10 Fragen an …

Martin Becker

Martin Becker, © Martina Šímková

1) Was ist für Sie „typisch tschechisch“?

Beim Bier in der Kneipe zu sitzen und Geschichten aus dem Leben zu erzählen. Bei jeder Gelegenheit aufs Land zu fahren. Sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Auf sympathische Art und Weise unpünktlich zu sein.

2) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Beim Bier zu Hause zu sitzen und zu schweigen. Einen Bausparvertrag zu haben. Sich selbst manchmal zu ernst zu nehmen. Zu pünktlich zu sein.

3) Welchen Einfluss übt Tschechien auf Ihr Schaffen oder Leben aus?

Einen sehr großen Einfluss! Viele meiner Freunde leben in Tschechien. Ich habe dort schon ganz wunderbare Wochen und Monate verbracht, die mein Leben und Schreiben nachhaltig verändert haben.

Eine der wesentlichen Entdeckungen und größten Einflüsse war, ist und bleibt für mich aber eine Kleinigkeit: Der smažený sýr, ganz schlichter, panierter und frittierter Edamer, den es in Deutschland einfach nicht gibt.

4) Mit wem in Tschechien würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ganz klar: Mit Karel Schwarzenberg, um auch endlich mal als Minister in einem Parlament während einer Sitzung einschlafen zu können.

Aber ernsthaft: Ich erinnere mich an eine kleine Szene, ich hatte eine Wohnung im Prager Stadtteil Žižkov gemietet und konnte von meinem Bett aus in die Küche einer alten Dame sehen, die jeden Abend dort saß und nichts anderes tat als Kreuzworträtsel zu machen. Vielleicht lief ihr Radio, vielleicht nicht. Ich würde gern mit ihr tauschen, um zu wissen, was sie weiß, um mehr über die Vergangenheit und die Gegenwart der Tschechen zu erfahren, ja, um zu wissen, ob es das größte Glück oder der größte Schmerz ist, Abend für Abend in der Küche zu sitzen und ein Kreuzworträtsel zu machen.

5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Tschechen und Deutsche?

Ich kann es nicht sagen, weil ich viel zu sehr in die deutsch-tschechischen (oder tschechisch-deutschen) Beziehungen verstrickt bin. Immerhin scheint es schon Schnittmengen zu geben, sonst würde ich mich nicht so unheimlich wohl in Tschechien fühlen und so viel lachen – vielleicht ist es eine bestimmte Art von Humor, von Melancholie, von Leichtigkeit und Schwere. Das gilt zumindest für die Tschechinnen und Tschechen, mit denen ich näher zu tun hatte und habe.

6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Tschechien?

Die schönsten Erlebnisse sind für mich immer die Fahrten an den Fluss Berounka. Ich erinnere mich daran, wie ich mit einer Freundin zum Beachvolleyball (ich spiele natürlich nicht!) nach Černošice in der Nähe von Prag gefahren bin, den ganzen Abend über am Flussufer saß und den Flugzeugen nachgesehen habe – das war wunderbar.

Übertroffen wird dies vielleicht noch von einer Reise nach Roztoky u Křivoklátu, dort bin ich mit meiner tschechischen Mitautorin unterwegs gewesen. Wir haben für eine Reportage über den Schriftsteller Ota Pavel recherchiert – das war ein unvergesslicher Tag mit strahlendem Sonnenschein, Platzregen, Gewitter, Anglern und Schwimmern in der Berounka – und natürlich den Erinnerungen an den einmaligen Ota Pavel.

7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Tschechien?

Am Karlovo náměstí (Karlsplatz) in Prag habe ich im letzten Jahr eine Polizeirazzia beobachtet, die mich sehr getroffen und deprimiert hat: Eine Roma-Gruppe stand in der sengenden Hitze wie Vieh an einen Zaun geklammert, hinter sich die patrouillierenden Polizisten und ihr ganzes Hab und Gut verteilt auf dem Boden. Ich weiß nicht, ob diese Roma Taschendiebe waren, ob sie sich einer Straftat schuldig gemacht hatten oder nicht. Es interessiert mich auch gar nicht. Ich weiß nur, dass ich diese Art und Weise der Behandlung, diese Zurschaustellung, abstoßend und unwürdig fand.

8) Haben Sie einen Lieblingsort in Tschechien?

Da gibt es mehrere Orte! Ich liebe Mittelböhmen und die Gegend um die Berounka. Ich liebe die Prager Vororte, auch und besonders dann, wenn sie aus Plattenbauten bestehen. Ich liebe den Wald in der Südstadt und die Mittelinsel auf der Moldau. Und ich liebe das Kino Aero in Žižkov, ja, dieses alte Kino weckt eine Sehnsucht wie kaum ein anderer Ort.

9) Auf was könnten Sie in Tschechien gerne verzichten?

Auf die Art von ausländischen Touristen, die meinen, dass man in Tschechien in erster Linie sehr billig zu einem Zimmer, zu Essen im Restaurant, zu Bier und zu käuflichen Frauen kommt. Und auf den latenten Rassismus, aber auf den kann ich überall gerne verzichten.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Tschechien würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Es gibt so eine unprätentiöse Art, die ich beispielsweise bei tschechischen Autorinnen und Autoren immer wieder feststelle. Die würde ich gern in Deutschland etablieren. Überhaupt: Dass man sich selbst nicht so Ernst nimmt, durchaus aber das, was man tut.

Und eine Art von Authentizität, die ich in Deutschland so eher selten vorfinde.

Martin Becker im Porträt:

Martin Beckers Geschichten sind eine Welt für sich; eine Welt voller schrulliger, trauriger Gestalten und rührender Details. In Prag ist der Schriftsteller seit Jahren oft und gerne. Zusammen mit seinem tschechischen Kollegen Jaroslav Rudiš verfasste er das Hörspiel Lost in Praha und die Oper Exit 89 für das Prager Theater Archa. Im Mai 2011 feierte ein weitere Kooperation mit Rudiš Premiere: Das Hörspiel Plattenbaucowboys.

Geboren wurde der Schriftsteller und Journalist im Sauerland. Er studiert unter anderem am Leipziger Literaturinstitut, gefolgt von weiteren Lehrjahren in Berlin. Als Journalist arbeitet er heute vor allem an Reportagen, Features und Glossen für den Westdeutschen Rundfunk.

2007 las Becker beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Für sein Erzählband Ein schönes Leben erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Auszüge seines Debüts erschienen auch im Züricher Hörbuchverlag sprechtheater. Seit April 2011 ist Martin Becker künstlerischer Mitarbeiter an der europaweit einmaligen Professur für Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität in Weimar.

Copyright: Goethe-Institut, Prag
November 2011

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