dann Bassist der Avantgarde-Band, die in Tschechien auf eine langjährige Tourgeschichte zurückblickt. Alexander Hacke arbeitet außerdem an diversen Solo-Projekten, komponierte Musik zu Filmen wie Sonnenallee oder Gegen die Wand. Als Protagonist von Fatih Akins musikalischer Dokumentation Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul ergründete Hacke die Musikszene der türkischen Metropole.
Zusammen mit seiner Ehefrau Danielle de Picciotto feierten sie in Prag das erste Album-Release ihres gemeinsamen musikalischen Projekts Hitman’s Heel und überraschen immer wieder mit ihren künstlerischen Performances und Installationen. Danielle de Picciotto ist gebürtige US-Amerikanerin und ein Urgestein des Berliner Undergrounds. Sie gründete zusammen mit Dr. Motte die Love Parade, und war dabei, als Kult-Clubs wie der Tresor oder das E-Werk ihre Tore öffneten. Heute macht sie vor allem audio-visuelle Kunst und Musik und dreht Filme. Die Evolution des Berliner Undergrounds von den 80ern bis heute beschreibt Danielle in ihrem Buch The Beauty of Transgression – A Berlin Memoir.
Copyright: Goethe-Institut, Prag
Mai 2011
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