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Dem ein Licht aufgeht

Niels van Lingen, Geschäftsführer Thermiq. Foto (CC BY-NC-ND): ThermIQ

Dem ein Licht aufgeht

Mit Infrarotpaneelen lässt sich gezielt und energiesparend heizen. Für ihre Verbreitung brennt Unternehmer Niels van Lingen.

Als Niels van Lingen noch ein Kind war, gehörte das Gelände der Speditionsfirma seines Vaters in Schiedam bei Rotterdam zu seinen Lieblingsspielplätzen. Staunend beobachtete der 1977 geborene Niederländer, wie die Laster anrückten, um mit Baumaterialien beladen wieder auszuschwärmen.

Geschäftssinn und soziales Gewissen vereinbaren

Sein Vater hatte das 1880 gegründete Familienunternehmen in sechster Generation übernommen, mit 150 Mitarbeitern und Niederlassungen in Belgien und England. „Natürlich war ich unglaublich stolz auf meinen Vater”, erzählt Niels. Und natürlich seien alle davon ausgegangen, dass er als einziger Sohn den Betrieb in siebter Generation weiterführen würde.

Doch nach seinem BWL-Studium begann der junge Mann zu zweifeln. Einfach nur ein erfolgreiches Unternehmen weiterführen, das reichte ihm nicht. Den Geschäftssinn hatte er von seinem Vater geerbt, zweifellos. Aber da gab es auch noch seine Mutter, eine Grundschullehrerin. Die hatte immer ein sehr stark ausgeprägtes soziales Bewusstsein gehabt. „Deshalb wollte ich in meinem Leben etwas machen, bei dem ich beide Komponenten vereinbaren konnte.”

Sein Vater zeigte Verständnis: „Wenn du zweifelst, lass es bleiben!”, riet er seinem Sohn. Schließlich war die Konkurrenz im Speditionsgeschäft gnadenlos und der Job sehr hart, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das geht nur, so wusste van Lingen Senior, wenn der Beruf auch Berufung ist.

Behagliche Wärme von oben

Die hat sein Sohn inzwischen gefunden: „Per Zufall!”, erzählt Niels lachend. Während eines Krankenhausbesuches fühlte er eine behagliche Wärme, die von oben kam und ihn angenehm umhüllte. Er schaute zur Decke und sah eine viereckige Platte. „Was ist denn das?”, erkundigte er sich erstaunt. Es war ein Infrarotpaneel, also eine Heizung, die nicht wie sonst üblich die Luft aufheizt, sondern mit Lichtstrahlen wärmt, ähnlich wie die Sonne. Niels horchte auf. Licht statt Luft zum Heizen, das war neu. Und obendrein nachhaltig, denn die Lichtheizung braucht keine fossilen Brennstoffe wie Gas, Öl oder Kohle. Der junge Mann wusste sofort: Da war er, der Mehrwert, nach dem er gesucht hatte! „Ich würde nicht einfach nur ein Unternehmen gründen, ich würde auch meinen Teil zur Rettung dieses Planeten beisteuern können.”

Umsteigen von Luft auf Licht

Nun hatte er eine Mission: den Konsumenten dazu bewegen, beim Heizen von Luft auf Licht umzusteigen. Auch ein Motto hat er bereits gefunden: „Shift happens“.

Als erstes vertiefte er sich in die Materie und baute einen Mitarbeiterkreis aus Wissenschaftlern und Expertinnen auf. Dann erstellte er einen Geschäftsplan und suchte Sponsoren. Zunächst unter den drei Fs, wie er es selbstironisch nennt: „family, friends and fools”.

Schließlich fand er eine Bank, die bereit war, in seine Firma zu investieren – in Deutschland. Dort, so musste er feststellen, „stehen Banken grünen Technologien offener gegenüber als bei uns in den Niederlanden”. Viel leichter sei es gewesen, einen Namen für seine 2009 gegründete Firma zu finden: ThermIQ. „Weil es um schlaue, um intelligente Wärme geht.”

Denn mit Lichtstrahlen lässt sich ganz gezielt heizen, zum Beispiel nur der Arbeitsplatz oder die Sofaecke, in der man liest. Wer hingegen konventionell mit warmer Luft heizt, muss das gesamte Volumen eines Raumes füllen, da warme Luft bekanntlich nach oben steigt. Mit der Folge, dass es unter der Decke am wärmsten ist – „dort, wo in der Regel kein Mensch sitzt.”

Bis zu 70 Prozent weniger Energieverbrauch

Mit einer Infrarotheizung lässt sich der Energieverbrauch um bis zu 70 Prozent senken. Und die Kosten immerhin um bis zu 30 Prozent: „Die Lichtstrahlen werden durch Strom erzeugt, und der kostet in der Regel mehr als Gas. Deshalb sind es nur 30 Prozent Kostenersparnis.” Selbstverständlich rät Niels van Lingen seinen Kunden, auf grünen Strom umzusteigen, „aber das entscheidet jeder selbst.”

Ein 60 mal 60 Zentimeter großes Infrarotpaneel kostet circa 350 Euro; mit ihm lassen sich etwa 12 Quadratmeter wärmen. Wer in einem 60 Quadratmeter großen Apartment beim Heizen von Luft auf Licht umsteigen will, muss rund 2.500 Euro investieren, Einfamilienhausbesitzer um die 6.000 Euro. „Am besten beim Renovieren oder gleich beim Bauen. Und natürlich dann, wenn der Heizkessel kaputt geht.”

Jährliche Verdopplung der Produktion

Noch heizt nur ein Bruchteil aller Haushalte mit Infrarotlicht. Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, die Konkurrenz ist groß. Die Formel für die ThermIQ-Paneele wird deshalb genauso geheim gehalten wie die Ingredienzen von Coca-Cola: „Wir haben noch nicht einmal ein Patent angemeldet, dann hätten wir zu viel preisgeben müssen.”

In acht europäischen Ländern vertreibt ThermIQ inzwischen seine Infrarotpaneele. Bislang hat sich die Produktion jährlich verdoppelt. Auch die ersten Supermarktketten beginnen, mit Licht zu heizen: In den Filialen einiger Jumbo- und Albert Heijn-Märkte in den Niederlanden ist über den Kassen ein Heizpaneel angebracht. Die Kassierer und Kassiererinnen können selbst einstellen, wie warm sie es haben wollen – „während der Rest des Ladens und mit ihm die Waren kühl bleiben”, freut sich Niels van Lingen.

Und was ist mit seinem Vater?

Der platze nicht nur vor Stolz über seinen Sohn, sondern ist mit eingestiegen und Stellvertretender Geschäftsführer von ThermIQ. Um wie schon als Spediteur 24 Stunden am Tag zu arbeiten, sieben Tage pro Woche. Wie es sich gehört, wenn der Beruf zugleich Berufung ist.

    Zur Geschichte

    Oktober 2014
    Energie
    Niederlande, Schiedam

    ThermIQ

    Autor

    Kerstin Schweighöfer
    arbeitet als freie Benelux-Auslands-Korrespondentin für deutsche Medien in den Niederlanden. Sie berichtet u.a. für die ARD Hörfunkanstalten, den Deutschlandfunk, FOCUS und das Kunstmagazin art.

    Partner

    Stichting Urgenda

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