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Der Umdenker

Daan Roosegaarde mit dem Lotus Dom © Studio Roosegaarde

Der Umdenker

Neue Ideen für die alte Welt – nur so lässt sich der Planet retten. Denkt der Niederländer Daan Roosegaarde, der umweltbewusste Techno-Poet unter den Designern.

Es ist dunkel auf der Autobahn der Zukunft bei Oss, rund 30 Kilometer südwestlich von Nimwegen. Stockdunkel sogar. Bis auf einmal grünblaue Linien am Straßenrand aufleuchten – drei rechts, drei links. Magisch ist es. Und leider nur ganz kurz. Nach 500 Metern ist der Zauber vorbei.

„Vorläufig geht es nur um eine Teststrecke”, erklärt Daan Roosegaarde. Der niederländische Designer hat die selbstleuchtenden Fahrstreifen, die glowing lines, zusammen mit einem Straßenbauunternehmen entwickelt: „Es ist eine Farbe, die sich tagsüber mit Sonnenenergie auflädt und dann im Dunklen bis zu acht Stunden leuchten kann. Bei schlechtem Wetter helfen wir ein bisschen mit Solarstrom nach.”

Der Visionär, der verändern will

Daan Roosegaarde – blond, schmal und sehr engagiert – will die Straßen zum Leuchten bringen. Und die Menschheit zum Umdenken. Der 36-jährige Niederländer, der inzwischen nicht nur in Rotterdam ein Atelier hat, sondern auch in Shanghai, gilt als Visionär unter den Designern: „Irgendwann saß ich im Auto und wunderte mich darüber, dass wir Millionen in das Entwerfen neuer Autos investieren, aber dass wir nichts mit unseren Straßen tun. Die sind immer noch so, wie sie es vor 100 Jahren waren. Wir halten sie instand, aber das ist auch schon alles.“

Egal, ob China, Texas oder Kapstadt – das Interesse an den glowing lines ist schon jetzt riesengroß. Nicht nur in Entwicklungsländern, wo es an Elektrizität fehlt: „Heute Morgen haben wieder ein paar Scheichs aus Saudi-Arabien angerufen. ‘Wann könnt ihr liefern?’, wollten sie wissen”, erzählt Roosegaarde lachend. Denn die leuchtenden Linien sind weitaus energiefreundlicher und billiger als herkömmliche Straßenbeleuchtung. Und damit nicht genug: „Im Gegensatz zu Straßenlaternen können sie auch nicht geklaut werden – das ist in Südafrika ein großes Problem.”


  • Crystal Roosegaarde © Studio Roosegaarde

  • Daan Roosegaarde © Studio Roosegaarde

  • Crystal Roosegaarde © Studio Roosegaarde



Mit Techno-Poesie die Welt verbessern

Für Roosegaarde selbst ist das alles nur der Anfang. Nach ihm gehört dem Smart Highway die Zukunft: „Bald wird es Wege geben, die Elektroautos während des Fahrens aufzuladen, dann gehören die schrecklichen Aufladestellen endlich der Vergangenheit an!”, erzählt er begeistert. Es könnten auch bereits Farben entwickelt werden, die temperaturempfindlich sind oder auf Nässe reagieren: „Die lassen im Asphalt rote Schneeflocken aufleuchten, sobald es glatt wird. Oder sie warnen den Autofahrer vor Aquaplaning.” Der hässliche und teure Schilder- und Kabelwald, so frohlockt Roosegaarde, könne abgerissen werden: „Der Weg wird interaktiv, er gibt selbst an, ob er nass oder trocken, glatt oder sicher ist.”

Dass ausgerechnet ein Designer den Straßenbauämtern und Tiefbau-Ingenieuren auf die Sprünge helfen will, findet er nicht ungewöhnlich. Das eine schließe das andere nicht aus: „Ich mache Techno-Poesie”, sagt er. Und deshalb hat er nicht einfach nur ein Designstudio, sondern ein Labor für interaktive Designprodukte: „Meine Mitarbeiter und ich wollen Landschaften zum Leben bringen, wir sorgen dafür, dass Technik und Poesie verschmelzen. Auf diese Weise sorgen wir für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, auf diese Weise machen wir unsere Umgebung wieder menschlicher und schöner.” Darin sieht er seine Mission als Designer: So wie mehr als fünf Jahrhunderte vor ihm Leonardo da Vinci will auch er mit Hilfe der Technik die Welt verbessern.

Think big! lautet sein Credo: Denke groß! Rechtzeitig zum Van Gogh-Jahr 2015 hat das Studio Roosegaarde bei Eindhoven einen leuchtenden Radweg entworfen, der nach Einbruch der Dunkelheit wie von Zauberhand berührt zu schimmern beginnt und als funkelnder Teppich durch die Nachtlandschaft mäandert: Zehntausende von Glassteinchen, die tagsüber Licht aufgesaugt haben, leuchten dann auf – in den Farben blau und gelb, so wie in der berühmten Sternennacht von Vincent van Gogh.

Smog? Einfach wegsaugen!

Metropolen wie Peking, deren Bewohner permanent unter Luftverschmutzung leiden, könnten schon bald in Parks oder an Kreuzungen riesige Smogstaubsauger aufstellen: In der Form von großen Ringen oder Türmen saugen sie die schlechte Luft auf, wobei die aufgesaugten Smogteilchen zu Diamanten verarbeitet werden können: „Tausend Kubikmeter Smog reichen für einen Diamantring.” Den ersten Prototyp, einen sieben Meter hohen Turm, will Roosegaarde noch in diesem Jahr in Rotterdam präsentieren, dann soll er auf Welttournee gehen.

Zu seinen bezauberndsten Entwürfen zählt die Lotusblume, die bereits in Amsterdam, Lille und in Jerusalem zu sehen war: eine riesige Kugel aus filigraner silberfarbener Folie, die auf Körperwärme reagiert. Kommen genug Passanten vorbei, öffnet sie sich und gibt ihr Innenleben preis. Das Prinzip will der Designer für Treibhäuser weiterentwickeln, dann können sie sich bei genug Sonnen- und Lichteinfall von selbst öffnen.

Kein Ja-aber

Derzeit ist der Niederländer dabei, lichtgebende Pflanzen zu entwickeln. Was Quallen und Feuerfliegen bereits können, dazu müssten doch auch Bäume fähig sein! „Wenn Straßen sich durch lichtgebende Pflanzen beleuchten ließen, könnte die Welt enorm viel Energie sparen!”

Utopisch? Unmöglich? Daan Roosegaarde schüttelt dezidiert den Kopf. Nichts ist unmöglich – think big! Kein Wunder, dass er zwei Worte ganz besonders hasst: „Ja, aber…”. Weil sie jegliche Kreativität im Keim ersticken. Deshalb hat er den Ja-aber-Stuhl entwickelt: Sobald sich jemand draufsetzt und „ja, aber!” sagt, bekommt er einen kurzen, aber heftigen Stromstoß.

    Zur Geschichte

    August 2015
    Mobilität
    Niederlande, Rotterdam

    Studio Roosegaarde

    Autorin

    Kerstin Schweighöfer
    arbeitet als freie Benelux-Auslands-Korrespondentin für deutsche Medien in den Niederlanden. Sie berichtet u.a. für die ARD-Hörfunkanstalten, den Deutschlandfunk, FOCUS und das Kunstmagazin art.

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