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Literatur am Stadtrand

Foto: Tânia Caliari

Literatur am Stadtrand

Die Kulturkooperative der Peripherie bringt Gedichte in eines der gewalttätigsten Viertel von São Paulo.

An einer Straßenkreuzung in Chácara Santana, einem der ärmsten Viertel der Südzone von São Paulo, springt die Bar von Zé Batidão ins Auge. Das Lokal hebt sich von der Umgebung ab, weil es auf einem erhöhten Eckgrundstück errichtet wurde. Dort finden die Lyrikveranstaltungen der Kulturkooperative der Peripherie (Cooperativa Cultural da Periferia – Cooperifa) statt. Es ist Dienstagabend: Seit dem späten Nachmittag verwandelt sich die Bar in so etwas wie ein Kulturzentrum. Ein paar Leute machen einen Soundcheck, andere dekorieren die Bar oder melden sich an, um Gedichte und Texte vorzutragen. Der Sarau da Cooperifa findet statt – eine Abendveranstaltung der Kooperative.

Die tiefe Stimme von Sergio Vaz, Dichter und kultureller Agitator, eröffnet den Leseabend. Er weist das Publikum darauf hin, dass Stille für die Vorträge des Abends eine essenzielle Bedeutung hat, und ruft die erste Dichterin nach vorne. Luciana Silva trägt ein Gedicht über den Regen und die Kindheit vor. Dann deklamiert Kennyaata ein gesellschaftskritisches Gedicht im Rap-Rhythmus über die Quilombos [Siedlungen geflohener schwarzer Sklaven], das viele Verweise auf Afrika enthält. Der Dichter Casulo kommentiert auf poetische Weise Fußball und mischt am Ende seines Vortrags den Stil anerkannter Autoren mit Marginaler Literatur. Mehr als 30 Personen haben sich an diesem Abend zum Vortrag angemeldet.

Die Arbeit vieler Jahre

Wenn man sieht, wie der Leseabend wie von alleine läuft, die Gedichte ihre Kraft entfalten, erweckt es den Anschein, dass solch eine Kulturinitiative einfach ins Leben zu rufen ist. Doch der Sarau der Cooperifa ist das Ergebnis einer 14 Jahre langen Aufbauarbeit in einem der Peripheriegebiete von São Paulo, das am meisten unter Armut, Gewalt und fehlender Bildung leidet. Die Quote von Schulabbrüchen in den Sekundarschulen erreicht in der Region 10,5 Prozent. „Wir haben die Dichtung und den Sarau [Leseabend] neu auf die Agenda von São Paulo gesetzt und das von der Peripherie aus – einer Bar –, weil es hier kein Kino, kein Theater und auch keine Bibliothek gibt“, erklärt Sérgio Vaz, der die Cooperifa zusammen mit einer Gruppe von Freunden in Taboão da Serra, einer Stadt im Großraum São Paulo, gründete. Sie starteten mit einer Reihe von Veranstaltungen mit Musik, Malerei, Theater und Literatur, die sie anfangs in der Halle einer verlassenen Fabrik organisierten.

Nach vier Vorstellungen wurden sie von den Eigentümern aus der Halle geworfen. „Wir zogen dann in eine Bar in Taboão um. Dort stellte ich fest: Wo auch immer es ein offenes Mikrofon gibt, kommen die Leute früher oder später, um mitzumachen“, sagt Vaz. Die Bar wurde aber verkauft, und wieder hatten sie keinen Ort, um ihre Gedichte vorzutragen. In dieser Situation erinnerte sich Vaz an die Bar in Chácara Santana, die seinem Vater gehört hatte und jetzt im Besitz eines Freundes, Zé Batidão, war. Vaz nahm sein Projekt dorthin mit, und die Cooperifa vergrößerte sich. Die Gruppe fing an, Filme auf dem Dach der Bar vorzuführen, das Cine na Laje [Kino auf dem Dach], nahm Kontakte zu Schulen auf, wo sie ihren Sarau präsentieren, rief das Projekt Chuva de Livros [Bücherregen] ins Leben, das Partner für Bücherspenden sucht, und initiierte eine jährliche Kulturausstellung, die auf großes Interesse stößt.

Kontrapunkt zur Gewalt

1996 bezeichneten die Vereinten Nationen Jardim Angela, das Nachbarviertel von Chácara Santana, als das gewalttätigste städtische Gebiet der Welt: mit 98 Morden pro 100.000 Einwohner – eine Rate, die 2001 auf 123 anstieg, aber in den vergangenen Jahren auffallend gesunken ist, auch wenn in der Region extreme Gewalt weiterhin an der Tagesordnung ist.

Der Rapper Cocão hat sich den Namen der Cooperifa auf den Arm tätowieren lassen. „Ich kann nicht einmal alle Fortschritte nennen, die ich gemacht habe, seit ich hierhergekommen bin“, sagt der Musiker, der in den gewalttätigen 1990er-Jahren bereits seine eigenen Rap-Songs komponierte und mithilfe eines Kassettenrecorders und Tonbändern aufnahm. Seine Themen waren die der Straße: Tote und Gangs. Ein Freund erzählte ihm von dem Sarau der Cooperifa. „Sarau? Dichtung?“, fragte er verwundert. Er ging hin, um sich selbst ein Bild zu machen. „Ich war beeindruckt. Sah, dass der Sarau verschiedene Themen hatte: Einige sprachen über den Arbeiter, andere von der Liebe, von Träumen, dem schwierigen Alltag und auch von der Gewalt”, erzählt der Rapper, der heute an vorderster Front der Cooperifa steht und dort „das Mädchen für alles“ ist. Er gönnt sich keine Sekunde Pause, bevor der Sarau beginnt, probt den Sound, das Licht, stellt Tische und Stühle auf.

Offener Raum für jeden Geschmack

Lu Sousa ist ebenfalls in der Leitung der Cooperifa. Die Lehrerin und Dichterin hat den Sarau schon in Jugendhaftanstalten organisiert. „An diesen Orten, glauben Sie mir, lesen und schreiben die Leute sehr viel. Es ist eine Form, die Freiheit zu finden.“ Sie erzählt weiter: „Am Anfang habe ich mich für meine eigenen Gedichte geschämt. Die waren Zuckerwasser im Vergleich zu den starken Gedichten, die hier vorgetragen werden. Aber der Raum ist so demokratisch, dass ich mir schließlich ein Herz gefasst habe, mich zu präsentieren“.

Lu Sousa war neben Cocão, Sergio Vaz und anderen Mitgliedern der Cooperifa im April 2014 Gast der 40. Internationalen Buchmesse in Buenos Aires. Und der Sarau in der Bar von Zé Batidão wurde von dem deutsch-französischen Publizist und ehemaligen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit gefilmt, der sich während der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien aufhielt, um einen Dokumentarfilm über das Land zu drehen.

„Wir haben diese Anerkennung aus dem Ausland. Aber häufig schockieren wir die Akademiker und Literaten hier vor Ort. Uns ist schon gesagt worden, dass das, was wir machen, keine Literatur sei. Aber wir müssen niemanden um Erlaubnis bitten, um Gedichte zu schreiben“, stellt Vaz klar.

    Zur Geschichte

    Mai 2015
    Gemeinschaft
    Brasilien, São Paulo

    Cooperifa

    Autorin

    Tânia Caliari
    ist Journalistin. Sie lebt und arbeitet in São Paulo.

    Übersetzer

    Timo Berger

    Auf Portugiesisch

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