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Schluss mit dem Stillstand

Eduardo SoterasFoto (CC BY-SA):  Annik de Carufel

Schluss mit dem Stillstand

Das Parkplatzproblem in Montreal löst man nicht durch mehr Stellplätze, ist die unabhängige Organisation CRE-Montréal überzeugt. Sie schlägt Politikern ein intelligentes, und nachhaltiges Management der Parkflächen vor.

Von Viertel zu Viertel unterschiedliche Preise, eine Vielzahl von Schildern und Vignetten und immer mehr Verkehr in der Innenstadt, weil Autofahrer Parkplätze suchen: Die Parkplatzsituation in Montreal ist oft chaotisch.

Im Dezember 2015 kündigte Bürgermeister Denis Coderre eine neue Parkflächen-Politik an. Sie orientiert sich am technischen Fortschritt und entspricht den Grundprinzipien der nachhaltigen Entwicklung. Die letzten derartigen Richtlinien stammen aus dem Jahr 1995! Das Konzept schlägt ein effizientes Angebotsmanagement, Echtzeitinformationen über freie Parkplätze und vereinfachte Parkregeln vor. Der öffentliche Personennahverkehr mit U-Bahn und Bus soll gestärkt werden, ebenso Fußgänger sowie Fahrradfahrer: An guten Ideen fehlt es dem Dokument nicht, das im Winter 2016 den Einwohnern von Montreal zur Beratung vorgelegt werden soll.

Fußgängerzone statt Parkplatz

Der Umwelt-Regionalrat von Montreal (CRE-Montréal = Conseil régional de l’environnement de Montréal) freute sich über die neu aufgelegte politische Vision zur Lösung des Parkproblems in der Metropole Quebecs. Der Rat ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, der nachhaltige Entwicklungen in der Region Montreal fördert. Verantwortlich für Kampagnen zu Verkehr, Treibhausgasen und Raumordnung des CRE ist Félix Gravel. Der Stadtplaner arbeitete früher bei der Stadt Montreal, bevor er ein „freies Glied, eine Führungsfigur für Veränderungen“ wurde. Für ihn veranschaulicht diese entschieden auf das 21. Jahrhundert ausgerichtete Politik den Einfluss, den der CRE-Montréal in der politischen Debatte und bei den Entscheidungsträgen haben kann.

Allerdings räumt er ein, dass die finanziellen Mittel seiner Organisation eher bescheiden seien. Vor allem im Vergleich zu denen ihrer Kritiker. Automobilhersteller und Unternehmerverbände trügen immer noch sehr stark die Idee von „no parking, no business“ in die Öffentlichkeit. Und doch werden seine Verbesserungsvorschläge und die seiner Kollegen ausgiebig diskutiert und von den Medien aufmerksam registriert. „Wir versuchen, laut und vernehmlich zu sprechen“, betont der Aktivist.


  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Félix Gravel, Photo (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Félix Gravel, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Parken in Montreal, Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel

  • Foto (CC BY-SA): Annik de Carufel



Und die Zahl der Autos in Montreal wächst. Statistisch gesehen hat jeder zweite erwachsene Bürger in Montreal ein eigenes Auto. In den Vorstädten ist es fast jeder Erwachsene. Der CRE schlägt deshalb verschiedene innovative Lösungen jenseits des Populismus vor: Hauptgeschäftsstraßen sollen in Fußgängerzonen umgewandelt, die Straßenbahn wieder eingesetzt und Angebote zum Carsharing und für öffentliche Fahrräder geschaffen werden. Zudem wünscht sich der CRE Sensoren, die schnell über freie Parkplätze informieren, sowie die Aufwertung von öffentlichen Plätzen.

Félix Gravel verfolgt mit seinem Team auch Entwicklungen im Ausland. Deshalb haben sie in den vergangenen Jahren „die besten Leute aus dem Ausland und der Region, die mit ihren Ideen der Zeit voraus sind,“ nach Montreal eingeladen. Zu Gast waren unter anderem die ehemalige Bürgermeisterin von Straßburg Catherine Trautmann und Timothy Papandreou, politischer Direktor des Verkehrsamts von San Francisco; beide führende Köpfe der nachhaltigen Verkehrs- und Stadtplanung.

Kostenlos parken hat einen hohen Preis

Seine Vorschläge zur Lösung des Parkproblems fasste der CRE in zwei Veröffentlichungen zusammen, die dazu beigetragen haben, dass sich die politischen Instanzen Gedanken machen. Mit der Studie Pour une connaissance et une gestion renouvelée du stationnement (Plädoyer für ein neues Bewusstsein und ein neuartiges Management von Parkflächen) und dem Leitfaden Le stationnement : un outil incontournable de gestion de la mobilité et de l’aménagement durables (Parken – ein unentbehrliches Instrument des nachhaltigen Mobilitätsmanagements und der nachhaltigen Stadtplanung) möchte die Organisation alte Gewohnheiten aufbrechen und mit einigen Mythen aufräumen. Etwa dem sakrosankten Recht des Autofahrers auf einen kostenlosen Parkplatz, überall und jederzeit.

Félix Gravel zitiert den amerikanischen Wissenschaftler Donald Shoup, eine Koryphäe in der nachhaltigen Stadtplanung. Er spricht vom „hohen Preis des kostenlosen Parkens“. Shoup bedauert „dogmatische Haltungen“, die so tun, als würden mehr Parkplätze wie von Zauberhand alle Probleme lösen. „Die Forderung nach kostenlosen Parkplätzen ist der Gipfel des Unverständnisses, da die Herausforderungen wesentlich komplexer sind“, ist auch Félix Gravel überzeugt. Dieser Ansatz habe noch in keiner Stadt funktioniert. Eines der schlimmsten Beispiele dafür sei Los Angeles. Auch in den Innenstädten von Buffalo und in Winnipeg seien 50 Prozent der Fläche Parkplätze. In Montreal sind 40 Hektar – das entspricht acht Prozent der städtischen Fläche – für das Parken vorgesehen. Eine starke Vermehrung von Wärmeinseln ist zu beobachten, und in dicht bevölkerten Stadtvierteln sinkt die Lebensqualität spürbar. Gleichzeitig werden Fußgänger und Radfahrer in den Augen der Autofahrer zum Ärgernis.

Félix Gravel findet daher: „Der Status quo ist unhaltbar.“ Und er wünscht sich, dass man eines Tages Parkplätze abschaffen kann, „ohne dass es einen Aufstand gibt.“ Er träumt davon, „dass sich Montreal hochwertige öffentliche Räume gönnt, mit mehr Bäumen, mit Gehsteigen, Radwegen und Straßencafés. Eigentlich ist es Gravels größter Traum, das Ende des Automobils als Statussymbol zu erleben. Dazu sagt er: „Eigentlich sollte man sich schämen, wenn man sich über Autobesitz definiert!“

    Zur Geschichte

    März 2016
    Mobilität
    Kanada, Montreal

    Conseil régional de l’environnement de Montréal
    CRE-Studie
    CRE-Leitfaden

    Autor

    André Lavoie
    lebt als freier Journalist in Montreal und schreibt unter anderem für die Tageszeitung Le Devoir sowie für die Zeitschriften Coup de Pouce und Sélection du Readers´s Digest.

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