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Mit Tradition experimentieren

Kaykab Environmental Educational Centre  | © ShamsArd Design Studio

Mit Tradition experimentieren

Recycling von Bauschutt und Neubelebung traditioneller Bautechniken: ShamsArd Studio zeigt, wie nachhaltige regionale Architektur in Palästina aussehen kann.

„Als jemand, der sehr umweltbewusst ist, wollte ich nicht mehr als Architektin arbeiten“, erklärt Danna Masad. Sie ist eine der Gründerinnen des ShamsArd Studios, eines Architekturbüros für umweltfreundliches Bauen, das für seine Arbeit ausschließlich auf lokale Ressourcen zurückgreift. Dementsprechend lautet auch sein Name ShamsArd, Arabisch für „Sonne und Erde“. Konventionelle Architektur hinterlässt sehr viel Abfall und stützt sich auf den Import von Baumaterialien. Dem wollten Danna und ihre Kollegen eine Alternative entgegensetzen. Sie erzählt, wie sich die vier Architekten, zwei Frauen und zwei Männer, eines Tages getroffen haben, um über Alternativen zur konventionellen Architektur zu sprechen. Binnen einer Woche fanden sie einen guten Ort zum Arbeiten und gründeten ShamsArd Studio. Alle vier haben ihre Ausbildung teilweise oder vollständig an der Birzeit-Universität absolviert. Danna hatte zu diesem Zeitpunkt auch eine Spezialisierung in nachhaltigem Bauen und Lehmbau erworben.

Aus Bauschutt wird Kunst

Als erstes widmete sich ShamsArd Studio der Wiederverwendung von Baustellenabfällen zur Herstellung von Möbelstücken von Wert. Eine erste Ausstellung der Gruppe versammelte 42 Objekte, die unter dem Namen The First Trial, also „der erste Versuch“, ausgestellt wurden. Es war ein Appell an alle Architekten, ihre eigene Verantwortung für die durch Bauabfälle verursachten ökologischen Schäden anzuerkennen und Verantwortung für ihre gestalterischen Entscheidungen zu übernehmen. Die Mahatta Art Gallery, die gleich neben dem ShamsArd Studio liegt, stellte den Architekten kostenlosen Ausstellungsraum zur Verfügung. Rückblickend gesteht Danna, dass sie und ihre Kollegen – Lina Saleh, Ghaith Nassar und Rami Kasbari – unsicher gewesen seien, ob sich außer ihren Freunden und Familien überhaupt jemand in die Ausstellung verirren würde. Der Besucherandrang war jedoch überwältigend, und so wurde die Ausstellung sogar noch um sieben Tage verlängert. Die Leute standen vor dem Gebäude Schlange, um mit eigenen Augen die funktionalen Kunstwerke zu sehen, die das Team aus Bauschutt hergestellt hatte, wie man ihn in Ramallah bergeweise an Straßenecken oder in den Wadis der städtischen Randgebiete findet. Ganz offensichtlich war Palästina bereit für Umweltdesign!

Örtliche Ressourcen

Als nächstes beschäftigte sich das ShamsArd-Team mit dem Entwurf und der Konstruktion von Lehmbauten mit natürlichen Heiz- und Kühlsystemen unter Verwendung vor Ort verfügbarer Ressourcen. Von einer Schule erhielt das Studio den Auftrag, ein ökologisches Gebäude für einen botanischen Garten in Ramallah zu entwerfen und die Bauaufsicht zu führen. Um die notwendigen gepressten Ziegel zu produzieren und ihr einziges Lehmgebäude in Ramallah zu errichten, verwendete das ShamsArd-Team Erde aus der Gegend. Bald danach erhielt das Studio einen Auftrag für das Design und die Bauaufsicht für fünf Lehmbauten aus gepressten Ziegeln im Jordantal. Darüber hinaus entwarf und errichtete ShamsArd ein Restaurant aus gepressten Lehmziegeln und ein Wohnhaus in Jericho mit sogenannten „earthbags“, also einer Methode, bei der Säcke mit lehmhaltiger Erde gefüllt und ohne Verschalung aufeinandergestapelt werden, um die Wände eines Gebäudes zu formen – eine Technik, die der verstorbene iranische Architekt Nader Khalili erfunden hat. Etliche weitere Gebäude aus traditionellen Lehmziegeln wurden vom ShamsArd-Team bereits entworfen oder befinden sich in Arbeit.


  • Moon House (privates Ferienhaus in Jericho) | © ShamsArd Design Studio

  • Kaykab Environmental Educational Centre | © ShamsArd Design Studio


Traditionelle Baumethoden

Lehmbau ist eine traditionelle Baumethode, die seit Jahrtausenden in Palästina praktiziert wird. Danna erklärt, dass mit der Einführung von Beton als Baustoff viel traditionelles Wissen verloren gegangen sei. Ein Großteil der Architektur in Palästinas Küstengebieten und im Jordantal bestünde zwar aus Lehm. Das technische Wissen dahinter sei jedoch zusammen mit den Hunderttausenden von Palästinensern, die 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden, in alle Winde zerstreut worden. Einige Lehmbaumeister gebe es noch in den Flüchtlingslagern im Westjordanland und im Jordantal. ShamsArd hat mit diesen Altmeistern Interviews geführt, um sicherzustellen, dass das einheimische Wissen erhalten bleibt und zukünftigen Generationen zur Verfügung steht.

Danna erläutert weiter, dass in den Bergregionen Palästinas Stein zu den traditionellen Baumaterialien gehöre. Hier verwende man in den Dörfern jedoch keine Steine aus Steinbrüchen, sondern solche, die Bauern zusammentrügen, wenn sie ihre Felder zum Anbau vorbereiteten. Derlei Gebäude seien bis heute in ländlichen Gebieten vorzufinden, dienten sie doch der Aufbewahrung der Saisonernte. Auch das Wissen um den Bau solcher Steingebäude laufe jedoch Gefahr, verloren zu gehen.

Große Nachfrage nach Alternativen

Obwohl ShamsArd Studio das bislang einzige Architekturbüro in Palästina ist, das natürliche Baumaterialien verwendet, wächst das Interesse an umweltfreundlichen Baumethoden, die gleichzeitig einen gesellschaftlichen Nutzen brächten. Danna ist überzeugt, dass Alternativen, die kostengünstig seien und gleichzeitig bautechnisch wie kulturell verträglich, bald Konjunktur in Palästina haben werden. Schon jetzt interessierten sich Studierende sehr für diese Alternativen und nutzten ihre Projekte, um mit natürlichen Bautechniken zu experimentieren. Dabei werde das ShamsArd-Team häufig hinzugezogen, um die Arbeit der Studierenden als Mentoren zu begleiten. Langsam, berichtet Danna überglücklich, bewege man sich in die Richtung einer lokalen, nachhaltigen Industrie.

    Zur Geschichte

    Januar 2016
    Raum & Wohnen
    Palästinensische Gebiete, Ramallah

     Shams Ard Studio

    Autorin

    Aisha Mansour
    besitzt über15 Jahre Erfahrung in den Bereichen Gesundheitspolitik,Krankenhausmanagement und öffentliche Verwaltung. Aisha istVorsitzende des Farashe Yoga Centers, wo sie auch ehrenamtlichunterrichtet. Sie ist Mitbegründerin der Sharaka Community SupportedAgriculture, einer ehrenamtlichen Gruppe, die sich mit dem ThemaErnährungssouveränität und der Erhaltung von Palästinastraditioneller Landwirtschaft befasst. In ihrer Freizeit kümmertsich Aisha um ihre Haushühner und ihren Straßenhund Sam undexperimentiert mit ihrer eigenen Ernährungssouveränität.

    Übersetzerin

    Jana Duman

    Verwenden

    Die Rechte an dem Text liegen beim Goethe-Institut Ramallah. Die Rechte an den Bildern hält Aisha Mansour. Bitte kontaktieren Sie uns, falls Sie Inhalte verwenden möchten.

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