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Den Laden im DORV lassen

DORV-Zentrum Barmen. Foto (CC BY-NC-ND 3.0 DE): DORV UG

Den Laden im Dorv lassen

Der Lehrer Heinz Frey hat das Ladensterben mit neuen Dorfzentren gestoppt – zuerst in seinem Heimatdorf, dann in weiteren Dörfern, Stadtteilen und sogar Bahnhöfen.

Heinz Frey ist Dorfretter. Der fröhliche Rheinländer – 59 Jahre alt, offener Blick unter grauen Augenbrauen und über grauem Bart – sorgt über neuartige Tante-Emma-mit-Computer-Läden bundesweit dafür, dass Dörfer und Stadtteile nicht ihre Treffpunkte und damit ihre Seele verlieren. DORV – so heißt die von ihm gegründete Initiative, das steht für „Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung“.

Heinz Freys Heimatdorf zwischen Jülich und Aachen heißt Barmen, und auch dort war es zum Gotterbarmen. Als in den 1980er- und 1990er-Jahren große Supermärkte und Discounter in der Nähe entstanden, schloss ein Laden nach dem anderen: acht Lebensmittelhändler, ein Bäcker, zwei Metzger, die Sparkassenfiliale und mehrere Gaststätten. Für die rund 1.300 Dorfbewohner gab es keinen Treffpunkt mehr, keinen Ort zum Plauschen. Wer Brötchen kaufen wollte, musste mit dem Auto nach Aldenhoven, Linnich oder Jülich kutschieren. „Wie soll das werden, wenn die Alten nicht mehr fahren können?“, schoss es Heinz Frey durch den Kopf.

Der parteilose Stadtrat und Lehrer begann zu rödeln. Setzte sich mit einem Anwalt und einem Steuerberater zusammen, besah sich Dorfläden anderswo, rechnete Konzepte durch. Er erfuhr dabei auch, dass bundesweit rund acht Millionen Menschen kein Lebensmittelgeschäft mehr zu Fuß erreichen können, weil die großen Handelsketten unter einem Einzugsgebiet von etwa 4.000 Menschen Filialen schließen. 2003 gründeten sie den DORV-Verein, mit bald 150 Mitgliedern, und kratzten über Bürgeraktien 100.000 Euro Startkapital zusammen. 2004 eröffneten sie in der leeren Sparkassenfiliale ihren Laden mit Dienstleistungen und Rundumversorgung – inzwischen schreibt ihre GmbH sogar einen kleinen Gewinn und zahlt die Bürgerkredite zurück.

Lebensqualität und Werte erhalten

Zwei Festangestellte und fünf Teilzeitkräfte verkaufen vorwiegend „Tägliche Frische“ von einem Landwirt aus der Region und halten Schwätzchen mit ihren Kunden, ob jung oder alt. Es gibt ein Café mit Internetanschluss, Fax und Kopierer, einen Geldautomaten, Versicherungs- und Reiseangebote, Auto-Anmeldungen oder Zeitungsannoncen. „Eine Aufwärtsspirale ist entstanden“, freut sich Frey, der neben dem Zahnarzt auch den Hausarzt ins DORV holte. 2009 wurde das DORV-Zentrum mit dem Robert-Jungk-Preis Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet, es folgten weitere Preise.

Ein DORV-Zentrum sollte seiner Erfahrung nach möglichst auf fünf Säulen stehen: Lebensmittel, Dienstleistungen, sozialmedizinische Versorgung, Kulturangebote und Kommunikation. Die Wortschöpfung „Nahv@rsorge“ ist einer seiner Lieblingsbegriffe – die bringt auf den Punkt, was ihm am Herzen liegt. Vorsorge gegen das Dörfersterben, Versorgung für die Menschen dort. Vorsorge auch dafür, dass Ältere so lange wie möglich zu Hause – in ihrer gewohnten sozialen Umgebung – leben können statt in Heimen. „Das macht sie glücklich und spart der Gesellschaft viel Geld“, ist der 59-Jährige überzeugt. Das DORV-Konzept der Nahversorgung biete weit mehr als nur Lebensmittel, nämlich den Erhalt von Lebensqualität im Zeichen des demographischen Wandels, den Erhalt von Immobilienwerten und Infrastruktur.

Ortsnah – in der gesamten Republik

Was Wunder, dass DORV von Anfragen geradezu überrannt wird. Frey, als Fellow der Ashoka-Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen zurzeit vom Lehrerberuf freigestellt, hat deshalb eine eigene Beratungsfirma gegründet und baut nun Regionalbüros in der gesamten Republik auf. Sein Team ist in mehr als 50 Dörfern aktiv. 2007 eröffnete das zweite DORV-Zentrum nach Barmer Vorbild in Pannesheide unweit von Aachen, zuletzt wurde im November 2013 ein neues DORV im badischen Eisental – mit Mittagstisch und Einkaufsservice – eingeweiht. 2014 sind im brandenburgischen Seddin und im mecklenburgischen Grambow weitere Zentren an den Start gegangen. „Ohne Machbarkeitsstudie geht es nicht“, weiß Frey, denn die lokalen Bedingungen seien in höchstem Maße unterschiedlich: „Jedes Zentrum muss betriebswirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen können. Dazu bedarf es einer ganz individuellen Ausgestaltung, eben nach den Wünschen der Bürgerinnen und Bürger.“

Inzwischen hat DORV seine Tätigkeiten sogar auf Stadtquartiere und Bahnhöfe ausgeweitet. „Die haben doch ganz ähnliche strukturelle Probleme“, sagt Frey. Mitten in der Kreisstadt Düren gibt es nun ein DORV-Quartier oder QuartVier, im Stollberger Bahnhof ist ein SerVicePunkt in Umsetzung. Und über den Bundesverband der Regionalbewegung und dessen Internet-Plattform wird eine deutschlandweite Vernetzung aller Dorfladeninitiativen und Akteure im Bereich der Nahversorgung organisiert.

Ohne die aktive Einbeziehung der Bürger und Bewohnerinnen gehe es nicht, davon ist der Träger des Bundesverdienstkreuzes Heinz Frey überzeugt. Und auch in einem Positionspapier der Regionalbewegung wird festgehalten: „Kann die Bevölkerung in einer Gemeinde dafür nicht gewonnen werden, hat ein neues Nahversorgungszentrum keine Chance auf eine nachhaltige Umsetzung, sondern wird in der Regel mit Versiegen einer anfänglichen finanziellen Förderung wieder geschlossen.“ Damit das nicht passiert, versuchen DORV und Regionalbewegung stets, zusammen mit den Dorfbewohnern eine „neue Dorfmitte“ zu schaffen: ein multifunktionales Zentrum, das Laden, Café, Internet, gewerbliche und haushaltsnahe Dienstleistungen aller Art an einem Ort bündelt. Sogar mit Bestattungsservice, wenn es sein muss. Damit die Menschen irgendwann in Ruhe sterben können, aber die Dörfer am Leben bleiben.

    Zur Geschichte

    Juli 2014
    Gemeinschaft
    Deutschland, Jülich

    DORV Zentrum

    Autorin

    Ute Scheub
    ist Publizistin und Mitbegründerin der Tageszeitung und von www.visionews.net. Sie veröffentlichte bislang 13 Bücher, zuletzt gemeinsam mit Annette Jensen Glücksökonomie – Wer teilt, hat mehr vom Leben.

    Partner

    FUTURZWEI

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