Geschichten für morgen – schon heute, von überall

Leben und Lernen

Der Innenhof von Vila Flores ist Treffpunkt und Aktivitätszentrum für alle Besucher und Teilnehmer. | Foto (CC): Lauro Rocha

Leben und Lernen

Durch das Projekt Vila Flores wurde ein altes architektonisches Ensemble im brasilianischen Porto Alegre zu neuem Leben erweckt und Raum geschaffen für soziale, kulturelle und Bildungsprojekte.

Zwei Wohnhäuser und eine Halle, Ende der 1920er-Jahre von dem deutschen Architekten Joseph Lutzenberger entworfen und als die „Lutzenberger-Häuschen“ bekannt, beherbergen seit 2012 eine gemeinschaftlich verwaltete Initiative von kulturellen, sozialen und Bildungsprojekten. Der Gebäudekomplex nennt sich Vila Flores und bietet Künstlern, Designern, Architekten und anderen Kreativen Räume im Stadtteil Floresta, einem Sanierungsgebiet von Porto Alegre.

Die Idee, diese historischen Gebäude zu renovieren und sie mit kulturellem Leben zu füllen, kam von den Erben der Gebäude, der Familie Wallig. Umgesetzt wurde sie dann mit verschiedenen Partnern. „Es wurde alles nach reiflicher Überlegung geplant und verwirklicht, in Zusammenarbeit mit sehr vielen Menschen in der Stadt, die sich von Anfang an daran beteiligten. Das Interesse war nicht nur der Erhalt der Gebäude, sondern der Aufbau von Räumen für Begegnung, ein Zugang zu Kultur und der Gedanke einer humaneren Stadt“, erzählt Antonia Wallig, die mit Aline Bueno den Kulturbereich des Vila Flores verwaltet.

2013 begannen die ersten Publikumsveranstaltungen – Theateraufführungen, Ausstellungen, Workshops und Konzerte –, doch erst 2014 nahm das Projekt, mit dem Einzug von 20 Initiativen in eigene Räume, seine derzeitige Gestalt an. „Jede renovierte ihren jeweiligen Raum nach eigenen Vorstellungen. Heute sind die Initiativen nicht nur innerhalb ihrer eigenen Arbeitsbereiche aktiv, sondern entwickeln gemeinsame Projekte, die zu einem umfassenden Dialog zwischen den unterschiedlichen Wissensfelder führen“, erklärt Wallig.

Konsistente Angebote und Bildung

Getragen wird Vila Flores vom Verein Associação Cultural Vila Flores, der nicht nur die gemeinschaftliche Verwaltung des Areals koordiniert, sondern auch ein Kulturprogramm für externe Besucher organisiert. Vorrang haben dabei hauseigene Initiativen, wobei es auch Programmpunkte von außerhalb gibt, stets jedoch in Zusammenarbeit mit dem Verein. „Vila Flores ist kein reiner Veranstaltungsraum, sondern ein Kulturprojekt, daher legen wir Wert auf Konsistenz der angebotenen Veranstaltungen und auf deren Bildungsgehalt“, erklärt Aline Bueno. Neben den Veranstaltungen gibt es im Vila Flores einen offiziellen Besuchstag. Jeden Dienstagnachmittag stehen die Türen aller Ateliers für das Publikum offen.

Die Verwaltung des Areals basiert auf den Idealen von Zusammenarbeit, Teilen, Solidarität, Gemeinschaft und Kreativität. „Unser Denken und Handeln richtet sich nicht nach der Logik der monetären Kapitalakkumulation, sondern zielt auf gemeinsame Erfahrungen, den Austausch von Kenntnissen, das Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen“, erklärt Bueno.


  • Escola Convexo: Hier lernen die Schüler kolaborativ und autonom zu arbeiten. | Foto (CC): Letícia Saraiva

  • Escola Convexo bringt die Kinder zu Vila Flores. | Foto (CC): Letícia Saraiva

  • Pizza-Workshop bei den Matehackers | Foto (CC): Matehackers

  • Eine Matehackers-Gruppe lernt mit der Arduino Plattform umzugehen. | Foto (CC): Matehackers

  • Wer Fragen rund um Technologien diskutieren will, trifft bei den Matehackers immer auf offene Türen und Ohren. | Foto (CC): Matehackers

  • Technologie und Pizza mit den Matehackers | Foto (CC): Matehackers

  • Bei der NGO Frauen auf der Baustelle wird gemauert und verputzt. | Foto (CC): Bia Kern

  • Praktische Übung im Workshop Zement & Lippenstift | Foto (CC): Bia Kern

  • Teilnehmerinnen des Workshops Zement & Lippenstift bei Renovierungsarbeiten in der Vila Flores | Foto (CC): Bia Kern

  • Simultaneidade: Das Projekt sucht Räume, um dort die Erinnerungen der Stadt zu bewahren. | Foto (CC): Lauro Rocha

  • Kinder nehmen an dem Workshop Retro Cine während der Audiovisuellen Woche teil. | Foto (CC): Lauro Rocha

  • Winterfest in der Vila Flores mit Kinderfest und Flohmarkt | Foto (CC): Lauro Rocha


Zement und Lippenstift

In der Tat ist die Vielfalt tonangebendes Merkmal des gesamten Projekts. So bildet die Initiative Mulher em Construção Frauen am Bau aus. Dazu werden einerseits Workshops veranstaltet, etwa unter dem Titel „Cimento & Batom“ (dt.: Zement und Lippenstift), in denen Frauen lernen, kleine Reparaturen selbst auszuführen – zu Hause oder sogar als Verdienstmöglichkeit. Teilnehmerinnen aus schwierigen sozialen Verhältnissen erhalten dafür Stipendien aus internationalen Fördermitteln und können den Kurs kostenlos besuchen. „Viele Hausfrauen kommen zu uns, um im eigenen Haushalt selbst Reparaturen zu machen und so Geld zu sparen“, erzählt Bia Kern, Präsidentin von Mulher em Construção. Andererseits leistet das Projekt aber auch Weiterbildung für Berufstätige angrenzender Arbeitsbereiche (Architektinnen, Ingenieurinnen, Innenarchitektinnen), die im wahrsten Sinne des Wortes einmal Hand anlegen und die Arbeit auf dem Bau besser verstehen wollen.

Die Welt in Farben sehen

Im Bildungsbereich gibt es das Projekt Escola Convexo (dt. etwa: Schule des Konvexen) für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren. Es zielt darauf, das Selbstbewusstsein der Teilnehmer über die Lösung von realen Problemen zu stärken. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten mit den ansässigen Initiativen soziokulturelle und sozial-ökologische Projekte und solche mit Blick auf Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten im Stadtteil. „Sich in einem Ambiente wie dem des Vila Flores zu bewegen, ermöglicht den Schülerinnen und Schülern den Kontakt zu sehr unterschiedlichen Realitäten und eine farbenfrohere Sicht auf die Welt“, sagt Bruno Bittencourt, einer der Initiatoren von Escola Convexo.

Aus einer Verbindung des im Süden Brasiliens traditionellen Mate-Tees mit Erfahrungsaustausch und dem freien Experimentieren im Bereich Informatik entstand das Projekt Matehackers, das ebenfalls seinen festen Platz im Vila Flores hat. In einer offenen und pluralistischen Struktur, ohne Vorstände und feste Mitglieder entwickelt Matehackers Möglichkeiten für den gemeinschaftlichen Umgang mit Technologie.

Theatergruppen, Räume für Videokünstler, Tonstudios, Fahrradwerkstätten und zahlreiche Ateliers komplettieren das bunte, gemeinschaftlich und interdisziplinär verwaltete Mosaik des Vila Flores.

    Zur Geschichte

    November 2015
    Gemeinschaft
    Brasilien, Porto Alegre

    Vila Flores
    Mulher em Construção
    Escola Convexo
    Matehackers

    Autorin

    Camilla Gonzatto
    ist Drehbuchautorin und Regisseurin für Film und Fernsehen. Sie promoviert im Bereich Literaturtheorie an der Universität PUC-RS in Porto Alegre und Berlin.

    Übersetzer

    Michael Kegler

    Auf Brasilianisch

    Verwenden

    Creative Commons Lizenzvertrag

    Dieser Text und diese Bilder ist lizenziert unter einer Namensnennung - Nicht kommerziell 3.0 Deutschland Lizenz.

    Weitererzählen

    Weitere Themen

    Kultur
    Energie
    Essen & Trinken
    Gemeinschaft
    Land & Stadtnatur
    Material
    Mobilität
    Öffentlichkeitsarbeit
    Raum & Wohnen