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Demokratie vorprogammiert

Foto CC-BY-NC-SA: Youth Decides

Demokratie vorprogrammiert

Selbst ein Kind der Revolution, hilft der Verein Youth Decides der tunesischen Jugend, ihre politischen und wirtschaftlichen Geschicke in die Hand zu nehmen.

Der politische Aktivismus wurde Wala Kasmi in die Wiege gelegt. Täglich konnte sie den lebendigen und anspruchsvollen Diskussionen ihrer Eltern folgen und lernte so den Zauber und die Macht des Wortes schätzen. „Ich habe lange Stunden inmitten von Büchern verbracht, habe sie eins nach dem anderen verschlungen, so wie man gute Schokolade verschlingt“, erinnert sich die nun 29-Jährige.

Aber erst auf der weiterführenden Schule machte es bei ihr Klick, was ihre politische Haltung betraf. „Damals wollten meine Klassenkameraden und ich an einem Protestmarsch teilnehmen. Unser Lehrer hatte uns gebeten, vernünftig zu sein. Anstatt alles kaputt zu schlagen und Steine zu werfen, sollten wir lieber unseren Forderungen auf Schildern Ausdruck verleihen.“ Das hat Wala beeindruckt: „Ich habe entdeckt, dass wir auf friedliche Weise Nein sagen können, dass wir uns ausdrücken können, sogar unsere Welt ändern, ohne dabei Gewalt zu benutzen.“

Birsa: Konkrete Präsenz zeigen

Zu ihrem Prinzip des friedlichen Wandels stehend, trat sie 2009 Birsa bei, einem der ersten Cyber-Aktivisten-Netzwerke, das die Mauer des Schweigens und der Angst in Tunesien durchbrochen und das Regime Ben Alis offen kritisiert hat. Aber das Netzwerk wollte sich nicht auf den virtuellen Widerstand beschränken. Und so brachte man am 7. November 2010, als das tunesische Regime seinen 23. Jahrestag feierte, einen Kreis engagierter junger Tunesier in Paris zusammen, um die Zukunft ihres Landes zu diskutieren. „Für uns war es unentbehrlich, konkrete Präsenz zu zeigen, um möglichst viel zu bewirken“, erinnert sich Wala.

Nach dem Sturz des Regimes gingen die Verbündeten von Birsa getrennte Wege, viele zogen sich zurück: „Was ich als Anfang angesehen habe, war für die anderen ein Ende“, bedauert Wala. „Ich war überzeugt davon, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegte. Die Jugend, die die Revolution ausgelöst hatte, begann, die Hoffnung zu verlieren. Sie hielt ihre Aufgabe für getan und ihre Engagement für abgeschlossen.“ Doch Wala wollte weitermachen. Sie entschied sich, Birsa zu reanimieren, um weiter für die Interessen der tunesischen Jugend zu kämpfen. Doch nur wenige alte Weggefährten kamen wieder zusammen. Es war offenbar Zeit für eine neue Initiative mit frischer Kraft.

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  • Wala Kasmi | Foto CC-BY-NC-SA: Youth Decides

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Youth Decides: Politisches Terrain für die Jugend

„Wir haben die Vereinigung mit unseren eigenen finanziellen Mitteln geschaffen, und wir haben angefangen zu arbeiten – mit einem einzigen Ziel im Kopf: der Jugend politisches Terrain und Mitentscheidungsrechte zu verschaffen.“ Daher der Name des Vereins: Youth Decides. Die meisten Mitglieder sind Akademiker aus dem IT-Bereich, überzeugt von der Anziehungskraft des Internets und seinem Mobilisierungspotential – ebenso wie Wala, die inzwischen zur Informatik-Ingenieurin ausgebildet ist.

Anlässlich der Präsidentschaftswahlen 2014 starteten sie das Projekt Gov. Es handelt sich um eine App, mit dem man den verschiedenen Kandidaten Fragen stellen, sie aber auch beurteilen und benoten kann. „Nach wenigen Tagen hatten wir schon 1,2 Millionen Nutzer. Diese Zahl überstieg bei weitem unsere eigenen Erwartungen“, freut sich Wala. Der Erfolg dieses Programms hat auch die Kandidaten dazu gezwungen, in die Räume des Vereins zu kommen. „Parallel dazu haben wir Debatten zwischen Jugendlichen organisiert, die verschiedene Kandidaten unterstützten. Tägliche Berichte wurden auch an die Medien versandt. Es war eine sehr gute Erfahrung, die es den jungen Tunesiern ermöglicht hat, sich auszudrücken, zu entscheiden und vor allem, Einfluss zu nehmen“, erklärt Wala stolz.

We Code: von der Arbeitslosigkeit zum Unternehmertum

Auch ökonomisch will Youth Decides ein Wörtchen mitreden. „Die Einbindung der tunesischen Jugend in das wirtschaftliche Leben gehört auch zu unseren Zielsetzungen“, erläutert Wala. In Partnerschaft mit der privaten Universität Esprit startete die Vereinigung im Januar 2015 das Projekt We Code, das acht jungen und arbeitslosen Akademikern verschiedener Fachrichtungen und Regionen zugute kommt. „Die Idee ist einfach: Wir bringen ihnen international bewährte Praktiken bei, damit sie ihr eigenes Start-up gründen und im Internet Geld verdienen können.“

Nach acht Wochen Praktikum und intensiver Fortbildung konnten die Teilnehmenden sich der Herausforderung stellen und ihr eigenes Projekt starten. „Es ist ein echter Erfolg – nicht nur für sie, sondern auch für den Verein und die Dozenten, die an der Fortbildung teilgenommen haben. Gerade noch waren unsere Teilnehmenden Arbeitslose ohne Hoffnung, jetzt sind sie Unternehmer. Sie werden Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen können“, erzählt Wala begeistert.

Demnächst beginnt Youth Decides schon sein drittes Projekt. Hierbei wird es sich um ein neues Computerprogramm handeln, mit dem die jungen Tunesier in Kontakt zu Parlamentsabgeordneten treten können. Sie werden die Möglichkeit haben zu diskutieren, ihre Meinung zu Gesetzesvorlagen auszudrücken und sogar Gesetzesinitiativen zu starten. „Die von der Politik ausgeschlossene tunesische Jugend wird entscheiden und sich durchsetzen können“, ist sich Wala sicher. Die Entschlossenheit und die Hoffnung der jungen Frau lassen daran keinen Zweifel.

    Zur Geschichte

    Dezember 2015
    Öffentlichkeitsarbeit
    Tunesien, Carthage Birsa, Tunis

    Youth Decides
    Youth Decides auf Switched on Schools
    Petitionen auf change.org

    Autor

    Omar Kammoun
    ist Redakteur des tunesischen Ecojournal und unterrichtet Journalismus. Er engagiert sich in der tunesischen Vereinigung alternativer Medien.

    Übersetzerin

    Claudia von Wilcken

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