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Der die Reparatur restauriert

Reparaturarbeit im R.U.S.Z. - Foto (CC BY-ND 3.0 DE): Schiffer/R.U.S.Z.

Der die Reparatur restauriert

Im Wiener Reparatur- und Service-Zentrum werden Erwerbslose ausgebildet und stellen Elektrogeräte wieder her. Gründer Sepp Eisenriegler initiiert unermüdlich Reparatur-Projekte.

Geschirrspülkörbe. Waschmaschinentrommeln. Stoßdämpfer. Elektromotoren. Keilriemen. Radioröhren. Computerfestplatten. SchraubenSchraubenSchrauben. Im Keller des Reparatur- und Service-Zentrums (RUSZ) in Wien-Penzing präsentieren sich auf 600 Quadratmetern, fein säuberlich sortiert, um die 25.000 Ersatzteile. Die rund 40 Beschäftigten des RUSZ greifen immer wieder in die Regale, um kaputte Elektro(nik)geräte zu reparieren.

Mitten im Technikwirrwarr steht wie ein Fels in der Brandung: Sepp Eisenriegler. 60 Jahre alt, sportliche Kleidung, selbstbewusst. Der von ihm 1998 gegründete Betrieb „repariert Maschinen und Menschen“, erklärt er mit freundlich-sonorer Stimme. Frühere Langzeiterwerbslose und Behinderte werden hier zu gesuchten Mechatronikern ausgebildet. Der Radiomechaniker Horst Skribek etwa, „Baujahr 1956“, der Nostalgieradios wieder flott macht. Oder der Elektroniker Mahmut Hassan aus dem Irak, der an Waschmaschinen schraubt. Auf Kundenwunsch erledigen die zumeist männlichen Beschäftigten Reparaturen auch direkt vor Ort.

Im Betrieb geht es familiär zu, der Chef ist beliebt, und gerade wird eine erste Gemeinwohlbilanz im Sinne der Gemeinwohlökonomie erstellt. Das beachtliche Ergebnis des Zentrums nach 15 Jahren: 300 Langzeitarbeitslose auf unbefristete Stellen vermittelt, rund 15.000 Tonnen problematische Abfälle, Unmengen an Treibhausgasen vermieden sowie zumindest in Teilen der Gesellschaft eine Renaissance der Reparatur eingeläutet.

Sollbruchstellen im Wegwerfkapitalismus

Sepp Eisenriegler, früher Lehrer und Umweltberater, verspürte „schon immer einen Drang zur Weltrettung“, doch zur Gründung des RUSZ bedurfte es noch eines Schlüsselerlebnisses. Als eines Tages sein Geschirrspüler streikte, riet ihm ein mürrischer Techniker vom Kundendienst, gleich einen neuen zu kaufen, und forderte obendrein 90 Euro Servicegebühr. Dabei war nur ein Schlauch verstopft. Damals habe er beschlossen, erzählt der Sozialunternehmer, den Kundendiensten als „verlängertem Arm der Verkaufsabteilung“ etwas entgegenzusetzen: das RUSZ.

Billigproduzenten liefern nach seiner Beobachtung heutzutage absichtlich schlechte, weder aufschraub- noch reparierbare Waren, die nach kurzer Zeit durch Neukäufe ersetzt werden müssen und auf wilden Schrottplätzen weltweit Menschen und Umwelt vergiften. Händler hätten ihm erzählt, dass sie bis zu einem Drittel der angelieferten chinesischen Produkte wegen Minderqualität „sofort wegschmeißen“. Handys und Laptops sind wegen verschweißter Akkus nicht reparabel; moderne Kühlgeräte ebenfalls nicht; fast volle Druckerkartuschen zeigen an, sie seien „leer“.

Belege für bewusste Fehlproduktionen zeigt auch der arte-Film Kaufen für die Müllhalde von Cosima Dannoritzer, der Eisenriegler 2011 sehr beeindruckte. Seitdem hat der kämpferische Kritiker des „Wegwerfkapitalismus“ dafür gesorgt, dass die „geplante Obsoleszenz“ – so der Fachbegriff für eingebaute Sollbruchstellen – zu einem Riesenthema in Österreichs Medien wurde. Einem ersten Bericht im LebensArt-Magazin von Eisenrieglers früherer „Umweltberatung“ folgten in den letzten zwei Jahren rund 250 weitere Beiträge in den verschiedensten Medien der Alpenrepublik. Geplante Obsoleszenz verursache jährlich 1.700 Euro Schaden für jeden Österreicher, schrieb etwa die Kronenzeitung. Die Bevölkerung reagierte empört.


  • Sepp Eisenriegler im Verkaufsraum der R.U.S.Z. - © Stickler

  • Ersatzteile sind das A und O der Raparatur. © Stickler

  • Die geplante Obsoleszenz hat ihre Rechnung ohne die geschickten Hände der Techniker des R.U.S.Z. gemacht. Foto (CC BY-SA): Adelsberger/R.U.S.Z.

Billig lohnt nicht

Auch Billigwaschmaschinen haben oftmals eine Schraube locker. „Designed to break“, nennt Sepp Eisenriegler das. Als Sollbruchstellen dienen die Stoßdämpfer. Die sind so schwach konstruiert, dass Kugellager und Lagersitz der Trommel kaputtgehen. Eine neue Wascheinheit, bestehend aus Lager, Bottich und Trommel, kostet jedoch genauso viel wie eine neue „Wegwerfwaschmaschine“. Billig lohne nicht, lautet der Rat des Sozialunternehmers, denn „pro 100 Euro funktioniert Ihre Waschmaschine ein Jahr länger.“

1998, als das RUSZ startete, habe ein Gerät durchschnittlich zwölf Jahre lang Wäsche gewaschen, bei heutigen Maschinen sind kaum mehr als sechs Jahre Standard. Das Zentrum bietet deshalb auch „Waschmaschinen-Tuning“ an: Durch veränderte technische Einstellungen laufen Altmaschinen länger und verbrauchen gleichzeitig weniger Strom und Wasser. Vor Neukäufen aus Energiesparerwägungen warnt Eisenriegler heftig, das lohne sich erst ab einer Laufzeit von etwa 20 Jahren. Verschrottungsprämien seien „Schrott“.

Von Enttäuschungen und Erfolgen

Eine weitere Erfolgsstory des RUSZ war 2005 und 2006 die „Wundertüte“: die weltweit erfolgreichste Handysammlung, die das Zentrum zusammen mit dem Radiosender Ö3 und der Caritas initiierte. Der Sozialverband entschied sich allerdings, die Kooperation nicht fortzusetzen, sondern das Geschäft allein weiterzuführen – was Eisenriegler sehr enttäuschte. Überhaupt muss er immer wieder kämpfen, um seine Projekte fortsetzen zu können. Als 2007 der Wiener Arbeitsmarktservice seine Aufträge zur Integration von Langzeiterwerbslosen einstellte, musste Eisenriegler das RUSZ privatisieren und in einen Verein zur Förderung der Sozialwirtschaft umwandeln.

Doch das hält den mit mehreren Umweltpreisen Ausgezeichneten offenbar nicht auf. Ständig schraubt er neue Projekte zusammen: etwa das wienweite ReparaturNetzwerk mit seinen 60 kleingewerblichen Mitgliedsbetrieben oder das Wiener Demontage- und Recycling-Zentrum D.R.Z. mit 60 Beschäftigten und einer „TrashDesignManufaktur“. Seit 2007 fungiert Sepp Eisenriegler als Präsident des Europäischen Dachverbandes sozialwirtschaftlicher Re-Use-Betriebe (RREUSE) und lobbyierte erfolgreich in Brüssel, um in der neuen EU-Abfallrichtlinie die Förderung von Reparaturnetzwerken unterzubringen.

Seine neueste Idee heißt schraube14 – RepCafé: Unter Anleitung von Fachleuten können Laien seit November 2013 jeden Donnerstagnachmittag in den Räumen des RUSZ ihre defekten Geräte selbst wieder flott machen. „Reparaturcafés sind Keimzellen für Kapitalismuskritik und gutes Leben“, findet Eisenriegler. Werkzeug und Kaffee gibt es gratis. Allerdings ohne Kapseln: Die verursachten schließlich rund drei Gramm Abfall pro Tasse.

    Zur Geschichte

    Juli 2014
    Material
    Österreich, Wien

    Reparatur- und Service-Zentrum RUSZ

    Autorin

    Ute Scheub
    ist Publizistin und Mitbegründerin der tageszeitung und von www.visionews.net. Sie veröffentlichte bislang 13 Bücher, zuletzt gemeinsam mit Annette Jensen Glücksökonomie - Wer teilt, hat mehr vom Leben.

    Partner

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