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Dringende Warnung

Sitftung Urgenda© Stiftung Urgenda

Dringende Warnung

Weil das Klima auf die Politik nicht wartet, verändert Marjan Minnesma die Welt eben selbst. Mit ihrer Stiftung Urgenda drängt sie auf die Energierevolution.

Sonne, Sand, Sommerurlaub – das ist das Erste, was viele mit Texel verbinden. Doch die 14.000 Bewohner der niederländischen Watteninsel wollen sich auch auf einem anderen Gebiet profilieren: Bis 2020 soll Texel energieneutral sein. Dann will sich die Insel, was Strom- und Gasleitungen betrifft, sozusagen vom Festland abgenabelt haben.

Ich bin es schon!”, freut sich Peter Bakker und deutet stolz auf die Urkunde in seinem Gang: „Erstes energieneutrales Haus von Texel.” Seinen Heizungskessel hat der Niederländer abmontiert, stattdessen Sonnenpaneele auf dem Dach installiert und eine Wärmepumpe. Auch den Gashahn konnte er zudrehen: „Ich jedenfalls bin von Putin nicht mehr abhängig!”

Mit Tatkraft zur Neutralität

Zu verdanken hat er das Marjan Minnesma, Direktorin von Urgenda. Mit dieser Stiftung arbeitet die Watteninsel zusammen, um ihr ehrgeiziges Ziel zu erreichen. Denn Minnesma – groß, blond und sehr engagiert – gilt als wichtigste Nachhaltigkeitsaktivistin der Niederlande. In einer ersten Phase animiert sie auf Texel 20 Hausbesitzer dazu, ihre Eigenheime so umbauen, dass sie energieneutral werden. „Die Kosten betragen 35.000 Euro pro Haus”, rechnet sie vor. „Bei einer Energierechnung von 180 Euro im Monat heißt das, dass man nach 15 Jahren keinen Cent mehr für Elektrizität und Heizung ausgeben muss!”

Mit Projekten wie diesen hat sich Marjan Minnesma einen Namen gemacht. Schon dreimal hat die 49-Jährige zur jährlichen Eröffnung der niederländischen Parlamentsperiode im September die alternative „nachhaltige Thronrede” gehalten. Schon dreimal wurde sie von der renommierten Tageszeitung TROUW auf deren Liste der 100 nachhaltigsten Niederländer auf den ersten Platz gesetzt. „Weil ihre Tatkraft und innovativen Ideen ihresgleichen suchen”, so die Jury.

Ehrgeizig, möglich, unausweichlich

Das Ziel, das sich Minnesma selbst gesteckt hat, ist noch ehrgeiziger als das für die Insel Texel: Mit ihrer Stiftung Urgenda, die sie 2007 gegründet hat, will sie dafür sorgen, dass die gesamten Niederlande in 20 Jahren nicht mehr von fossilen Brennstoffen abhängig sind, sondern zu 100 Prozent auf nachhaltige Energie umgestiegen sind.

Möglich ist es – und eine andere Wahl bleibt uns nicht!”, stellt die dreifache Mutter klar, die nicht nur ein abgeschlossenes BWL- und Jurastudium in der Tasche hat, sondern auch noch eines in Philosophie draufsetzte - cum laude. Vor dem Jahrhundertproblem der globalen Erwärmung dürfe keiner mehr die Augen verschließen: „Wir rasen auf einen Abgrund zu, wir müssen auf die Bremsen treten!”

Dringend, der Kinder wegen

Wenn das nicht gelinge, werde es auf diesem Planeten schon bald ziemlich ungemütlich werden. Große Teile dürften unbewohnbar werden, wegen Überflutungen oder Dürre, in Südspanien etwa oder in Kalifornien. „Das wird zu Kriegen und Konflikten führen”, so Minnesma, die nach ihrem Dreifachstudium zunächst für Forschungsinstitute und Umweltorganisationen wie Greenpeace arbeitete. „Können wir das unseren Kindern antun?” Denn falls nichts geschieht, werden die – so hat es IWF-Direktorin Christine Lagarde bereits 2013 beim Weltwirtschaftsforum in Davos ziemlich anschaulich auf den Punkt gebracht – “roasted, toasted, fried and grilled”. Zu Deutsch: geröstet, getoasted, gebraten und gegrillt.

Viel Zeit bleibe nicht, warnt Minnesma auf den rund 200 Lesungen, die sie pro Jahr hält, immer wieder. Deshalb auch der Name ihrer Stiftung: Urgenda – urgent, dringend. Gleichgültige Bürger und unwillige Firmenbosse wirken auf sie denn auch wie ein rotes Tuch, ebenso zögernde Politiker - vor allem niederländische: Die Regierung in Den Haag gebe sich damit zufrieden, den Anteil der nachhaltigen Energie bis 2030 von derzeit kärglichen vier auf 14 Prozent zu erhöhen. „Lächerlich! Damit gehören wir im europäischen Vergleich zu den Klassenschlechtesten!”

Selbst die Welt verändern

Auf die Politik zu warten, damit verschwendet Minnesma keine Zeit, stattdessen krempelt sie die Ärmel hoch und geht selbst mit gutem Beispiel voran: Holt die ersten Elektroautos in die Niederlande, ein paar Schiffsladungen voll aus Norwegen, und verkauft sie an Firmen und Rathäuser, die für die nötigen Ladestellen sorgen. Importiert unter dem Motto „Wir wollen Sonne” 50.000 Sonnenpaneele aus China, um Schulen, Kirchen und Privathaushalte damit auszurüsten. Ohne Subventionen, ohne Überbrückungskredit. Den wollten ihr die niederländischen Banken nicht gewähren. Die chinesischen Produzenten hingegen räumten ihr mit dem Begleichen der Rechnung mehr Zeit ein, und die niederländischen Käufer zahlten einen Teil im Voraus. Nun sorgt sie dafür, dass immer mehr Häuser energieneutral werden. Nicht nur auf Texel. Bald sollen 100 Haushalte in einer niederländischen Großstadt folgen, „die Verhandlungen laufen”, sagt Minnesma, die mit nur fünf Stunden Schlaf pro Nacht auskommt.

Natürlich hat sie selbst ebenfalls längst Sonnenpaneele auf dem Dach, fährt elektrisch, ernährt sich und ihre Familie ökologisch und nachhaltig, und sie reist nie per Flugzeug in den Urlaub.

Kommt sie sich nicht manchmal vor wie ein Rufer in der Wüste?

„Es gibt zum Glück immer mehr Oasen!”, antwortet die blonde Frau lachend und deutet auf ein Plakat von Loesje, das in ihrem Büro hängt – einer ursprünglich niederländischen Initiative, die mit überraschenden und nachdenklich stimmenden Sprüchen mittlerweile weltweit Aufmerksamkeit erregt: „Veränder’ die Welt. Fang an!”

    Zur Geschichte

    Juni 2015
    Energie
    Niederlande, Amsterdam

    Urgenda

    Autorin

    Kerstin Schweighöfer
    arbeitet als freie Benelux-Auslands-Korrespondentin für deutsche Medien in den Niederlanden. Sie berichtet u.a. für die ARD-Hörfunkanstalten, den Deutschlandfunk, FOCUS und das Kunstmagazin art.

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