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Die Nachhaltigkeitsbrille

© Heschel Center for Sustainability

Die Nachhaltigkeitsbrille

Das Heschel Center for Sustainability möchte das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in Israel stärken. Dafür setzen die Mitarbeiter auf die Förderung von Aktivisten und Multiplikatoren.

Die Forderung nach Nachhaltigkeit ist international keineswegs neu, aber im öffentlichen Diskurs in Israel hat sie sich noch nicht durchgesetzt. Immerhin haben diejenigen, die sich in Israel für mehr Nachhaltigkeit engagieren, im Heschel Center for Sustainability einen Ansprechpartner. Das 1998 gegründete Zentrum vertritt eine Definition von Wachstumsperspektiven und Wohlstand, die auf der Weiterentwicklung von Umwelt-, Gesellschaft- und Wirtschaftskapital basiert. Das Zentrum trägt den Namen des amerikanischen Rabbiners Abraham Joshua Heschel, dessen Wirken von der Liebe für die Schöpfung bestimmt war und der stets das Positive des menschlichen Potentials betonte. In seinem Geist versucht das Zentrum, Menschen und Ideen zusammenzubringen, bis eine kritische Masse für Veränderungen erreicht ist. Dabei knüpft die Organisation an vorhandene Ansätze an und unterstützt Personen, die an Veränderungen interessiert sind, um die Grundlage für weiterreichende Maßnahmen zu schaffen.

Kontakte zu Gleichgesinnten

„Wir sehen unsere Aufgabe vor allem im Herstellen von Netzwerken“, erklärt David Dunetz, Geschäftsführer des Zentrums. „Von uns bekommen diejenigen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren, Ideen und Kontakte zu Gleichgesinnten. Darüber hinaus hat unser Zentrum ein strategisch ausgerichtetes Trainingsprogramm entwickelt. Ich könnte unsere Arbeit auch so beschreiben: Wir bilden Menschen mit Interesse an nachhaltigen Veränderungen aus.“

2011 gingen in Israel über eine Millionen Menschen auf die Straße und forderten eine gerechtere Verteilung von Ressourcen. Mit diesen sozialen Protesten ist ein langfristig angelegter Prozess in die Wege geleitet worden, der das Wohl der Allgemeinheit und nicht nur die Interessen einiger einflussreicher Gruppierungen mit Beziehungen zur Regierung im Auge hat. Die Demonstrationen haben nichts geändert, behaupten einige. Und doch sind in Israel seit 2011 eine Vielzahl von sozialen Initiativen in so unterschiedlichen Bereichen wie Wirtschaft, Umwelt, Bildung und Soziales entstanden, die eines gemeinsam haben: Sie wollen das Land zu mehr Nachhaltigkeit anregen und dauerhaften gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen. Die Arbeit des Heschel Centers setzt bei solchen Initiativen an, indem es deren Weiterentwicklung mit seinen Fachkenntnissen unterstützt.


  • Gemeinschaftsgärtnern in Kiryat Gat im Süden Israels | © Heschel Center for Sustainability

  • Die Gründung des Nachhaltigkeitszentrums in Jerusalem | © Heschel Center for Sustainability

  • Das Amitim-Programm in Sachnin, einer arabischen Stadt im Norden Israels | © Heschel Center for Sustainability


Menschen in Schlüsselpositionen trainieren

Das Heschel Center, so Dunetz, ist heute vor allem an zwei Fronten aktiv: Neben der Förderung von Einzelpersonen werden Initiativen und Veränderungsprozesse unterstützt, die aus den Kommunen kommen. „Alle Programme des Heschel Centers laufen im Fellows-Programm zusammen. Wir laden Menschen in Schlüsselpositionen ein, die sowohl im Privaten wie auch in Unternehmen und in der öffentlichen Sphäre, in Regierungsämtern oder Organisationen Veränderungen herbeiführen können. Diese heterogene Gruppe nimmt ein Jahr lang an Trainingsprogrammen teil. Heute haben wir bereits 250 Absolventen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen nachhaltig arbeiten.“ An dem Programm nehmen Männer und Frauen, Juden und Araber, Israelis aus dem Zentrum des Landes und aus der Peripherie teil. Der Kurs hilft den Absolventen nicht nur, ihre persönlichen Visionen weiterzuentwickeln, sondern gibt ihnen auch konkrete Instrumente zur Realisierung ihrer Ideen an die Hand und macht sie mit führenden Experten in vielen Bereichen bekannt.

Lorit Leibowitz leitet am Heschel Center das Zentrum für Kommunale Nachhaltigkeit. Aus ihrer Sicht hat die kommunale Ebene ein großes Potential für Nachhaltigkeit. „Auf städtischer Ebene lassen sich die gewünschten Veränderungen leichter erfolgreich umsetzen. Wir versuchen, kommunalen Vertretern Instrumente in die Hand zu geben, mit denen sie Nachhaltigkeit fördern können und neue Ideen in die Kommunen bringen.“ Dafür arbeitet das Zentrum für kommunale Nachhaltigkeit mit Kursen für leitende städtische Angestellte.

Die Stadt lebenswerter machen

Ein weiteres Beispiel für die Aktivitäten der Organisation ist die Arbeit, die unter der Überschrift „Nachhaltige Nachbarschaften“ von lokalen Nachhaltigkeitszentren geleistet wird. „Im kleinen Rahmen lassen sich Dinge manchmal einfacher ins Rollen bringen“, sagt Leibowitz. „Schon wegen der stärkeren Identifizierung der Anwohner lassen sich Dinge schneller verändern. Und die Stadt kann ihrerseits bestimmte Veränderungen erst einmal in kleinem Umfang prüfen. Und weiter: „Es gibt viele Menschen, die eigenständig aktiv werden. Zum Beispiel Bürger, die sich für mehr Fahrradwege einsetzen oder für schattigere Straßen. Unter Nachhaltigkeit fallen alle Aktivitäten, die die Stadt für alle lebenwerter macht.“

Das Tel Aviver Viertel Bitsaron war das erste Viertel, das an diesem Projekt teilnahm. Dieses Wohngebiet besteht zum Großteil aus zweistöckigen Häusern und kleinen Straßen. Zwischen Gehweg und Häusern liegt meist ein kleines Grundstück. Im Rahmen eines vom Heschel Zentrum organisierten Kurses kam der Wunsch der Bewohner von Bitsaron auf, etwas über Gartenbau und Landwirtschaft zu lernen. Die Stadt bot sich an, diesen Kurs zu finanzieren. Im Gegenzug verpflichteten sich die Teilnehmenden, ihren Nachbarn beim Anlegen eines Vorgartens zu helfen. „Auf diese Weise haben die Bewohner die Lebensqualität ihres Umfelds verbessert“, sagt Leibowitz. In diesem Jahr hat Tel Aviv das Modell „Nachhaltige Nachbarschaften“ auf fünf weitere Stadtviertel ausgeweitet; und auch in Jerusalem haben 2014 zwei Stadtteile an diesem Projekt teilgenommen.

Es gibt in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit noch viele Herausforderungen, betonen Leibowitz und Dunetz. „Wir müssen erst einmal ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen. Da gibt es noch viel zu tun. Daneben müssen wir uns dafür einsetzen, dass Kommunen und auch die zentrale Regierungsebene nachhaltig arbeiten. Wenn das Thema heute überhaupt aufgenommen wird, so geschieht dies bestenfalls im Rahmen einer gesonderten Abteilung. Unser Zentrum will jedoch etwas anderes. Wir wollen Nachhaltigkeit als eine grundsätzliche Haltung durchsetzen. Nicht bloß das Umweltministerium soll nachhaltig handeln, sondern auch die Ministerien für Inneres, für Finanzen und Wirtschaft. Nachhaltigkeit soll so etwas wie eine Brille sein, durch die alle bei zukünftigen Planungen blicken.“

    Zur Geschichte

    Januar 2016
    Öffentlichkeitsarbeit
    Israel, Tel Aviv

    Heschel Center for Sustainability

    Autorin

    Yarden Skoop
    schreibt über Bildungsfragen für Haaretz und ist Mitgründerin der israelischen Journalistinnen-Vereinigung, die sich für eine bessere Präsenz von Frauen in den Medien einsetzt.

    Übersetzerin

    Antje Eiger

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    Die Rechte an dem Text liegen beim Goethe-Institut Israel. Die Rechte an den Bildern hält das Heschel Center for Sustainability. Bitte kontaktieren Sie uns, falls Sie Inhalte verwenden möchten.

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