10 Fragen an …

Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš; Foto: Lukáš Horký

1) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Also das ist nicht so einfach. Deutschland ist ja ziemlich groß und wesentlich vielfältiger als Tschechien. Zwischen dem Süden und dem Norden Deutschlands gibt es, glaube ich, erhebliche Unterschiede. Nehmen Sie zum Beispiel Bayern und Berlin, oder meinetwegen auch Augsburg und Leipzig: im Süden Katholiken, im Norden Protestanten, und irgendwie wirkt sich das bis heute aus. Im Süden lieben sie Weißwürste, im Norden schwören sie auf Brat- oder Currywurst und am Meer gönnt man sich Fischbrötchen. Außerdem gibt es natürlich noch immer den Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland.

Aber ein Haufen Sachen, die uns Tschechen typisch deutsch vorkommen, also technisches Know-how, Fleiß, Rationalität, Präzision, Ordnungsliebe, all diese Klischees passen doch, scheint mir, auch auf uns. Ich glaube, auch wir bemühen uns, so zu sein. Ein Freund von mir arbeitet für ein großes, internationales IT-Unternehmen in Spanien. Er ist Tscheche und hat einen ziemlich deutschen Namen, wie das bei uns halt so ist. Seine spanischen Kollegen haben ihm den Spitznamen „der Deutsche“ gegeben, weil er ihrer Meinung nach überpünktlich und extrem akkurat ist und beispielsweise, wenn für zehn Uhr eine Videokonferenz geplant ist, erwartet, dass seine Leutchen tatsächlich um Zehn und nicht erst um Elf auf der Matte stehen. Letztens haben wir uns nach längerem wieder mal getroffen, und er hat mir gesagt: „Mensch, Jára, die haben doch Recht! Wir Tschechen sind eigentlich Deutsche – in Spanien hab ich das endlich kapiert.“

Aber ich glaube nicht, dass die Deutschen wirklich so sind. Ich habe eine Menge Freunde in Deutschland, deren Genauigkeit und Fleiß einiges zu wünschen übrig lässt und die diese Klischees selber auf die Schippe nehmen. Die lümmeln in Cafés rum, denken sich tolle Projekte aus, verdienen manchmal sogar ein bisschen Geld damit, und dann denken sie sich wieder was Neues aus... Das hängt immer davon ab, mit wem man es zu tun hat.

Auch scheint mir, dass die Leute in Deutschland ein bisschen engagierter sind, was Gesellschaft und Umweltschutz anbelangt, und dass man dort wesentlich demokratischer eingestellt ist. Nach der großen historischen Tragödie des vergangenen Jahrhunderts sind es letztlich vielleicht sogar die Deutschen, die Mitteleuropa vor den neuen nationalistischen Schreihälsen bewahren werden, die immer wieder ins Kraut schießen; da reicht es, einen Blick nach Ungarn zu werfen. Wenn Neonazis durch Leipzig oder Dresden marschieren, dann stehen die Leute auf und organisieren Gegendemonstrationen.

2) Was ist für Sie „typisch tschechisch“?

Schon wieder so eine Frage... Aber okay, ich versuch mal zu antworten, auch wenn ich weiß, dass ich wieder verallgemeinern muss: typisch tschechisch ist vielleicht unser endloses, aber im Grunde ganz liebenswertes Gequatsche über alles und jeden. Und dann vielleicht auch diese ewigen Ausreden, dieses Rumgeknödle, womit ich einen gewissen Minderwertigkeitskomplex meine, eine bestimmte Art tschechischer Selbstunterschätzung. Aber dann gibt es wiederum die tschechische Selbstironie, die ich ziemlich mag. Naja, und dann ist da noch all das, was sich hinter dem schönen Wörtchen fligna verbirgt, und was sich auf Deutsch vielleicht mit Verarsche umschreiben lässt, bei der jeder jedem ans Bein pinkelt – in der tschechischen Politik sieht man das täglich.

Was mich außerdem stört, ist die häufige Beschränkung der tschechischen Kulturpolitik – wenn sie denn überhaupt stattfindet – auf den Schutz von Denkmälern; die Tatsache, dass Gegenwartskunst kaum gefördert wird. Ich glaube, hier sind die Deutschen ein ganzes Stück weiter. Sie haben kapiert, dass man außer Autos oder moderner Technologie auch Kultur exportieren kann und dass Kultur etwas ist, was einen großen Anteil an der Image-Bildung eines Landes hat. Mit Tschechien verbinden die meisten Touristen das Goldene Prag, böhmische Geschichte, Škoda, klassische Musik, Bier und Knödel. Aber schauen Sie sich nur mal an, was die Deutschen aus Berlin gemacht haben. Wenn man an Berlin denkt, denkt man sofort an Kreativität und Fortschritt, kurz: an eine Stadt, die Trends setzt.

Die andere Seite der Medaille ist, dass Berlin langsam an sich selbst zugrunde zu gehen droht unter dem Ansturm all dieser Touristen, Kreativlinge und Leute, die glauben, dass es ausreicht, in Berlin zu leben, um kreativ zu sein. Die Mieten steigen ins Unermessliche, Developer teilen die Stadt unter sich auf, alles wird aufgehübscht, und hinter den neuen Fassaden verschwinden die alten und wirklich spannenden Geschichten. In Berlin zu wohnen ist in. Aber wenn irgendein Tscheche dorthin ziehen möchte, würde ich ihm raten, lieber nach Leipzig zu gehen. In Leipzig gibt es eine super Szene, insbesondere für bildende Künstler und Schriftsteller, man kann billig wohnen und die Atmosphäre ist sehr relaxt. Und sowohl nach Prag als auch nach Berlin ist es nicht mehr als ein Katzensprung.

3) Welchen Einfluss übt Deutschland auf Ihr Schaffen oder Leben aus?

Das nimmt ständig zu. Zwar ist meine Muttersprache Tschechisch, aber schon lange gehört die deutsche Sprache zu meinem Handwerkszeug. Ich bin froh, dass ich Deutsch gelernt habe und kapiere nicht so ganz, dass viele Leute in Mitteleuropa Englisch den Vorzug geben. Klar, dass ich auch Englisch kann, und dasselbe gilt für Russisch, was prima ist. Damit kann man sich dann überall verständigen, und sicher auch in Deutschland, aber halt nur verständigen, mehr schon nicht. Man bleibt an der Oberfläche. Und das reicht nicht aus, wenn man in Deutschland arbeiten und leben will, wenn man das Land wirklich begreifen will.

Ab und zu mache ich was für den deutschen Rundfunk, ich habe ein paar Erzählungen geschrieben, und mit einem guten Freund, dem Leipziger Schriftsteller Martin Becker, haben wir zwei deutschsprachige Hörspiele für den WDR in Köln sowie ein Theaterstück für das Prager Theater Archa verfasst. Momentan arbeite ich in Berlin an einem deutschen Drehbuch. Also im Augenblick verdiene ich meinen Lebensunterhalt zu etwa einem Drittel mit der deutschen Sprache, denn mit dem Schreiben in Tschechien überleben zu wollen, das klappt kaum. Zwei meiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, also fahre ich öfter mal zu Lesungen rüber.

Ich lebe also teils in Tschechien und teils in Deutschland, aber die meiste Zeit verbringe ich wohl auf Reisen, im Auto oder im Zug, das gehört einfach dazu. Meine Romane werde ich weiterhin auf Tschechisch verfassen, aber Drehbücher oder Theaterstücke kann ich, glaube ich, auch auf Deutsch schreiben. Ich kapiere nicht, warum wir hier in Tschechien nicht nur Deutschland, sondern auch Polen so oft glatt übersehen. Alle suchen sie Anerkennung in England oder Amerika, da herrscht eine unglaubliche Sehnsucht, und dabei liegen gleich zwei so große Länder direkt neben uns. Dort kennt man uns und dort haben wir was zu bieten – und dort interessiert man sich für uns.

4) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ernsthaft jetzt? Naja, vielleicht wär ich gern mal Lokführer in einem ICE... Diese Züge mag ich einfach. Ich wollte schon immer Lokführer werden, aber dann haben sie mir eine Brille verpasst und ich konnte nicht mehr auf die Eisenbahner-Gewerbeschule, sondern musste aufs Gymnasium. Naja, und danach war ich halt Lehrer für Deutsch und Geschichte. Viel hab ich da nicht gelehrt, aber Deutsch, Geschichte und Züge interessieren mich nach wie vor. Und überhaupt, im Comic Alois Nebel, den ich gemeinsam mit dem Künstler Jaromír 99 entwickelt habe und dessen Filmversion im September ins Kino kommt, geht es um gar nichts anderes als um Züge und Geschichte.

5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Deutsche und Tschechen?

Zunächst natürlich die ziemlich gespannte meteorologische Situation mit all diesen Warm- und Kaltfronten und den Wolken, die sich so oft von der Nordsee her nach Tschechien drängeln, wie Fleischmann, der Protagonist meines Romans Grandhotel, auf dem Berg Ještěd völlig richtig beobachtet. Naja, und dann ist da wohl noch die Wirtschaft: wenn’s den Deutschen gut geht, geht’s uns auch gut – und umgekehrt. Logisch auch, dass uns die Geschichte verbindet. Die hält uns irgendwie zusammen in einer eigenartigen Umarmung, in der wir durch die Mitte Europas tänzeln. Aber dabei sind wir nicht allein. Ich glaube, es gibt keine dezidiert deutsche, österreichische, polnische, tschechische, slowakische oder ungarische Geschichte, sondern einzig eine Geschichte Mitteleuropas. Und jede geschichtliche Entwicklung in einem dieser Länder hat sofort Auswirkungen auf die Nachbarländer.

6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Ich erkunde wahnsinnig gern Orte mit Geschichte, und besonders interessieren mich diese monumentalen, nie abgeschlossenen Projekte. In Leipzig gibt es zum Beispiel einen alten Hafen aus der Nazizeit. Mole und Hallen wurden zwar noch fertiggestellt, aber ein Schiff hat der Hafen nie gesehen. Er ist nämlich an keinerlei Schifffahrtswege angeschlossen, weil die Nazis es nicht mehr geschafft haben, einen Kanal zu bauen. Dieser verlassene, sehr melancholische Hafen spielt auch eine Rolle in meinem Roman Ende des Punks in Helsinki. Ein Stückchen von der Stadt Stendal entfernt gibt es einen ähnlichen Ort: die Ruine eines Kernkraftwerks. Wegen dieses megalomanischen Projekts ist die DDR fast pleite gegangen, aber am Ende kam zum Glück die Wende und die Bauarbeiten wurden eingestellt. Und jetzt wird diese Ruine von Schaufelbaggern langsam zerpflückt. Vielleicht ist das ja ein bisschen abseitig, aber solche Orte auszukundschaften macht mir irre viel Spaß.

7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Einmal, das war vor vielleicht zwei Jahren, haben mich deutsche Grenzpolizisten im Zug Richtung Hamburg regelrecht auseinandergenommen. Ich saß in der ersten Klasse, was ein Luxus ist, den ich mir halt manchmal gönne. Ich war allein im Waggon, also haben sich die Herren voll und ganz mir widmen können. Nicht dass sie irgendwie ungehobelt gewesen wären, aber sie haben wirklich alles gefilzt, einschließlich der Zahnpasta, denn da hätten ja Drogen drin sein können. Das schien mir dann doch etwas übertrieben und auch ein bisschen erniedrigend. Eine ähnliche Kontrolle hab ich vor Jahren mal bei einer Autoreise an der polnischen Grenze über mich ergehen lassen müssen. Und auch dieser schmerbäuchige Onkel von damals kam sich in seiner feschen Uniform sicher ungeheuer wichtig vor. Aber naja.

8) Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?

Irgendwie fühle ich mich in Ostdeutschland, zum Beispiel in Leipzig, am Wohlsten. Das liegt wohl an meiner Kindheit und Jugend, ich bin nämlich unweit der deutschen Grenze aufgewachsen, und deshalb waren wir auch ständig auf Besuch in der DDR. Aus der Zeit sind mir gute Freunde und Bekannte geblieben. In Zittau beispielsweise war es, wo ich zum ersten Mal ordentlich einen sitzen hatte. Dort hat man nämlich schon mit 16 sein Bierchen gekriegt, und darum bin ich zusammen mit Kumpels aus der Schule mit schöner Regelmäßigkeit rübergefahren. Wegen einem ziemlich großgewachsenen und dürren Ostdeutschen hab ich dann schließlich auch angefangen, Deutsch zu lernen.

Was ich damit sagen will: Ostdeutschland ist mir einfach sehr nah, dort fühle ich mich zu Hause, und außerdem muss ich dort niemandem irgendwas erklären. Wenn ich dort erzähle, dass ich zwischen dem Böhmischen Paradies und dem Riesengebirge aufgewachsen bin, dann wissen die dort sofort Bescheid. Was ich damit noch sagen will: auch in meinen Texten taucht der Osten Deutschlands immer wieder auf, und das hängt wohl mit all dem zusammen. Früher bin ich dort hingefahren, heute fahre ich dort hin, und mittlerweile kenne ich die Gegend dort besser als beispielsweise Mähren oder die Slowakische Republik.

Naja, und dann mag ich natürlich die Ostsee und Berlin und das Berliner Umland. Spannend ist ganz sicher auch Hamburg. In Thüringen wiederum wird lecker gekocht. Außerdem mag ich dieses ewig weite, platte Brandenburger Land, auch das finde ich sehr reizvoll.

9) Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?

Auf die Staus. Und auf diese frustrierten Neonazis, die sich ab und zu irgendwo zusammenrotten. Und auf diese Grenzbeamte, die ich ja schon erwähnt habe und die immer noch so unauffällig an den Grenzen rumstehen und aufpassen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in Tschechien übernehmen?

Diese ausgiebigen und irre leckeren Wochenend-Frühstücke in den Cafés, das fehlt mir in Tschechien. Und wenn man hier in Prag schon mal auf einen dieser Brunche stößt, dann zu einem völlig überhöhten Preis. Dieses deutsche, urbane Rumgegammle an den Wochenenden, das hab ich echt gern.

Jaroslav Rudiš im Porträt:

Früher hat er als Lehrer, DJ, Manager einer Punk-Band, Hotelportier und Journalist gearbeitet; mittlerweile widmet sich Jaroslav Rudiš aber vor allem dem Schreiben und verfasst außer Prosa auch Drehbücher. Mit seinem teilweise autobiografischen Debüt Der Himmel unter Berlin, für das er mit dem Jiří-Orten-Preis ausgezeichnet wurde, ist er zum Shooting-Star der tschechischen Literaturszene avanciert. Neben seinem Debüt liegt inzwischen auch sein zweiter Roman Grandhotel in deutscher Sprache vor. Sein vielseitiges Talent hat Rudiš zudem in Form von Comics unter Beweis gestellt. So hat er gemeinsam mit dem Zeichner Jaromír 99 eine Trilogie über den tschechisch-deutschen Zugschaffner Alois Nebel veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit Petr Pýcha hat er darüber hinaus die Theaterstücke Sommer in Lappland und Strange Love konzipiert und gemeinsam mit dem Schriftsteller Martin Becker für den Kölner Rundfunksender WDR die deutschsprachigen Hörspiele Lost in Praha und Plattenbaucowboys verfasst. 2010 hat Rudiš seinen vorerst letzten Roman Ende des Punks in Helsinki veröffentlicht, der von den letzten Punks in der Tschechoslowakei und in der DDR handelt.

Jaroslav Rudiš wurde 1972 in Trutnov geboren und hat Deutsch und Geschichte an der Pädagogischen Fakultät der Technischen Universität in Liberec studiert. Dieses Studium hat ihn u.a. nach Prag, Zürich und Berlin geführt, und insbesondere vom modernen, pulsierenden Berlin hat er sich gerne inspirieren lassen. Gegenwärtig lebt und arbeitet er abwechselnd in Lomnice nad Popelkou, Prag, Brno und Leipzig. Rudiš spielt gelegentlich mit den Bands U-Bahn und The Bombers und tritt zusammen mit Igor Malijevský mit seiner literarisch-musikalischen Show EKG im Prager Theater Archa sowie im Brünner Theater HaDivadlo auf. In Tschechien setzt er sich unermüdlich für die deutsche Sprache und Kultur ein.

Copyright: Goethe-Institut, Prag
Juli 2011

Übersetzung: Doris Kouba

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
info@prag.goethe.org

Links zum Thema

Gesellschaft in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Alumniportal Deutschland

Eine Plattform für Menschen aus aller Welt, die eine Aus- oder Weiterbildung in Deutschland oder einen Sprachkurs absolviert haben.