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Ein Übungsfeld für kreative Gemeinschaften

Foto (CC BY-SA): POLIGON

Ein Übungsfeld für kreative Gemeinschaften

Poligon ist das erste Kreativzentrum Sloweniens für die Kreativwirtschaft, soziales Unternehmertum und Kultur.

Coworking-Gemeinden haben sich in Slowenien als Reaktion auf die anhaltende Wirtschaftskrise und die zunehmende Prekarisierung von jungen Akademikerinnen und Akademikern entwickelt. Diese Prekarisierung zeigt sich in einem tiefgreifenden Wandel in der Arbeitssphäre als eine stetige Zunahme von Arbeitsplätzen mit zu geringer Einkommenssicherheit. Besonders betroffen ist der Dienstleistungssektor, auch weil dort besonders viele Arbeitnehmer keinen gewerkschaftlichen Schutz haben.

Von Nomadismus zum eigenem Raum

Die erste Coworking-Veranstaltung Sloweniens fand im Januar 2012 im Zentrum für urbane Kultur Kino Šiška in Ljubljana statt, wo es normalerweise vor allem abends Konzerte und andere Veranstaltungen gibt. Das Leitungstrio von Poligon, Luka Piškorič (Mitbegründer und Leiter der Initiative), Eva Matjaž (Mitbegründerin und „Networkerin“) und Marko Orel („Ideenmotor“) haben es geschafft, die Direktion von Šiška zu überzeugen, mit dem damals für Slowenien noch völlig neuem Konzept, ein Coworking-Event zu organisieren. „Wir hatten keine Ahnung, wie viele Leute kommen würden – wir wollten fürs Erste einfach nur testen, ob das überhaupt funktioniert! Am Ende kamen 80 Leute, wir waren wirklich positiv überrascht“, erzählt Eva.

Weil das Interesse so groß war, sind aus zwei Veranstaltungen pro Monat wöchentliche Events geworden. Mit der Zeit ergab sich Bedarf an eigenen Räumen, und so entstand im Februar 2014 das Kreativzentrum Poligon, das Räume im Umfang von 1.200 Quadratmetern in einem ehemaligen Tabak-Fabrikgebäude zur Verfügung stellt. Hier ist es rund um die Uhr lebendig und produktiv, an Abenden werden in Koproduktion mit benachbarten Organisationen und Kollektiven Veranstaltungen durchgeführt.


  • Foto (CC BY-SA): POLIGON

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Warum der Name Poligon ideal ist

Poligon bedeutet auf Slowenisch „Übungsfeld für die Ausbildung im Schießen, besonders mit schweren Waffen“. Diese „schweren Waffen“ sind hier Kreativität, aktive Teilnahme, Unabhängigkeit und Interdisziplinarität – Waffen also, die man produktiv verwenden kann. Es geht inhaltlich um die neuesten Coworking-Methoden, die Selbstständige stärken und ihnen eine bessere Zukunft sichern können.

Über die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Poligon erzählt Luka: „Die Menschen, die hier arbeiten, kommen aus mehr als 10 Ländern. Es ist eine sehr vielfältige und multidisziplinäre Gemeinschaft. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die wir erreichen wollten: eine riesige Gemeinschaft mit so vielen Berufen wie möglich. Genau dort entsteht und manifestiert sich Magie.“

Enormes Potential

Der Hauptteil des Einkommens von Poligon, das als Privatorganisation gegründet wurde, kommt aus der Raumvermietung für verschiedene Gelegenheiten und Veranstaltungen. Wichtig sind dem Team dabei an erster Stelle Inhalt und Format der Veranstaltungen – nach klaren ethischen Kriterien. Weil das Poligon-Team von seiner moralischen Haltung nicht abrücken möchte, sind zum Beispiel Werbeagenturen, die ihre Werbespots gerne an einem „coolen“ Ort drehen würden, nicht willkommen. Würde der Staat das enorme Potential der Kreativwirtschaft sehen, würde er das Projekt unterstützen, und Poligon hätte die Ressourcen, sich stärker inhaltlich zu engagieren, anstatt sich um die Vermietung zu kümmern.

Einerseits haben die Personen, die im Bereich der Kreativwirtschaft, des sozialen Unternehmertums und der Kultur tätig sind, in Slowenien kaum bis keine ökonomische Sicherheit. Andererseits sind es gerade Kreativindustrien, die in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern eine stattliche Summe zum Bruttosozialprodukt des Landes beigetragen haben. Darüber allerdings gibt es in Slowenien keine umfassende Studie und demzufolge auch keine Langzeitstrategie auf Staatsebene. Nach Eva zeigt sich dieses Unverständnis auch darin, dass „die Definition von Kreativindustrie nur auf Arbeitsfelder wie Architektur oder Design ausgerichtet ist, statt alle kreativen Arbeitsprozesse einzuschließen. Gerade die Tatsache, dass ihre Arbeitsprozesse Kenntnisse und Erfahrungen auf die verschiedensten Weisen transformieren und kombinieren, so dass dadurch neue Geschichten und Modelle entstehen, charakterisiert die Kreativindustrien“. Auch deswegen ist es wichtig, ein solches Übungsfeld wie das Poligon zu haben, weil es nicht nur kreative Einzelpersonen, sondern auch Kollektive sind, die „üben“ müssen.

    Zur Geschichte

    Dezember 2015
    Gemeinschaft
    Slowenien, Ljubljana

    POLIGON

    Autorin

    Pina Gabrijan
    ist Kulturwissenschaftlerin und freiberufliche Journalistin in Slowenien.

    Übersetzerin

    Pina Gabrijan

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    Creative Commons Lizenzvertrag

    Dieser Text und diese Bilder sind lizenziert unter einer Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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