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Mitbürger haben teil

Comet-MEStéphane de Vlaminck und seine Frau Caroline © Caroline de Vlaminck

Mitbürger haben teil

Der Weltmarkt ist nicht Stephane Vlamincks Ziel. Die Erzeugnisse seiner Mikrobrauerei bietet er gezielt im näheren Umkreis an, unterstützt von einem Verband für solidarisches Wirtschaften.

Im November 2015 startete Stéphane Vlaminck im belgischen Pécrot einen Aufruf, um Genossenschaftler für die Gründung einer Mikrobrauerei zu finden. Die Gesellschafter sollen einen Teil des notwendigen Kapitals beisteuern, das für das Funktionieren der Genossenschaft nötig ist. Die auf soziale Zwecke ausgerichtete Gesellschaft soll sich um die Belange der Brasserie du Renard – so der Name seiner Brauerei – kümmern. Außerdem ist Vlaminck auf ein Angebot für gebrauchtes Brauereimaterial aufmerksam geworden, das genau seinen Vorstellungen entspricht. Da heißt es schnell reagieren, um diese Gelegenheit nicht zu verpassen. Gleiches gilt für die Räumlichkeiten, in denen die Brauerei ihr zu Hause finden könnte. Sie liegen in der Gemeinde Pécrot, wo die Brauerei ihre Aktivitäten aufnehmen soll. Der Unternehmer erklärt: „Wir befinden uns heute an einem Scheideweg. Der Businessplan, den ich mit Hilfe von SAW-B (wallonischer Verband, der die Förderung der sozialen Marktwirtschaft unterstützt) ausgearbeitet habe, und der Finanzierungsplan, den wir erstellt haben, müssen sich nun bewähren.“

Ein biologisches und qualitativ hochwertiges Produkt

Das Projekt der Mikrobrauerei reift schon seit einigen Jahren in den Köpfen der drei Gründungsmitglieder Stéphane Vlaminck, seiner Frau Caroline Hofmans und Sylvain Delcourt. Dem Abenteuer liegt vor allem die Liebe zum Bier zugrunde: Stéphane absolvierte von 2000 bis 2005 ein Bioingenieur-Studium mit Schwerpunkt Gärungsindustrie am Universitäts-Campus CERIA in Brüssel. Nach Abschluss dieser Ausbildung hätte er bei einem klassischen Brauereibetrieb Arbeit finden können, doch das wollte er nicht.

Sein Ding sind handwerklich gebraute Fruchtbiere. „Fruchtige Biere, die nicht zu süß oder säurehaltig sind, aus frischen Früchten, die nach dem Pflücken gepresst oder manchmal zu Kompott verarbeitet werden. Was mich außerdem begeistert, ist die Vorstellung, mit lokalen Erzeugern zu arbeiten, denn so kann ich biologisch produzieren und habe eine kurze Produktionskette: Die Bio-Gerste und die roten Bio-Früchte beziehe ich von einem Landwirt in Nethen (Belgien). Auch die Äpfel und Birnen kommen aus der Region.“

Seit 2008 machte Stéphane Brauversuche im Keller seines Elternhauses. Der Bierliebhaber suchte unter Einsatz des gesamten technischen und handwerklichen Wissens, das er während des Studiums erworben hatte, nach den idealen Mischungen. Im Mai 2013 war es so weit: Seine Fruchtbiere mit wohlklingenden Namen wie L’Adorée, La Rousse de Poire oder La Diablesse gingen bei der Brauerei Brasserie de la Lesse in Rochefort in Produktion. In Mengen von jeweils 2.000 Litern werden die Biersorten über kurze Lieferketten abgesetzt, wie zum Beispiel über die GASAP (Groupement d’achats solidaires de l’agriculture paysanne – Solidarischer Einkaufsverband der bäuerlichen Landwirtschaft), über Gastronomiebetriebe in der Region, die sich auf biologische und handwerklich erzeugte Produkte spezialisiert haben, oder im Direktverkauf. Nichtsdestotrotz betont Stéphane: „Wir müssen den Markt noch erkunden und nach weiteren Möglichkeiten für kurze Produktions- und Lieferketten suchen.“

© Logo Brauerei

Die zentrale Projektphilosophie

Zwei Jahre bevor dieses erste Bier in der Brasserie de la Lesse in Produktion ging, nahm Stéphane Kontakt mit dem Netzwerk Grez en Transition (GeT) auf. Ziel von GeT ist es, der Bevölkerung der Gemeinde Grez-Doiceau eine Reihe von Aktivitäten zu bieten, bei denen die Vernetzung und das Teilen der Gemeinderessourcen nach den Prinzipien einer gemeinschaftlichen Nutzung im Mittelpunkt stehen. Neben Ernte-Workshops, dem Permakultur-Festival, Konferenzen, dem gemeinschaftlichen Lebensmittelladen und der lokalen Währung Les Blés unterstützt GeT lokale und bürgernahe Projekte.

Stéphane war sofort von dem Verband begeistert: „Ich war immer der Meinung, dass die Gründung meiner eigenen Brauerei nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen sollte, sondern dass sie auch für andere Werte stehen sollte, wie zum Beispiel einen respektvollen Umgang mit der Umwelt, Teilen, Solidarität, Zusammenarbeit. Mit dem Verband GeT’iT (Grez en Transition - investissement de transition solidaire, etwa Verband zur Förderung einer gemeinschaftlichen und solidarischen Wirtschaft ), habe ich einerseits diese Werte und andererseits ein Netzwerk an Unterstützung, Energie und Ideen gefunden. Es ist unglaublich, was man alles schaffen kann, wenn man nicht mehr alleine ist.“

Dank GeT‘iT nimmt das Projekt der Brasserie du Renard nun Form an. Ein erstes Stipendium in Höhe von 5.000 Euro, das er 2013 von ImpulCera - einem Projektaufruf zur Förderung von sozialem Unternehmertum von SAW-B und Partnern - für die Durchführbarkeit seines Projektes zugesprochen bekam, ermöglichte Stéphane die Ausarbeitung eines Businessplans mit Hilfe eines Beraters des SAW-B. Im darauffolgenden Jahr erhielt er ein Gründerstipendium von 10.000 Euro, um die Rechtsform festzulegen (nach seinem Wunsch eine Genossenschaft) und ein Marketingkonzept auszuarbeiten. „Ich suche Genossenschaftler, die sich an der Finanzierung dieser Struktur beteiligen, da ich Teil eines sozialen, wirtschaftlichen und solidarischen Netzes sein will und meine Mitbürger an meinem Kleinunternehmen teilhaben lassen möchte.“

Mit der Gründung der Brasserie participative du Renard – einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung und zu sozialen Zwecken – im Januar 2015 hat ein neuer Abschnitt begonnen. Mit dem Aufruf im November 2015, über den Genossenschaftler für das Projekt geworben werden sollen, nimmt das Projekt nun konkrete Formen an. Das erste Bier wird im Mai 2016 in den Räumlichkeiten in Pécrot produziert werden.

    Zur Geschichte

    März 2016
    Essen & Trinken
    Belgien, Grez-Doiceau

    Brasserie du Renard
    Grez en Transition

    Autorin

    Nathalie Cobbaut
    ist Journalistin und arbeitet unter anderem bei der belgischen Presseagentur Agence Alter. Sie hat sich auf die Analyse von aktuellen sozialen und gesellschaftspolitischen Themen spezialisiert, wobei ihr Fokus auf der Förderung von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten liegt.

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