Geschichten für morgen – schon heute, von überall

© Sharif H. AlSharif

Auf den Dächern im Paradies

Die demografische Krise verwandelt Gaza in eine Betonwüste, an Grünflächen mangelt es. Auf den städtischen Dächern Landwirtschaft zu betreiben, ist eine kleine Antwort auf ein großes Problem.

„Ein Modell zu schaffen, das vielerorts von Menschen im Gazastreifen angewendet werden kann, ist lohnenswert und einfach zu erreichen. Denn es ist beeindruckend simpel “, erklärt Ahmed Saleh. Der Agraringenieur hat einen ersten Schritt zur Lösung einer Reihe schwerwiegender Probleme unternommen, mit denen sich die Bevölkerung des Gazastreifens konfrontiert sieht. Das Gebiet steht seit 2007 unter israelischer Blockade, weshalb die Lebensmittelversorgung von 44 Prozent der Bewohner laut den Vereinten Nationen unsicher ist. Mit 4.500 Menschen pro Quadratkilometer ist der Gazastreifen eines der am dichtesten besiedelten Gebiete im Nahen Osten und insgesamt nur 365 Quadratkilometer groß. Auch für die Landwirte des Gazastreifens ist die Lage schwierig. Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN zeigen, dass durch den Krieg im Jahr 2014 über 16.203 Dunam – d. h. über 16 Quadratkilometer – Ackerland, Gewächshäuser und Bewässerungsanlagen zerstört wurden.

Darüber hinaus befinden sich die meisten landwirtschaftlichen Flächen nahe der „Pufferzone“, einem Grenzgebiet zwischen dem Gazastreifen und dem Staat Israel, das von Letzterem im Jahr 1994 eingerichtet wurde. Diese Barriere macht es für Landwirte sehr schwierig, ihr Land zu erreichen.Laut einem Bericht der UN-Organisation UNRWA aus dem Jahr 2012, der die Situation palästinensischer Flüchtlinge behandelt, wird der Gazastreifen bis 2020 unbewohnbar sein. Der Bericht sagt ein Bevölkerungswachstum auf 2,13 Millionen Menschen voraus, was einer Bevölkerungsdichte von 5.835 Menschen pro Quadratkilometer entspricht. Wenn sich die politischen und wirtschaftlichen Umstände nicht ändern, wird die Grundinfrastruktur nicht mehr ausreichen, um den Bedarf der wachsenden Bevölkerung nach Elektrizität, Wasser und Sanitäreinrichtungen zu decken. Dies wird sich auch in der Unmöglichkeit niederschlagen, in Gaza ausreichend Lebensmittel für den eigenen Bedarf zu produzieren.

Lösungen finden

Auf der Suche nach einer Lösung legte Ahmed Saleh, ein Einwohner des Gazastreifens, seinen eigenen Dachgarten an, um auf dieser Fläche Gemüse anzubauen. Dem promovierten Agraringenieur kam diese Idee erstmals, als er verschiedene Ansätze für Dachgärten und städtische Landwirtschaft untersuchte und mit anderen Agrarspezialisten forschte und kommunizierte. Als Ahmed Saleh von der Theorie zur Praxis überging, verfolgte er ein Zwei-Schritte-Modell, um optimale Ergebnisse zu erzielen: Zuerst sammelte er Schrott und Abfall wie alte Reifen und Holzkisten, um sie als Pflanzgefäße zu verwenden. Zudem entwickelte er ein effektives Bewässerungssystem, indem er einen Hauptwassertank über recycelte Wasserrohre mit den Pflanzbehältern verband. Im zweiten Schritt düngte er die Erde mit Hühner- und Fischabfällen. In der Folge pflanzte er testweise Salat, Oregano, Sellerie, Zwiebeln, Tomaten, Paprika und Auberginen an. So versuchte er, die Pflanzen zu ermitteln, die unter den lokalen Bedingungen am besten gedeihen. Erste Ergebnisse zeichneten sich bald ab: Einige Pflanzen wuchsen stetig, wohingegen andere eingingen. Durch seine Forschungsarbeit verbesserte Ahmed Saleh seine Nutzpflanzen kontinuierlich. Nach einiger Zeit konnte er erkennen, aus welchen Gründen einige Pflanzen starben, und seine Erträge steigern. Eines Tages wird er in seinem Dachgarten möglicherweise eine Fischzucht starten, die sowohl als Bewässerungssystem für die Pflanzen als auch zur Düngung (mithilfe der Fischabfälle) dienen könnte.


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Mehr als es scheint

„Dieser einfache Garten steht für deutlich mehr, als es zunächst scheint“, sagt Ahmed Saleh. Dachgärten könnten nicht nur ganzen Familien ermöglichen, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen – auch landwirtschaftliche Chemikalien und Pestizide, die viele Krankheiten verursachen, können vermieden werden, erklärt Saleh. Des Weiteren bieten Gärten wie Salehs eine gesunde Möglichkeit, Spannungen abzubauen. Soziale Bindungen können gefestigt werden, da der Erfolg eines Gartens von gemeinsamen Bemühungen abhängt. Außerdem: „Kinder lieben es, Dinge anzupflanzen und zu beobachten, wie ihre Anstrengungen zu etwas Greifbarem werden. So können auch ihr Zugehörigkeitsgefühl und ihre Einsatzbereitschaft gesteigert werden", fügt Saleh hinzu. Bei durchschnittlichen Kosten von 500 US-Dollar auf 50 Quadratmeter Dachfläche sind Dachgärten durchaus wirtschaftlich, vor allem wenn man all die Vorteile bedenkt. Da langfristig ganze Familien versorgt werden können, kann der Gartenbau die alltäglichen Lebensmittelausgaben stark reduzieren. Das Modell ist zudem sehr flexibel. Pflanzen können vertikal oder horizontal wachsen, und indem sie die Anzahl der Behälter erhöhen oder mehr Dachfläche nutzen, können Familien üppige Ernten einfahren.

Dachgärten zu einer Bewegung machen

Obwohl Ahmed Saleh seine Idee gerne vielerorts angewendet sehen möchte, ist eine isolierte Anstrengung in diese Richtung noch nicht genug. Um die Umsetzbarkeit solcher Gärten zu steigern, wird die Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Unterstützern wird essentiell sein, denn es geht ja darum, mehr Gärten nach Salehs Beispiel anzulegen. Salehs Nachbarn und viele andere Menschen sind offen für diese Idee und möchten sie mit eigenen Händen auf ihren eigenen Dächern umsetzen. Das Dachgärtnern zu einer Bewegung zu machen, wäre eine Antwort auf viele verschiedene wirtschaftliche und soziale Auseinandersetzungen, die im Gazastreifen in naher Zukunft eine Rolle spielen werden.

    Zur Geschichte

    Juni 2015
    Essen & Trinken
    Palästinensische Gebiete, Gaza

    Die humanitäre Situation in Gaza – UN Fact Sheet
    Gaza in 2020 – UNRWA

    Autor

    Sharif H. AlSharif
    wurde in Kuwait geboren, wuchs in Bolivien aufund lebt nun in Palästina. Nach einem Bachelor-Abschluss in BWLarbeitete er bereits als Journalist und Projektmanager und hat sichauf die Probleme Jugendlicher spezialisiert.

    Übersetzung

    TetraLingua Fachübersetzungen, München

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    Die Rechte an dem Text liegen beim Goethe-Institut Ramallah. Die Rechte an den Bildern hält Sharif H. AlSharif. Bitte kontaktieren Sie uns, falls Sie Inhalte verwenden möchten.

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