Grimm-Jahr 2012

„Es war einmal…“ – Märchen der Brüder Grimm in der Tschechischen Republik

Tischlein deck dich; Illustration von Carl Offterdinger
Tischlein deck dich; Illustration von Carl Offterdinger
Jacob und Wilhelm Grimm haben das literarische Genre des Volksmärchens geschaffen. In den böhmischen Ländern hielten die Grimm‘schen Märchen ab den 1830er Jahren Einzug. Bis heute sind sie ein fester und lebendiger Bestandteil der tschechischen Kinderliteratur.

Die Brüder Grimm und die Geschichte des Märchens

Jacob und Wilhelm Grimm verdanken wir das literarische Genre des Volksmärchens. Sie haben dieses Genre in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geschaffen, in ebenjener Zeit der „Verschiebung“, als Märchen, bis dato nur mündlich tradiert, aufgezeichnet wurden und eine künstlerisch literarisch Form erhielten. Die Grimmsche Sammlung erschien zwischen 1812-1815 zunächst unter dem Titel Kinder- und Hausmärchen, tschechisch Dětské a domácí pohádky. Das literarische Genre des Märchens machte – dank der Brüder Grimm – einige Entwicklungen durch. So zogen die Märchen z.B. vom Land in die Stadt und richteten sich nun an die ganze Familie, waren also auch für die Ohren der Kinder bestimmt. In der Bezeichnung Kindermärchen deutete sich schon damals ihre heutige Stellung an: sie sind inzwischen ein klassisches und eigentlich auch das wichtigste Genre der Kinderliteratur. Der Zusatz Hausmärchen betont die wichtige Rolle der Institution Familie und verweist auf die erzieherische Funktion des neu etablierten Genres. Für die später folgenden Ausgaben hat Wilhelm Grimm die Märchen immer wieder auch stilistisch überarbeitet, um sie dem kindlichen Verständnis näher zu bringen.

Erste Ausgaben der Grimmschen Märchen in den böhmischen Ländern

Dornröschen; Illustration von Alexander Zick Die ersten Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm hielten in den böhmischen Ländern, die damals noch zu Österreich, später zu Österreich-Ungarn gehörten, ab den 1830er Jahren Einzug, in jener Zeit also, die sich gesellschaftsgeschichtlich als Epoche der Erneuerung beschreiben ließe: Die tschechische Nation, vor allem aber führende Persönlichkeiten aus Literatur und Wissenschaft setzten ihr Bemühen darein, eine „Wiedergeburt“ der tschechischen Sprache herbeizuführen. Tschechisch sprach damals etwa ein Viertel der Bevölkerung, und zwar vor allem auf dem Land. Ziel der Erneuerer war es, das Tschechische als eine Sprache zu propagieren und etablieren, in der sich auch wissenschaftliche Schriften und schöne Literatur schreiben ließ. Diese „Verifikation“ der Sprache war ein tragender Faktor der kulturellen und nationalen Selbstvergewisserung. Im Sammeln mündlich überlieferter Stoffe, in der Aufzeichnung volkstümlicher Quellen sowie ihrer literarischen Bearbeitung sahen sowohl Erneuerer wie auch Vertreter späterer Schriftstellergenerationen eine ihrer vornehmsten Aufgaben.

Die damalige gesellschaftliche Situation entschied letztlich auch über den Weg der Grimm‘schen Märchen zum tschechischen Leser. Zunächst nämlich erschienen sie auf Deutsch und waren mit einem Wörterbuch versehen. Die Bedeutung des Tschechischen äußert sich darin, dass sie meist auch mit einem tschechischen Titel versehen wurden, vgl. Weselá Přástevnice aneb Rozmanité wyprawowání čili Pohádky dle Grimmových báchorek. Od Frant. Boh. Tomsy [Muntere Spinnereien oder Allerlei Erzählungen resp. Märchen nach den Märchen der Brüder Grimm. Von Frant. Boh. Tomsa] herausgegeben in den Jahren 1833, 1835 und 1837. Ausgaben dieser Art hatten bald eine gewisse Tradition. Zu ihnen zu rechnen ist auch Výbor čtrnácti pohádek bratří Grimmů. Vydal a vykladem opatřil František Šubert [Vierzehn ausgewählte Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm. Herausgegeben und erläutert von František Šubert] aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei fand sich auf der Titelseite nicht selten vermerkt, dass der Herausgeber zugleich auch als Gymnasiallehrer tätig war, ein Hinweis darauf, dass die Grimmschen Texte auch im Unterricht eingesetzt wurden.

Der gestiefelte Kater; Illustration von Carl Offterdinger Zur gleichen Zeit erschienen in den böhmischen Ländern die Märchen von Karel Jaromír Erben und Božena Němcová. Diese Werke gelten bis heute als Kostbarkeit der tschechischen Nationalliteratur. K.J. Erben (1811-1870) ging, ganz ähnlich wie die Brüder Grimm, von einem mythologischen Ursprung der Märchen aus; daher erinnern seine Texte in manchem auch an die der Grimms. Tschechische Märchen veröffentlichte Erben zunächst einzeln, und zwar schon seit Mitte der 1840er Jahre. Das erste Märchen, das er von den Brüdern Grimm übernahm, um es in tschechischer Sprache zu publizieren, ist ebenjenes, das der heutige Leser unter dem Titel O třech přadlenách [Von den drei Spinnerinnen] kennt. Erben hat auch Volksmärchen anderer slawischer Völker gesammelt, doch in der Hauptsache widmete er sich der Vorbereitung einer Gesamtausgabe tschechischer Märchen, zu der es leider erst nach seinem Tod kommen sollte. Václav Tille gab diese Sammlung 1905 unter dem Titel Erbenovy české pohádky [Erbens tschechische Märchen] heraus. Die Märchen von Božena Němcová (1820-1862), auch sie zum Teil inspiriert von den Brüdern Grimm, erschienen 1845/1846 in insgesamt sieben Heften unter dem Titel Národní báchorky a pověsti [Märchen und Sagen des Volkes].

Übersetzungen der Grimmschen Märchen

Die erste Nachdichtung der Grimmschen Märchen in tschechischer Sprache erschien – mit unklarer Datierung Ende des 19. bzw. Beginn des 20. Jahrhunderts – unter dem Titel Dětské pohádky: dle sbírky bratří Grimmů [Kindermärchen: nach der Sammlung der Brüder Grimm]. Als eine der ersten Übersetzungen im heutigen Sinne kann die von Pavla Wenigová 1929 besorgte Auswahl O Palečkovi a jié pohádky [Vom Däumling und andere Märchen] gelten. Ab den 1930er Jahren erschienen zahlreiche weitere Übersetzungen; zu den bedeutendsten gehört Děti pana Boha [Die Kinder Gottes] von Julie Fučiková (1942); genannt werden müssen aber auch die Německé pohádky [Deutsche Märchen] von Helena Helceletová (1961), und die Pohádky bratří Grimmů [Märchen der Brüder Grimm] in der Übersetzung von Marie Kornelová (1976). Neben den Gesamtausgaben liegen Auswahlbände vor, die sich auf einen bestimmten Märchentypus der Sammlung beschränken. Immer wieder auch werden einzelne Märchen als selbständige Publikation herausgegeben, sei es in einer Bearbeitung für ganz junge Leser oder als Bilderbuch. Die Namen der Übersetzer sind meist dieselben, gegebenenfalls werden bestehende Übersetzungen sprachlich behutsam aktualisiert; als Referenzübersetzung kann die von Julie Fučíková gelten.

Die Märchen der Brüder Grimm üben auf Jungkünstler wie renommierte Maler eine gleichermaßen magnetische Wirkung aus. Unter denen, die sich der Herauforderung gestellt haben, sind namhafte Illustratoren wie Jiří Trnka und Adolf Born; größter Beliebtheit bei den Kindern erfreuen sich auch die Bilder von Helena Zmatlíková. Die Tschechische Nationalbibliothek in Prag verzeichnet heute in ihren Fonds 131 verschiedene Ausgaben der Grimm‘schen Märchen.

Verfilmungen

Aschenputtel; Illustration von Alexander Zick Die Märchen der Brüder Grimm dienten immer wieder auch als Vorlage für Hörfunk-, Fernseh- und Filmbearbeitungen. Berücksichtigen wir nur die abendfüllenden Filme, die dem Sujet möglichst genau folgen und den Gesamtcharakter der Vorlage wahren, so lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Die erste umfasst diejenigen Verfilmungen, die durch eine ungewöhnliche Präsentation der Geschichte bezaubern, die Zuschauer in vielen Ländern aber auch durch die musikalische Gestaltung, Kameraführung und die schauspielerische Leistung für sich zu begeistern wissen. Paradebeispiel ist hier Tři oříšky pro Popelku [Drei Nüsse für Aschenputtel] (1973), eine Koproduktion von Tschechoslowakei und DDR unter der Regie von Václav Vorlíček. Aber auch das 1977 nach Motiven aus Dornröschen entstandene Jak se budí princezny [Wie man Prinzessinnen weckt] gehört hierher. Diese zwei Verfilmungen erfreuen sich beim Publikum größter und dauerhafter Beliebtheit.

Die zweite Gruppe von Märchenfilmen lehnt sich enger an die Vorlage an. Die filmische Umsetzung zeigt hier sozusagen mehr Mut zur Wahrung des „Grimmigen“, ihre Poetik ist düsterer und dramatischer als die tschechische Poetik, die einen heiteren, farbenfrohen Erzählstil bevorzugt, vom Witz lebt und hie und da durchaus der Karikatur zuneigt. Eine der großen dramatischen Märchenverfilmungen ist zweifellos Jezerní královna [Die Seekönigin], eine tschechisch-deutschen Koproduktion von 1993, abermals unter der Regie von Václav Vorlíček. Die Märchenverfilmungen der ersten Gruppe können sicherlich den größeren Erfolg beim Publikum für sich geltend machen. Ihre Poetik knüpft an die Tradition der tschechischen Märchenpoetik an, die mit Stoff, Thema und Motiven im Vergleich zu den deutschen Märchen „freier“ verfährt. Das Dunkle, das die Märchen mit den Mythen verbindet, liegt ihnen fern; sie schlagen sich eher auf die hellere Seite von Humor, Gewitztheit und Lied.

Zwischen den tschechischen und deutschen Märchen gab und gibt es vielerlei enge Verbindungen; das hängt mit der Geschichte der beiden Kulturen zusammen. Die Grimm‘schen Märchen sind für jeden tschechischen Liebhaber dieses Genres nach wie vor unverzichtbar und dürfen in seiner Bibliothek nicht fehlen. Ihr Reiz liegt einerseits in ihrer Vielgestaltigkeit, andererseits aber auch in jenen allgemeinen archetypischen Grundstrukturen, die jeden Leser - egal wie alt er ist oder aus welchem Land er kommt -unmittelbar ansprechen. Gerade diese universelle überzeitliche Gültigkeit lässt zu Recht vermuten, dass gewisse Verbindungen zwischen den Grimm‘schen und den tschechischen Märchen auch in der Zukunft für beide Kulturen nicht an Bedeutung verlieren.

Download SymbolGrimm in der Bibliothek des Goethe-Instituts

PhDr. Tamara Bučková, Ph. D.
ist am Lehrstuhl für Germanistik der Pädagogischen Fakultät der Karlsuniversität tätig. Die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur ist einer der Schwerpunkte ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit.

Übersetzung: Kristina Kallert

Copyright: Goethe-Institut, Prag
Juli 2012

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